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Deutschsprachige Dichter und Schriftsteller vom Mittelalter bis zur Gegenwart

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Borchardt, Rudolf



»Ich bin 25 Jahre alt, evangelisch reformierter Konfession. Doktor der Philosophie. Ich habe an den Universitäten Berlin, Oxford, Bonn und Göttingen klassische Philologie und Archäologie studiert und bereite mich auf die Habilitation für diese Disziplin vor. Mein freies selbständiges und disponibles Vermögen beträgt im Augenblicke rund 820000 Mark. Ich bin... von meiner Familie pekuniär unabhängig. Meine Konstitution ist gesund... Mein Vater ist, seit er sich von der Leitung seiner eigenen Bankhäuser zurückgezogen hat, Aufsichtsrat in einer Anzahl von industriellen und Bankinstituten. Meine Mutter... stammt aus einer jüdischen Familie.« So beschreibt B. Herkunft, Ausbildung und Vermögensverhältnisse in einem Heiratsantrag, den er an den Vater des Mädchens richtet, dabei Wirklichkeit und Einbildung zu einer höheren Wahrheit mischend, wie es sich für einen Dichter gehört, der höchste Ansprüche stellt. Tatsache ist, daß er »durch die Fülle lebendiger Gedanken« sofort die Aufmerksamkeit seines Göttinger Professors gefunden, sein Examen glänzend bestanden und allerbeste weitere Aussichten hatte. Aber zum Doktorexamen war es nicht gekommen; ein skandalöses Duell hatte einen seelischen und körperlichen Zusammenbruch ausgelöst und eine längere Kur nötig gemacht. Auch die Vermögensverhältnisse sind, obschon B. zeitlebens über ererbten materiellen Rückhalt verfügte, kaum realistisch benannt. Fiktionen werden hier Realitäten, die nicht mit dem Maßstab platter Wirklichkeit gemessen werden dürfen. Dies gilt für B.s Dichtungen, jedoch nicht minder für seine dem Tagesgeschehen gewidmeten Äußerungen: Nicht einmal sie sind Kopien der Welt, sondern autonome Schöpfungen innerhalb dieser Welt.



