Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt




Deutschsprachige Dichter und Schriftsteller vom Mittelalter bis zur Gegenwart

Index
» Autoren
» Deutschsprachige Dichter und Schriftsteller vom Mittelalter bis zur Gegenwart
» Kisch, Egon Erwin

Kisch, Egon Erwin



Er war ein deutschsprachiger Schriftsteller jüdischer Abstammung und tschechischer Nationalität: K., ein ehrgeiziger Bonvivant, ein fröhlicher Klassenkämpfer, ein engagierter und raffinierter Journalist. Er entstammte einer angesehenen und wohlhabenden Prager Tuchhändlerfamilie. Ähnlich wie Erich Kästner verband ihn eine enge Liebe zu seiner Mutter, die sich aufgrund der Kompromißlosigkeit des Sohnes allerdings in erster Linie von Seiten Ernestine Kischs zu bewähren hatte: Egon entwickelte sich als Privatschüler, als Klosterschüler und als Heranwachsender auf der »Nikolander «-Oberrealschule zum »Sorgenkind«: er war ein schlechter Schüler, ein Haudegen in Couleur und verbrachte als Neunzehnjähriger einen Großteil seines Müitärdienstes unter Arrest, nachdem er sowohl ein Studium an der Technischen Hochschule als auch an der Deutschen Universität in Prag nach kurzer Zeit abgebrochen hatte.



      Auch eine private Journalistenschule in Berlin verließ er 1906 nach kurzer Zeit wieder und arbeitete bis 1913 als Lokalreporter der deutschtümelnden Prager Zeitung Bohemia. Frühen Gedichten und Geschichten folgten 1912 die ersten Reportagen des Lokalberichterstatters: Aus Prager Gassen und Nächten. Besonders die nächtlichen Gassen Prags, ihre Lokale und Freudenmädchen waren K. vertraut. Ob von Max Brod oder von Franz Werfel, stets wird der junge Journalist als frauenumschwärmter Bohemicn, als versierter Tänzer und profunder Kenner der Prager Halb- und Unterwelt geschildert. Der schreibende Flaneur wandte sich mit der Begeisterung seiner expressionistisch dichtenden Zeitgenossen dem »Miljöh« der Großstadt zu, den »Außenseitern der Gesellschaft«, und somit dem von Kurt Tucholsky immer wieder geforderten »vertikalen Journalismus«. Bei aller liebevollen Verbundenheit hatte K. die Betuchtheit seines Elternhauses abgelegt und sich voller Vitalität dem »anderen« Prag zugewandt — stoffliche Vorlage für seinen einzigen Roman Der Mädchenhirt .
      Im Ersten Weltkrieg schwer verwundet, begann K. Partei zu ergreifen: zunächst in einer Doppelexistenz als Militärjournalist und illegal agierender Soldatenrat, später dann als Mitglied der »Föderation Revolutionärer Sozialisten internationale«, im November 1918 vorübergehend als Kommandant der Roten Garde in Wien und ab Juni 1919 schließlich als Mitglied der Kommunistischen Partei Österreichs. Nach einem kurzen Aufenthalt in seiner Geburtsstadt zieht K. 1921 nach Berlin und wird dort Mitarbeiter politisch so unterschiedlicher Zeitungen wie dem Berliner Börsen-Courier, der Weltbühne oder der Roten Fahne. K. ist verletzbar und ehrgeizig: seine Feindschaft zu Karl Kraus oder dem Wiener Kaffeehausdichter Anton Kuh, vor allem aber die ebenso vehement wie multilateral gegen ihn geführte Pressekampagne bezüglich seines unentschlossenen politischen Vorgehens im Winter 1918/19 haben ihn hart getroffen. K. setzt in Berlin alles daran, als Journalist berühmt zu werden. Bekannt ist er bereits durch die sensationelle Veröffentlichung seiner

