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Deutschsprachige Dichter und Schriftsteller vom Mittelalter bis zur Gegenwart

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Haushofer, Marien



»Ich schreibe nie über etwas anderes als über eigene Erfahrungen. Alle meine Personen sind Teile von mir, sozusagen abgespaltene Persönlichkeiten, die ich recht gut kenne. Kommt einmal eine mir wesensfremde Figur vor, versuche ich nie in sie einzudringen, sondern begnüge mich mit einer Beschreibung ihrer Erscheinung und ihrer Wirkung auf die Umwelt.« Erst mit der Wiederveröffentlichung ihres Romans Die Wand 1983 wurde H.s literarische Bedeutung allgemein anerkannt. Man las das 1963 erstmals erschienene Buch im Gefolge der Friedensbewegung als eine frühe Warnung vor der Neutronenbombe, im Gefolge der Frauenbewegung als ein frühes Manifest feministischer Kulturkritik. Die Wand aber, die der Ich-Erzählerin dieses Romans als Isolation von außen wie von innen niedergeht, ist kerne politische Chiffre, sondern die radikale Konsequenz ihrer Erfahrungen als Frau im engen Kreis gesellschaftlicher Sozialisation. Die Wurzeln der Daseinstrauer, des klaustrophobischen Eingeschlossenseins, des Wegdenkens von allen Menschen - Züge, die in den meisten Erzählungen und Romanen H.s wiederkehren - liegen, sucht man denn schon nach einer biographisch motivierten Veranlassung, nicht in der Gegenwart, sondern in der Vergangenheit: »katholische Kindheit und >Hitlerjugend< waren die frühen Tapeten zu H.s Seelenleben« . Die schreckliche Erkenntnis, daß einer nie wieder in seine Kindheit zurückkehren könne - mit diesem Bild schließt der Roman Himmel, der nirgendwo endet , in dem H. die Autobiographie ihrer ersten zehn Lebensjahre beschrieben hat. Es ist wohl kein Zufall, daß sie mehrere - überaus erfolgreiche — Kinderbücher verfaßte , die sich in heiterer Mimikry derkindlichen Seele einfühlen. Die Wälder und Berge ihrer Kindheit jedenfalls kehren in fast allen Romanen als Fluchtorte wieder -jetzt freilich in charakteristischer Ambivalenz als Stätten idyllischer Regression und melancholischer Leere. Unbeschwerte Jugend im Oberösterreichischen, wo der Vater Revierförster war; Leidensjahre in einer katholischen Klosterschule; Reichsarbeitsdienst in Ostpreußen; Germanistikstudium in Wien und Graz; frühe Ehe mit einem Partner, von dem sie sich scheiden ließ, um ihn zwei Jahre darauf erneut zu heiraten; schließlich der Krebstod - das sind die Stichwörter ihrer Biographie, die sich fernab aller Öffentlichkeit als Hausfrau und Mutter, als Ordinationshilfe ihres Mannes, eines Zahnarztes, in der oberösterreichischen Kleinstadt Steyr vollzog. Das Schreiben hatte sie aus ihrem Alltag ausgegrenzt — wie die Ich-Erzählerin des Romans Die Mansarde ihre Tätigkeit als Illustratorin und Zeichnerin. Die Mansarde, das Dachzimmer im bürgerlichen Einfamilienhaus, die Alm-und Berghütte in der Wand - sie werden den Frauen zu Fluchtorten ihrer unbürgerlichen Ausschweifungen, die sie in der Familie, in der GeseDschaft nicht realisieren können. Immer wieder ereignet sich die Katastrophe als das Normale: »Die Verrücktheit, die meine ganze Generation befallen hat, ist die Folge von Ereignissen, denen wir nicht gewachsen waren.« Alles ,was H. geschrieben hat, ist Ehe-Geschichte, ist in der Familie angesiedelt, wird mit dem Bück und dem Wissen einer Frau dargestellt, aber zugleich als Bericht fiktionalisiert, dem es nicht um Identifikation, sondern um schmerzvolle Distanz geht: »Es gibt keine vernünftigere Regung als Liebe... Nur, wir hätten rechtzeitig erkennen sollen, daß dies unsere einzige Möglichkeit war, unsere einzige Hoffnung auf ein besseres Leben... Für ein unendliches Heer von Toten ist die einzige Möglichkeit des Menschen für immer vertan... Ich kann nicht verstehen, warum wir den falschen Weg einschlagen mußten. Ich weiß nur, daß es zu spät ist.« Allen Erzählungen und Romanen H.s hegt dieselbe Situation zugrunde: eine Frau scheitert an der Liebesunfähigkeit der Männer, an der Monstrosität des Alltags, vor der sie sich nur durch Rückzug, durch Flucht retten kann. Aber allemal zeichnet H. die Frau, »die Parallelschaltung der Ehe widerstandslos mitvollziehend« , auch als Mitschuldige am Verrat der Männer — mitschuldig durch Wissen, mitschuldig durch Schweigen. Gerade in diesem passiven Entgleiten, in dieser Auflösung des Ich, dessen Blick, dessen Worte von weit her zu kommen scheinen, liegt nicht zuletzt die Faszination, die H.s Bücher auf eine jüngere Generation ausüben: »Leben ist nur noch eine Begleiterscheinung der Verhältnisse« . Die letzte Tagebucheintragung H.s vom 26. Februar 1970 schließt: »Mach Dir keine Sorgen — alles wird vergebens gewesen sein - wie bei allen Menschen vor Dir. Eine völlig normale Geschichte.«



»Oder war da manchmal noch etwas anderes?« Texte zu Marien Haushofer von Anne Duden u.a. Frankfurt a.M. 1986.
      Uwe Schweikert


Haushofer, albrecht

Die Mücke {Ein leises Gesurr) Neis, Edgar. In: Tiergedichte, 1976, S. 79 - 81. Maschinensklaven Buch, Hans Christoph. In: Frankfurter Anthologie 9, 1985. S. 183- 186. Schuld Harig, Ludwig. In: Frankfurter Anthologie 19, 1996, S. 183 - 186. .....
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Haushofer,  Marien    





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