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Deutschsprachige Dichter und Schriftsteller vom Mittelalter bis zur Gegenwart

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Kunze, Reiner



»schriftsteiler K.« weigert sich, »antreten / Kopf bei fuß«. Sein vorläufig letzter, größtenteils in der Bundesrepublik entstandener Gedichtband auf eigene Hoffnung führt im neuen gesellschaftlichen Umfeld konsequent das Thema fort, mit dem er seit Ende der 50er Jahre bei den Kulturfunktionären der DDR Anstoß erregte: die »Verteidigung der Poesie« gegen jede doktrinäre Fremdbestimmung. Den Versuchen zur Funktionalisierung der Kunst im »sinn« politischer Parteien oder anderer Interessengruppen setzt er die Parole des Erasmus von Rotterdam entgegen: »Von niemandem vereinnahmbar«. Diesen beispielhaften Anwalt einer unabhängigen, skeptischen Vernunft zählt er, neben Albert Camus, dessen Bewußtsein humaner Verantwortlichkeit auch angesichts einer »absurden« Welt er teilt, und Sebastian Ca-stellio, dem »Begründer des modernen Toleranzgedankens«, zu seinen bevorzugten »Wahlahnen«. Das »kompromißlose« Bestehen auf dem Freiraum der Kunst, »nicht einstimmen/ müssen«, das zugleich ein Bekenntnis zu der Unverfügbarkeit des einzelnen den Ansprüchen der Macht gegenüber beinhaltet, ist durch seine eigenen Erfahrungen mit ideologischen Konformitätszwängen beglaubigt.



      Seine Eltern haben ihm bereits die Lehrstelle bei einem Schuhmacher ausgesucht, als K. »nach Kriegsende« die Chance erhält, eine der im Zuge der Beseitigung traditioneller Bildungsprivilegien neu eingerichteten »Aufbauklassen... für Arbeiterkinder auf den Oberschulen« zu besuchen. Mit 16 Jahren tritt er in die SED ein, von der er im Rahmen eines antifaschistischen gesellschaftlichen Neubeginns die weitere »Beseitigung der sozialen Unterschiede« erhofft. Von 1951 bis 1955 studiert K. in Leipzig Journalistik und Philosophie, legt aber »unter anderem« auch in Literatur-, Musik- und Kunstgeschichte das Examen ab. Während der anschließenden vierjährigen Tätigkeit als wissenschaftlicher Assistent beginnt für ihn »die große politische Desillusionierung«, der, »als Ergebnis« ideologischer Angriffe, »ein psychischer Zusammenbruch« folgt. »Kurz vor der Promotion« verläßt er die Universität und arbeitet ein Jahr »als Hilfsschlosser im Schwermaschinenbau«. Danach wird er freier Schriftsteller.
     
Für »eine zum Teil peinlich-billige Illustration« vorgegebener Ideen hält K. rückblickend seine bis dahin veröffentlichten Gedichte. »Literarisch verantwortbar« erscheint ihm erst der 1963 nur in der Bundesrepublik erschienene Band Widmungen. Aui die Entwicklung seiner Ästhetik des »poetischen Bildes« und der lakonischen »Genauigkeit« übt die — durch die Korrespondenz mit seiner späteren Frau seit i vermittelte - Bekanntschaft mit der »modernen tschechischen Poesie« und ihren wichtigsten Repräsentanten, als deren Ãœbersetzer er nun hervortritt, einen »bestimmenden« Einfluß aus. Auch nach der Rückkehr in die DDR 1962, nach Greiz im Vogtland, bleibt ihm die Tschechoslowakei »geistiges Asyl«. Als K. einen Tag nach der gewaltsamen Beendigung des dortigen reformsozialistischen Experiments durch die Truppen des Warschauer Paktes aus Protest die SED verläßt, steigern sich seine bisherigen Veröffentlichungsschwierigkeiten zum »totalen« Boykott.
      Nachdem die Gedichtbände Sensible Wege und Zimmerlautstärke lediglich bei westdeutschen Verlagen erschienen waren, wird 1973, nicht zuletzt aufgrund K.s wachsenden internationalen Ruhms, in der DDR überraschend ein schnell vergriffener Querschnitt durch sein lyrisches CEuvre vorgelegt . Mit dem Erscheinen der vornehmlich die alltäglichen staatlichen Repressionen auf die Jugend thematisierenden Prosaminiaturen Die wunderbaren Jahre im Westen ist der Bruch jedoch endgültig. K. wird aus dem Schriftsteüerverband ausgeschlossen. Erst nach einem schikanösen Nervenkrieg der Behörden gegen die Familie wird im April 1977 seinem Antrag auf Ausreise in die Bundesrepublik stattgegeben.
      Auch in seiner neuen Heimat, wo er - vielfach ausgezeichnet, daneben seit der anfechtbaren Verfilmung der Wunderbaren Jahre , die Ausschnitthaftigkeit der Texte zugunsten einer linearen Handlung auflöst, gelegentlich pauschal der »Anpassung« verdächtigt, ist K. kritischer Nonkonformist und »Einzelgänger« geblieben. Beispielhaft verdeutlicht dies seine Distanz zu den hektischen Marktgesetzen des »Literaturbetriebs«, von dem er sich auch räumlich fernhält, weil er die von ihm beklagte Reduktion der Menschen auf ihren Warencharakter widerspiegelt.
     


Kunze, reiner

Auf dich im blauen Mantel Knörrich, Otto. In: Reiner Kunze / Materialien, 1987, S. 296 - 306. Beim Auspacken der mitgebrachten Bücher Lermen, Birgit und Loewen, Matthias. In: Lyrik aus der DDR, 1987, S. 310 - 312. Bittgedanke, dir zu Füßen Wohmann, Gabriele. In: Frankfurter Anthologie .....
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Sensible wege - reiner kunze

Sensibel ist die erde über den quellen: kein bäum darf gefällt, keine wurzel gerodet werden Die quellen könnten 5 versiegen Wie viele bäume werden gefällt, wie viele wurzeln gerodet in uns 10 D .....
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Kleines ruhmesblatt für alexander graf von faber castell - reiner kunze

1 Als wir zu beginn der sechziger jähre nach Greiz in Thüringen gezogen waren, sagte eines morgens die briefträgerin: »Was die leute so reden, herr Kunze.« Sie wollte sich nicht nur der post entledigen, und ich ermutigte sie. »Sie hätten eine so tüchtige frau«, sagte sie. »Stimmt«, sagte ich. »Jed .....
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Breinersdorfer, fred

Biografie: *1 in Mannheim. F. Breinersdorfer studierte in Mainz und Tübingen Jura und Soziologie und promovierte über Gleichheit der Bildungschancen in Deutschland. 17 Jahre praktizierte er in Stuttgart als Anwalt, spezialisiert auf Hochschulrecht, besonders Numerus-Clausus-Prozesse. 1980 erschien s .....
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Sowa, reiner m.

Biografie: *17.1.1959. R. M. Sowa ist Diplomverwaltungswirt und Kriminalhauptkommissar. Er arbeitete zunächst als Drogenfahnder und Todesermittler, später als Dozent für Kriminalistik und Strafrecht an polizeilichen Bildungsinstituten. Im Auftrag der Vereinten Nationen errichtete er in Sarajewo eine .....
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