Recherchen im Fall des Generalstabchefi Redl - berühmt wurde K. durch seinen Sammelband Der rasende Reporter . Wie er in einem Brief an seine Mutter betonte, hatte er alles getan, um dem Buch zum Erfolg zu verhelfen: Mit dem Titel hatte sich K. selbst eine Art Warenzeichen gegeben; im Vorwort war zudem eine Konzession des Kommunisten an die »Neue Sachlichkeit« zu lesen: »Der Reporter hat keine Tendenz, hat nichts zu rechtfertigen und hat keinen Standpunkt.« Was ihn selbst betraf, so vertrat er inzwischen einen klaren Standpunkt, wenn auch niemals exakt denjenigen seiner Partei. K.s Kunst bestand darin, die Wirklichkeit aus persönlichen Wahrheiten heraus dokumentarisch zu gestalten oder — wie es Joseph Roth formuliert hat: »Egon Erwin Kisch ist kein rasender Reporter; das ist ein Spitzname, den er sich nicht ohne Sclbstironie gegeben hat; er ist ein gewissenhafter und gründlicher Berichterstatter. Was ihn aber zum vorzüglichen Schriftsteller macht und seine Berichterstattungen zu literarischen Werken, ist...die Gnade des echten Schriftstellers, die darin besteht, daß man die Wirklichkeit beschreibt, ohne die Wahrheit zu verletzen; daß man trotz der dokumentarischen Wirklichkeit nicht versäumt, die Wahrheit zu sagen.«
K., inzwischen weltbekannt, veröffentlichte noch zwei weitere, reißerisch betitelte Reportagesammlungen, mit denen er das Unterhaltungsbedürfnis seiner Leser befriedigen, aber zugleich auch den Blick für gesellschaftliche Randgruppen schärfen wollte: Hetzjagd durch die Zeit und Wagnisse in aller Welt . Entschieden trat K. nun für die Parteilichkeit des Schriftstellers ein. Gespräche in Alfred Döblins »Gruppe 1925« sowie im »Schutzverband Deutscher Schriftsteller« mögen hierzu beigetragen haben. Er setzt sich erfolgreich für Max Hoelz, kommunistisches Opfer der Klassenjustiz, ein und wird Mitbegründer des »Bundes Proletarisch-Revolutionärer Schriftsteller«. Nach Zaren, Popen, Bolschewiken , Paradies Amerika und zwei Reportagebänden aus Asien muß K. auf der Höhe seines literarischen Erfolges 1933 Deutschland verlassen. Oft nur kurzzeitige Stationen seines Exils sind die Tschechoslowakei, Frankreich, Großbritannien, Spanien, Belgien, die Niederlande und Australien, wo er seine Teilnahme als Delegierter des »Weltkongresses gegen Faschismus und Krieg« auf sensationelle Weise gegen den Willen der australischen Behörden erzwingt {Landung in Australien, 1937). Während der Arbeit an diesem Buch wohnt K. mit seiner Vertrauten und späteren Frau Gisela Lyner nahe Ostende. Dort lebt 1936 auch Irmgard Keun, die später über K. schrieb: »Er sprühte und knisterte vor Lebendigkeit, Kampfeslust, Witz und Einfällen.« Diese Eigenschaften waren es auch, die K. ein Jahr später bei den Interbrigaden in Spanien so beliebt machten: In zahlreichen Erinnerungen an den Spanischen Bürgerkrieg finden sich Schilderungen des humorvoll-vitalen K., der, stets eine Zigarette im Mundwinkel, als unterhaltsamer Freizeitzauberer und uniformierter Zeitungskorrespondent am Bürgerkrieg teilnahm.
      Nachdem der antifaschistische Widerstand in Europa zusammengebrochen war, zogen K. und seine aus behördlichen Gründen nun angetraute Lebensgefährtin Gisela nach Mexiko. Der populäre Reporter arbeitete dort an der Zeitschrift Freies Deutschland mit und veröffentlichte im Exilverlag El Libro Libre nach Jugenderinnerungen seinen letzten Reportageband: Entdeckungen in Mexiko . Ein Jahr nach Kriegsende kehrte K. mit seiner Frau nach Prag zurück. Er starb im Alter von 62 Jahren an einem Herzschlag.
      K. verhalf der Reportage als literarischer Form zu allgemeiner Anerkennung. Zum Teil mit rhetorischen Mitteln, bewußten Redundanzen und der Gegenüberstellung von scheinbar Widersprüchlichem, mit Wortspielen und Anspielungen, mit Ironie, bisweilen parodierend oder auch polemisierend, gestaltete K. Sachliches phantasievoll, betonte er als Schriftsteller den exotischen Reiz gerade des Alltäglichen und verblüffte durch die literarische Bearbeitung keinesfalls »einfach« berichteter Wahrheiten. Auf den Autor selbst trifft zu, was er im Rasenden Reporter über Honore de Balzac geschrieben hat: Er war »der größte Phantast der Realität«.
     