      Der Kuraufenthalt in Bad Nassau hatte B. mit einer jungen Dame zusammengebracht, die alles in ihm zu den höchsten Erwartungen und Leistungen steigerte. Alle bis dahin entwickelten dichterischen Vorstellungen sammelt und ordnet er nun um das Bild, das er sich von diesem Mädchen macht . Das entstandene Buch Vivien ist eine der großartigsten Dichtungen B.s gebheben, zu Lebzeiten nur aufgelöst und in überarbeiteter Form in den Jugendgedichten , erst postum in den ursprünglichen Fassungen veröffentlicht.
      Diese Gedichte sind frischestes, unmittelbar Sprache gewordenes Erlebnis und gleichwohl von hohem Kunstverstand gebildet. Mit der natürlichsten Gebärde äußert sich B. in schwierigen festen Formen, später ebenso souverän in seltenen griechischen und romanischen Mustern, doch z.B. auch in einer Weiterentwicklung der goetheschen Hymne. Obwohl B. nicht ohne Stefan Georges spracherneuernde Leistung zu denken ist, steht er von Anfang an als ein selbständiger Meister da. außerhalb des Kreises um George, nur Hugo von Hofmannsthal vergleichbar, mit dem ihn eine jahrelange für beide produktive Freundschaft verbinden wird. Schon die frühesten Dichtungen umschreiben damit den Ort, den B. immer mehr ausfüllt: eine »schöpferische Restauration« im Anschluß an Johann Gottfried Herder und die - unvollendet gebliebene - Romantik. Daß er damit in scharfem Gegensatz zu breiteren Zeitströmungen steht, kümmert ihn nicht. Publikumsverständnis ist für ihn kein Qualitätskriterium. Ob zeitweise gerühmt oder völlig unbeachtet, er behauptet seinen Platz unbeirrt; vom rigorosen Standpunkt des »konservativen Revolutionärs« aus ist der vielgelobte Literaturhistoriker Friedrich Gundolf aus Georges Kreis »ein rechtes Literaturbübchen« oder Bert Brecht »ein talentloser Dialogisierer von ödem Radau« ; er wagt 1928 auch zu fragen: »Was ist von der giftig schillernden Seifenblase der »expressionistischen Literatur < übrig, als ein Tropfen schmutziges Wasser?«
Von 1902 bis 1944 lebt B. mit kleinen Unterbrechungen in Italien: Die Toscana wird seine Heimat. Ihr dankt er die Entdeckung des Mittelalters, das ihn zu außerordentlichen Leistungen reizt. In Pisa, Ein Versuch wird die Geschichte der Stadt dargestellt als Summe einer neuen Wissenschaft - der »mittelalterlichen Altertumswissenschaft« -, welche Kunst-. Kultur-, Sprach-, Literatur-, Wissenschafts- und politische Geschichte in eines faßt. B. vereinzelt seine Gegenstände und Interessen nicht zu Fachwissen und entfernt sie voneinander, sondern hält sie eng zusammen — »auf Rufweite« - und vergegenwärtigt sie in einer unmittelbaren, eben dichterischen Hervorbringung, womit er sie zugleich der ausdörrenden Luft der Wissenschaft entzieht. Zu demselben Komplex gehören u. a. die Schriften über die altrömische und toscani-sche Villa , Volterra , über Dante Alighieri und Dante Gabriel Rosetti. Längst beherrscht er aufgrund der ihm eigenen »Gleichdenkung literarischer, kultureller und politischer Vorgänge« auch das archaisierend historische Ãœbersetzen. Ob Verdeutschungen antiker, mittelalterlicher oder neuzeitlicher Literaturdenkmäler — sie alle sind Dokumente des »ungewöhnlichsten Geistes« und einer einsamen Höhe der Kunst des Ãœbersetzens .
      Schon als Student hatte B. sich an Hofmannsthal gewandt, dieser ihn eingeladen und an Alfred Walter Hevmel und Rudolf Alexander Schröder für die Insel vermittelt. Hier kommt er auch in Berührung mit Franz Blei, einer der grauen Eminenzen der deutschen Literatur, der ihm wiederholt zu Veröffentlichungen seiner unpopulären Produktion verhilft. Mit Hofmannsthal verbindet ihn eine nicht konfliktfreie Freundschaft, die 1911/12 in einem Aufenthalt in B.s Villa bei Lucca gipfelt. Immer steht Hofmannsthal m der Mitte seines Interesses für Dichtung und das Dichterische, doch trotz zahlreicher Essays und Reden über Hofmannsthal wird die früh geplante Monographie nie verwirklicht. Mit Schröder bleibt B. lebenslang befreundet und übt nicht geringen Einfluß auf dessen Werk aus; nach einer in England geschlossenen, später gescheiterten Ehe wird 1920 eine Nichte Schröders seine zweite Frau. Gemeinsam mit Schröder und Hofmannsthal gab er 1909 das Jahrbuch für Dichtung Hespenis und von 1922 bis 1927 die Zeitschrift Xeue deutsche Beiträge heraus.

     
1914 meldete sich B. sofort als Kriegsfreiwilliger; zunächst ist er als Infanterist, dann im Generalstab tätig. Nach dem Krieg kommt er nur noch als Redner in das so verwandelte, seinem Denken und seinen Ansprüchen immer weniger gemäße Deutsche Reich. Aber er hört nicht auf, mit Reden und Essays, selbst mit Erzählungen für die als notwendig erkannte Wiederherstellung der Traditionen zu kämpfen, für eine schöpferische Restauration . Er mußte indessen erfahren, daß seine Auffassungen »im Namen des politischen Geistes und des Geistes überhaupt« von der Realität vernichtet wurden. In der Rede Führung verkündete er als Ideal, »Nation und Partei in einem Höheren zu verschmelzen«, ohne dabei Programm und Wirklichkeit der NSDAP zu beachten, wurde deshalb von den Gegnern der Nazis mißverstanden und angefeindet, aber auch von diesen 1933 als »Jude« - der sich als Preuße fühlte - verfemt und aus der Nation ausgestoßen. Die Toscana wurde nun Asyl und schützte ihn bis zum Herbst 1944, als er mit seiner Familie zwangsweise von der Gestapo hinter die Reichsgrenze nach Innsbruck gebracht wurde. Er konnte zwar nach Trins flüchten, starb hier jedoch an einem Schlaganfall.
      »Das Eigentümliche und zugleich Gefährliche« sei - so notierte Hofmannsthal 1923 -,daß sich in B. »eine philologisch-historische Begabung höchsten Ranges, wie sie kaum einmal im Jahrhundert auftaucht, mit einer dichterischen Sendung verschwi-stert«. B. ist einer der wenigen großen »gelehrten Dichter« unseres Jahrhunderts, vielleicht sein größter Poeta doctus.
      Hennecke. Hans: Rudolf Borchardt. Wiesbaden 1954.
      Tgahrt, Reinhard, u.a.: Rudolf Borchardt. Alfred Walter Heymel, Rudolf Alexander Schröder. Marbach 1978.
      Ludwig Dietz


