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Hebbel, Christian Friedrich



Geb. 18.3.1813 in Wesselburen; gest. 13.12.1863 in Wien
Bereits fünf ]ahre vor seinem ersten Tragödienerfolg schrieb H. folgende Selbstbeurteilung nieder: »Ich hege längst die Ãoberzeugung, daß die Poesie nur eine heilige Pflicht mehr ist, die der Himmel den Menschen auferlegt hat, und daß er also, statt in ihr ein Privilegium auf Faulenzerei usw. zu haben, nur größere Anforderungen an seinen Fleiß machen muß, wenn er Dichter zu sein glaubt. Ich kenne ferner zu den Schranken meiner Kunst auch die Schranken meiner Kraft, und weiß, daß ich in denjenigen Zweigen, die ich zu bearbeiten gedenke, etwas werden kann und werde. Diese Zweige sind aber die Romanze und das lyrische Gedicht, vielleicht auch das höhere Drama« .



      Der als Sohn eines Maurers in Wesselburen in Norderdithmarschen geborene und in ärmlichsten Verhältnissen aufgewachsene H. mußte auf eine weiterführende schulische Ausbildung verziehten; als Schreiber und Laufbursche bei einem Kirchspielvogt eignete er sich durch beständiges Lesen ein erstaunliches, aber ganz und gar unschulmä-ßiges Wissen an. Erste dichterische Versuche wurden in den regionalen Zeitungen veröffentlicht, doch das Vorhaben, als Schauspieler der Enge der Wesselbu-rener Welt zu entfliehen, scheiterte. Die in Hamburg lebende Schriftstellerin Amalia Schoppe und seine spätere Geliebte Elise Lensing ermöglichten ihm 1835 einen einjährigen Aufenthalt in Hamburg, doch da es für ein Universitätsstudium zu spät war, begab sich H. auf eine Reise nach München, weil er dort auf bessere Startchancen als angehender Literat hoffte. Hier beschäftigte er sich intensiv mit dem Studium der großen Tragödien des Aischylos, mit William Shakespeares und Friedrich Schillers Dramen, doch hatte er keinen Erfolg. Seine Rückreise nach Hamburg - zu Fuß, allein mit seinem Hund durch den rauhen März des fahres 1839 wandernd - ist symptomatisch für den unermüdlichen Einzelgänger H. In Hamburg verdingte er sich als Rezensent und Mitarbeiter bei dem von Karl Gutzkow herausgegebenen Telegraph für Deutschland und vollendete in dieser Zeit Judith , eine Tragödie, in der sich die Jüdin Judith als »maßloses Individuum« das göttliche Recht der Rache am Assy-rerkönig Holofernes herausnimmt, weil dieser sie vergewaltigt habe. H. wurde damit beim Theaterpublikum als ungewöhnlicher Dramatiker bekannt. Während der Folgezeit, in der H. sich vergeblich beim dänischen König um eine Stelle bemühte, arbeitete er in seiner Streitschrift Mein Wort über das Drama seine grundlegende Auffassung von Kunst und Drama aus. Dem dänischen Dichter Adam Oehlenschläger hatte er schließlich ein für zwei Jahre bewilligtes Reisestipendium zu verdanken, das es ihm ermöglichte, während eines Parisaufenthalts Heinrich Heine kennen und schätzen zu lernen, ebenso
Felix Bamberg, einen Kenner der Hegel-schen Philosophie, und Arnold Rüge, den Begründer der Hallischen Jahrbücher und radikalen Demokraten. H.s großes Interesse an der Philosophie hat sich auch in seinen Gedichten niedergeschlagen, die er erstmals 1848 in einer Ludwig Uhland gewidmeten Ausgabe herausbrachte. Doch, wenn auch die philosophisch-abstrakte Denkweise in seiner Lyrik vorherrschte und nur wenige seiner Gedichte den an sich selbst gestellten Anspruch einlösten , so haftet doch dem Dichter bis heute der Makel des Gedankendichters zu Unrecht an.
      Zur Zeit der 1848er Revolution, in der H. als engagierter Journalist Partei für eine konstitutionelle Monarchie auf demokratischer Grundlage ergriff, gehörte er seit bereits drei Jahren zu den bekannteren Dichterpersönlichkeiten Wiens. Hier lernte er die Schauspielerin und seine spätere Frau Christine Enghaus kennen, die ihm nicht nur ein von materiellen Sorgen freies Leben bot, sondern ihn auch dem Theater näher brachte. In den Wirren der Revolution entstand das Ehedrama Hemdes und Mariamne , vier Jahre später konzipierte er seine Agnes Bernauer , in welcher der Konflikt zwischen dem Recht des einzelnen auf freie Existenz und Liebe auf der einen Seite und der allumfassenden Staats-raison auf der anderen Seite im Mittelpunkt steht. Doch zeichnen sich H.s Dramen weniger durch die Dynamik sozialgeschichtlich bemerkenswerter Veränderungen aus, sondern sind getragen von der Idee eines statischen, unveränderlichen Zustands sittlicher Weltordnung; H. beharrte dabei auf der Autonomie der Kunst und hielt an der traditionellen Dramenstruktur fest, auch in seinem Drama Gyges und sein Ring.
      Ganz in das Umfeld gründerzeitlicher
Literaturtendenz fiel H.s Nibelungen-Trilogie , für die ihm der Schiller-Preis zuerkannt wurde; deren vollständige Aufführung erlebte er aber selbst nicht mehr. Was dem heutigen Leser an diesem nationalen Stoff Schwierigkeiten bereitet, dürfte allerdings weniger auf den Inhalt zurückzuführen zu sein als auf die Tatsache, daß deutschnational und -nationalistisch Gesinnte - auf besonders verhängnisvolle Weise im Dritten Reich -diesen Stoff und seinen Autor ihrer Weltanschauung einverleibten. Diese Art der H.-Rezeption hat also ihre eigene Tradition und beeinträchtigt noch heute seinen Ruf nachhaltig. Doch nicht nur die Nibelungen haben H. geschadet. Schon seine Zeitgenossen Hermann Hettner und Gottfried Keller warfen ihm die »verkünstelte und verzwickte Motivation« und die »historische Willkür« seiner Stücke vor, und auch sein allzu sehr auf persönlichen Vorteil bedachtes Streben sowie der Ehrgeiz des Autodidakten brachten ihm das Urteil »krankhaft forcierte Genialitat« ein. Trotz alledem ist H. wie keinem anderen gerade in den Nibelungen die Durchdringung archaischer Monumentalität mit einem individualpsychologischen Realismus gelungen.
      Bei seinen Frauengestaltungen nahm er in dem immer wieder zum Ausdruck gebrachten Selbstbehauptungsrecht der Frau gegenüber der drohenden Unterdrückung durch den Mann Themen Henrik Ibsens und August Strindbergs vorweg, so daß noch der junge Georg Lukäcs behaupten konnte, mit H. beginne die moderne Tragödie . In die meisten Literaturgeschichten ging er allerdings paradoxerweise als »der letzte große Tragödiendichter« ein.
      Lange Zeit übersehen wurden nicht zuletzt seine Tagebücher, Briefe und kritischen Schriften zur Literatur der Zeit, die aufgrund seiner scharfen Beobachtungsgabe, seines unbestechlichen Gei-stes und seines aphoristischen Talents zu den interessantesten literarischen Zeugnissen des 19. Jahrhunderts zählen.
     

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