Egon erwin kisch - reportage als kunstform und kampfform

Die doppelte Tätigkeit, die dem sozial bewußten Schriftsteller gestellt ist, die des Kampfes und die der Kunst, würde in ihrer Einheit aufgehoben, sie würde in beiden Teilen wirkungslos und wertlos werden, wenn er in seiner Kunst oder in seinem Kampf zurückwiche. Nicht um formaler Wirkung wegen habe .....
[ mehr ]
Index » Textsammlung zur deutschen Literaturgeschichte

Kisch, egon erwin

Egon Erwin Kisch war eine der vielseitigsten journalistischen Persönlichkeiten und gilt als Begründer und Meister der literarischen Reportage. Als Protagonist der Neuen Sachlichkeit verfasste er exakte Milieustudien und interessante Reiseberichte, die aufgrund ihrer Komposition, ihrer kunstvollen Sp .....
[ mehr ]
Index » Autoren

Die fränkische schweiz

Schweiz< heißt die Fränkische Schweiz nach ihrem großen Bruder. Sic ist zwar nicht wie dieser ein eigener Staat; aber so viele Landschaften mit dem Titel »Schweiz« es in Deutschland auch geben mag: verdient hat ihn wohl am ehesten die Fränkische. Renommieren können die Einwohner mit ihren steilen Ju .....
[ mehr ]
Index » Deutsche Landschaften

Die Ãœberwindung der romantik

Der obskur-reaktionären Romantik standen zu gleicher Zeit bereits künstlerische Kräfte gegenüber, die Gewähr und Ausdruck waren für neue, progressiv-künstlerische Entwicklungen. Goethe hat sich lange und gründlich mit der Romantik als geistiger Konzeption sowie mit ihren Vertretern auseinandergeset .....
[ mehr ]
Index » Textsammlung zur deutschen Literaturgeschichte

Osso, eis —» eis, egon und eis, otto ott, arnold e.

Pseud. für: Wilfried Otterstedt Biografie:*. A. E. Ott arbeitete nahezu ausschließlich als Hörfunkautor und veröffentlichte seit Beginn der 60er-Jahre eine Vielzahl von Kriminalhörspielen, überwiegend in der Produktion Radio Bremen. Seine Stücke sind konventionelle Spannungs- und Detektivgeschichten .....
[ mehr ]
Index » Autoren » Deutschsprachigen Krimi-Autoren

Eis, egon und eis, otto

Pseud. für: Egon Eisler und Otto Eisler; auch unter den Pseud.: Egon van Eyss, Osso van Eyss, Osso Eis Biografie: Egon Eis: *6.10.1 in Wien, t6.9.1 in München. Otto Eis: *19.3.1 in Budapest, tl4.1.1 in Hollywood. O. Eis, Sohn eines Bauunternehmers, begann seine literarische Tätigkeit mit Humoresken, .....
[ mehr ]
Index » Autoren » Deutschsprachigen Krimi-Autoren

Bilderbuch: oregons reise (rascal/joos l993)

Kinder- und Jugendbücher mit existentiell-ethischem Charakter und religionspropädeutischer Funktion Die existentielle Grundsehnsucht des Menschen nach Freiheit wird in die Geschichte vom Bären Oregon gefasst, der sich aus dem Zirkus weg sehnt in die wilde Heimat der Bären und den Zirkusclown Duke .....
[ mehr ]
Index » Taschenbuch der Kinder- und Jugendliteratur » MONIKA BORN

Die 'völkische jugendschrift

Die 'völkische" Jugendschrift dient der Bewahrung des Erbgutes der Vergangenheit und der 'völkischen" Substanz, sie will 'das Ich in der Begegnung mit dem artentsprossenen Volksgut heranreifen lassen zu völkischem Glauben, Denken, Fühlen und Wollen" ; ihr Thema ist das deutsche Schicksal in den .....
[ mehr ]
Index » Taschenbuch der Kinder- und Jugendliteratur » OTTO BRUNKEN

Möglichkeiten, schreibblockaden zu überwinden

Zum Glück gibt es Tricks und Strategien, um sich und die Angst zu überlisten. Vielleicht können dir ja einige davon sogar nützlich sein. Wenn mir beim Schreiben eines Zeitungsartikels nichts einfällt, schreibe ich zum Beispiel schon mal meinen Namen hin, der normalerweise ans Ende kommt. Dann steht .....
[ mehr ]
Index » Schreiberlust und Dichterfrust » In einem Zug oder »writer s block«?