Borchardt, rudolf

Absage Walter, Hugo. In: The Apostrophic Moment, 1988, S. 87- 107. Abschied Hummel, Hildegard. In: Rudolf Borchardt, 1983, S. 234-241. Osterkamp, Ernst. In: Gedichte und Interpretationen 5, 1983, S. 230 - 243. Kaiser, Gerhard. In: Heine bis Gegenwart, 1991, S. 289 - 296. An Hofmanns .....
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Rudolf alexander schröder

Bei den Wahrern der Form mußten die Gegensätze da am tiefsten aufklaffen, wo sie Rückhalt an einem persönlichen Bekenntnis suchten. Borchardt, der für jederlei Falschmün= zerei ein empfindliches Organ besaß, zollte der monumen= talen Beispielhaftigkeit Georges Bewunderung, jedoch nicht seinem schill .....
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Bultmann, rudolf karl

Wenige Denker haben wie B. die abendländische Theologie dieses Jahrhunderts bewegt. Seine Wirkung nicht nur aut die Theologie selbst, sondern darüber hinaus aut die hermeneuti-sche Diskussion 111 den Geisteswissenschaften ist schwer eingrenzbar. Er ist eine jener markanten Persönlichkeiten der Wiss .....
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Carnap, rudolf

Der Sprachphilosoph. Wissenschaftstheoretiker und Logiker C.. war der hcrausragende Vertreter der Philosophie des Logi-schen Empirismus. Diese etwa 1925 in Wien entstandene Schule - für die Philosophen um C. gebraucht man auch die Sammelbezeichnung Wiener Kreis« - führte die Tradition cies klassisc .....
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Riedler, rudolf

Sklavenhaus bei Dakar (Erinnerung an Rootsj Riedler, Rudolf. In: Pausen zwischen den Worten, 1986, S. 89 - 93. .....
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Schröder, rudolf alexander

Der Landbau Wierzejewski, Achim. In: Literatur und Kritik 13, 1978, S. 235 - 238. Deutscher Schwur Kaiser, Gerhard. In: Heine bis Gegenwart, 1991, S. 469-471. Die Ballade vom Wandersmann Pfeiffer, Johannes. In: Das Dichterische, 1967, S. 211 -219. Es mag sein Pfeiffer, Johannes. In: .....
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Wiemer, rudolf otto

Wenn Gott Mensch wäre Schröer, Henning. In: Moderne dt. Literatur, 1972, S. 152- 154. .....
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Sommerliches gebet - rudolf hagelstange

Methodisch bietet sich zur Erschließung des fünfstrophigen Gedichts — im Sinne wechselseitiger Erhellung — sowohl der Vergleich mit dem Vaterunser an wie mit anderen Sommergedichten. Aus dem lyrischen Werk Hagelstanges wäre zu denken an: »Veroneser Sommernacht« , »Indian Summer« . Die religiöse .....
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Rudolf alexander schröder (i878-i962)

der unbeirrbare Glaube die Grundlage für die Würde des Menschen. In seiner formvollendeten Lyrik feiert Schröder Vaterland und Heimat, Treue und Freundschaft, abendländische Kultur und Glaubensüberlieferung. In der Zeit nationalsozialistischer Bedrückung richtete Schröder durch seine gläubigen Worte .....
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Index » DAS ZWANZIGSTE JAHRHUNDERT » Zwischen den beiden Weltkriegen

Rudolf hagelstange (geb. i9i3).