Exkurs: kischs wahrheit

Aber vielleicht ist in diesen Bildern aus Roths melancholischem Blick mehr und haltbarer Wahrheit iibriggeblieben, als in der flotten Bissig-keit, die Egon Erwin Kisch in seinen Reportagen aus dem Ruhrgebiet an den Tag legt. Seine Reportagen aus dem Ruhrgebiet hat er 1924 in dem Buch veroffentlicht .....
[ mehr ]
Index » Romane der Weimarer Republik » UNION DER FESTEN HAND

Schrödinger, erwin

In physikalischen Veröffentlichungen ist es sein Name, der am häufigsten zitiert wird. Die heutige Physik und Chemie sind undenkbar ohne die Schrödinger-Gleichung und die Schrö-dingersche Wellenfunktion. Beide bilden das Kernstück der sogenannten Wellenmechanik, die 1926 in Form von vier Mitteilunge .....
[ mehr ]
Index » Autoren » Philosophen biographisch

Holthusen, hans egon

Der Morgen Hock, Erich. In: Interpretationen moderner Lyrik, 1981, S. 93 - 102. .....
[ mehr ]
Index » Autoren » Index der Gedichttitel

Strittmatter, erwin

Erwin Strittmatter zählte zu den bedeutendsten Autoren der DDR; fünfmal wurde er mit dem Nationalpreis ausgezeichnet. Zentrales Thema seiner Werke sind die Lebensbedingungen und gesellschaftlichen Veränderungen der Landbevölkerung und deren Umgang mit der Umwälzung der Produktionsbedingungen. Der S .....
[ mehr ]
Index » Autoren

Panofsky erwin

Als Begründer und Hauptvertreter der ikonolo-gischen Schule hat der Kunsthistoriker Erwin Panofsky weltweite Bedeutung erlangt. Auch wenn seinen Vorstellungen von der Bedeutungslehre der Kunstwerke widersprochen worden ist, hat er einen wesentlichen Beitrag zur kunstwissenschaftlichen Forschung gel .....
[ mehr ]
Index » Autoren

Friedell, egon

Der Schriftsteller und Theaterkritiker Egon Friedell wurde Lesern vor allem mit seinen Büchern Kulturgeschichte des Altertums sowie der Kulturgeschichte der Neuzeit bekannt. Kurz nach Friedells Geburt als zweiter Sohn eines jüdischen Ehepaars verließ seine Mutter die Familie. Nach dem Tod seines V .....
[ mehr ]
Index » Autoren

Niedergang und Ãœberwindung der ideologie

Mannheims und Habermas Einstellung zur Ideologie und zum Ideologiebegriff erklärt sich z. T. aus ihrer Kritik des Marxschen Klassenbegriffes, den beide — obwohl aus verschiedenen Gründen — für unzulänglich halten. Beide gehen davon aus, daß die Ideologie als Symptom der Klassengesellschaft all .....
[ mehr ]
Index » Ideologie und Theorie » Jenseits der Ideologie: „freischwebende Intelligenz" und „ideale Sprechsituation"

Die fränkische platte

Danach fuhren wir gen Erlabrunn da lagen wir übernacht und verzehrten 22 Pfennig.« Ganz so billig wie weiland Albrecht Dürer im Jahre 1520 waren schon wir drei Pennäler nicht davongekommen, als wir vierhundertelf Jahre später dem Maler in das fränkische Weinland folgten; mit dem Fahrrad eine gute Wo .....
[ mehr ]
Index » Deutsche Landschaften

Erwin pracht - sozialistischer realismus als künstlerische methode

Wie Marx nachwies, scheidet die Bourgeoisie mit der massenhaften Durchsetzung von Industriekapital und Lohnarbeit im letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts als kulturzeugende und kulturtragende Klasse aus der Geschichte aus, wobei dies als historischer Prozeß aufzufassen ist. An einer Kunst, die p .....
[ mehr ]
Index » Textsammlung zur deutschen Literaturgeschichte

 Tags:
Kisch,  Egon  Erwin    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com