Er findet zuchtvolle, oft hohe, manchmal aber auch schlichte Worte, wenn er das Ewige im Hauche des Vergänglichen aufklingen läßt: Wie ist die Fahrt so wundersam, als ging es über Zeit und Tod . .. Der Mond stieg auf, und Friede kam, indes ich still die Ruder nahm und heimwärts hielt. .....
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Index » DAS ZWANZIGSTE JAHRHUNDERT » Nach 1945

Leonhard, rudolf

Das verlassene Dorf Neis, Edgar. In: Mond in der Lyrik, 1971, S. 65 - 67. Der mongolische Totenkopf Kaiser, Gerhard. In: Heine bis Gegenwart, 1991, S. 544 - 546. .....
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Langer, rudolf

Möglichkeit zur Freude Langer, Rudolf. In: Kinder, 1979, S. 69 - 71. .....
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Augstein, rudolf

Als Herausgeber des Nachrichtenmagazins Der Spiegel war Rudolf Augstein ab den 1950er Jahren maßgeblich am Wiederaufbau der Presse in der Bundesrepublik als »vierte Gewalt im Staat« beteiligt. Der Sohn eines Kaufmanns begann 1941 eine journalistische Ausbildung als Volontär beim Hannoverschen Anzei .....
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Bultmann, rudolf

Die Kerngedanken von Bultmanns Theologie entstanden in der Zeit des Nationalsozialismus. Srache und Stil sind klar und unpathetisch. Seine intellektuelle Redlichkeit wurde in Kollegenkreisen ebenso geschätzt, wie sie Ausgangspunkt theologischer Debatten war. Rätselhaft bleibt, warum er während des N .....
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Rudolf herzog - ein deutscher mann

Subordination ist das fortgesetzte und mit Erfolg gekrönte Bemühen eines Untergebenen, dümmer zu scheinen, als der Vorgesetzte ist. Deutscher Kriegsartikel Das hat jeder erlebt —: wenn man das erstemal eine Eisenbahnstrecke fährt, paßt man auf jeden Baum am Wege auf. Beim dritten Mal legt sich d .....
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Pörtner, rudolf

Bei mehreren Gelegenheiten erzählte Rudolf Pörtner, er sei in den Ruinen von Pergamon dazu angeregt worden, sich mit der Antike zu beschäftigen. Deshalb trat er vor allem als Erforscher antiker Spuren in Deutschland hervor und wurde neben C.W. -> Ceram zu einem der erfolgreichsten Sachbuchautoren, i .....
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Steiner, rudolf

Als Begründer der Anthroposophischen Gesellschaft und deren Esoterik initiierte Rudolf Steiner neue Entwicklungen in Pädagogik und Heilkunde, Architektur, bildender und darstellender Kunst, Landwirtschaft und Ökonomie. Der Sohn eines Bahnbeamten studierte ab 1879 an der Technischen Hochschule in Wi .....
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Binding, rudolf g.

Der heilige Reiter Neis, Edgar. In: Krieg im Gedicht, 1980, S. 41 - 47. .....
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Gottschall, rudolf von

Am Strand Kämper-Jensen, Heidrun. In: Lieder von 1848, 1989, S. 137 - 140. .....
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Hagelstange, rudolf

Ballade vom verschütteten Leben Habart, Michel. In: Critique 77, 1953, S. 837 - 851. Fromm, Hans. In: DU 8, 1956, H. 4, S. 84 - 99. Hagelstange, Rudolf. In: Gedicht mein Messer, 1969, S. 37 - 47. Bericht des alten Hirten Preuß, Helmut. In: Lyrik in der Zeit, 1971, S. 42 - 45. Der Strom .....
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Rudolf dau: - aus: umfrage - zum erbe in wissenschaft und praxis

[...] Die Hauptaufgabe der marxistischen Literaturgeschichtsschreibung in der DDR besteht darin, gesicherte Erkenntnisse, Materialien und Gesetzmäßigkeiten für die Planung und Leitung ideologischer und kultureller Prozesse durch die Partei der Arbeiterklasse und die Regierung der DDR bereitzustelle .....
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Borchardt,  Rudolf    





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