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Döblin, Alfred



Geb. 10.8.1878 in Stettin;gest. 26.6.1957 in Emmendingen
»Ich führe immer zwei Leben. Das eine schlägt sich mit den Dingen herum, willhier ändern und da ändern. Es phantasiert, quält sich, erreicht nichts. Es ist wie das Feuer am feuchten Holz, qualmig und gibt kein Licht. Das andere ist wenig sichtbar. Ich gebe mich ihm wenig hin, obwohl ich weiß, es ist das wahre. Es ist merkwürdig: ich weiß das und möchte mich ihm, um es anzufachen und zu steigern, widmen. Aber ich werde immer daran verhindert. Der Qualm hüllt mich ein« . Die amphibische Entschluß -, ja Entwicklungslosigkeit, dies Sowohl-als-auch wurde zum Prägestempel von Leben und Werk. D. war Arzt und Dichter, Naturwissenschaftler und Phantast, deutscher Jude und preußischer Sozialist; dem Rationalen verschworen und zugleich offen für das seelisch Labile, für Stimmungen, für das Irrationale; von politischer Passion und religiösem Eifer gleichermaßen erfüllt. Von den ersten, im Nachlaß erhaltenen Texten, die um die Jahrhundertwende entstanden, bis zu den Diktaten des Schwerkranken zieht sich die eine Konstante durch D.s Werk: das lebenslange Schwanken zwischen Aufruhr und Mystik, zwischen luzider Vergeistigung und sexueller Pathologie. Handeln oder Nichtwiderstreben, Schwimmen oder Treibenlassen - auf diese Formel hat er die widersprüchlichen Elemente in seinem ersten großen Roman Die drei Sprünge des Wang-lun gebracht.



      Kindheit und Jugend D.s standen unter dem Bann eines Ereignisses, das er als seine »Vertreibung aus dem Paradies« bezeichnet hat: als er zehn Jahre alt war, ging der Vater, ein musisch begabter Schneider, mit einer seiner Schneidermamsells auf und davon und ließ Frau und fünf Kinder im sozialen Elend zurück. »Ich erinnere mich ungern daran«, wird der Sohn vierzig Jahre später schreiben, »es führt geradewegs zu mir.« Der Vater verkörperte für ihn das Lust -, die Mutter des Realitätsprinzip - Lebenshaltungen, zwischen denen er ständig schwankt und, von Frauen angezogen und sie zugleich fliehend, affektiv hin- und hergetrieben ist. Die Familie als Brutstätte allen gesellschaftlichen Unheils hat er in den beiden autobiographisch grundierten Romanen Pardon wird nicht gegeben und Hamlet oder Die lange Nacht nimmt ein Ende dargestellt. Der Hamlet-Roman ist D.s Lehrstück über die Schuld der Väter, welche die Söhne abtragen müssen. Erst als er »der Beherrschung durch das Bürgerlich-Familiäre« entkommt, tritt Edward - die Hauptfigur, der Hamlet des Romans - in ein Leben jenseits der inneren Gefängnisse und Särge, das nicht mehr von Unfreiheit und leibhaftiger Bedrohung bestimmt ist.
      Die Mutter zog mit den Kindern 1888 nach Berlin, der Stadt, deren leidenschaftlicher Liebhaber, später auch Chronist und Epiker D. bis 1933 ist. Hier hatte er in der Schule seine erste Begegnung mit dem preußischen Obrigkeitsstaat, mit dem deutschen Ordnungsdenken. Hier lernte er aber auch in der Begegnung mit Philosophie und Kunst, wie man widersteht - er las Friedrich Hölderlin und Heinrich von Kleist - »meine geistigen Paten. Ich stand mit ihnen gegen das Ruhende, gegen das Bürgerliche, Gesättigte und Mäßige« -. Er las Friedrich Nietzsche und Arthur Schopenhauer, Baruch de Spinoza und Buddha, verlor sich in der Musik Richard Wagners. Nach dem Abitur studierte er Medizin, insbesondere Neurologie und Psychiatrie, und legte 1905 in Freiburg sein Doktorexamen ab. Als Assistenzarzt praktizierte er in den Irrenanstalten Prüll bei Regensburg sowie in Berlin-Buch . In diesen Jahren entstanden die ersten literarischen Arbeiten - darunter 1902/ 1903 der Roman Der schwarze Vorhang, eine psychographische Studie über Triebunterdrückung und sexuelle Be-fallenheit, über »die Frau als Erlöserin im Tod« , sowie jenezwölf Erzählungen, die er 1913 unter dem Titel Die Ermordung einer Butterblume als Buch veröffentlichte. Schon für diese Anfänge gilt, was D. später als ästhetisches Bekenntnis formulierte: »Ich legte beim Schreiben Wert darauf, nicht mit der Natur zu konkurrieren. Es war mir von vornherein klar, daß man dieser Realität gegenüberstand. Es galt, nachdem überall naturalistische Prinzipien als Forderungen verkündet wurden, dies Gegenüberstehen zu zeigen.« Mit dieser Ãoberzeugung war D. ein Bahnbrecher des Expressionismus. Nicht zufällig, daß er, der schon lange mit Flerwarth Waiden befreundet war, 1910 zum Mitbegründer des Künstlerkreises »Der Sturm« wurde und bis 1915 einer der Hauptbeiträger der gleichnamigen expressionistischen Zeitschrift blieb. Sein Erzählen reflektiert die Erkenntnisse der Naturwissenschaften und die Erfahrungen der modernen Psychiatrie. Seine Schreibweise ähnelt einem »Kinostil«, der nicht langatmig und psychologisch abgesichert erzählt, sondern baut in harten, abgehackten, oftmals japsend sich überschlagenden Fügungen - ein Prinzip, das seine Parallelen in der gleichzeitig entstehenden abstrakten Malerei sowie in der atonalen Musik fand und das D. als »Futuristische Worttechnik« bezeichnet hat: »Wir wollen keine Verschönerung, keinen Schmuck, keinen Stil, nichts Ã"ußerliches, sondern Härte, Kälte und Feuer, Weichheit, Transzendentales und Erschütterndes, ohne Packpapier.«
Als Hauptwerk dieser Ã"sthetik darf der Roman Wang-lun gelten. 1911 machte D. sich als Kassenarzt für Neurologie selbständig; 1912 heiratete er die Medizinstudentin Erna Reiss, nachdem er im Jahr zuvor Vater eines unehelichen Kindes geworden war. Durch vier Söhne und das Menetekel seiner eigenen Jugend fühlte er sich an seine soziale Verantwortung erinnert. Er entfloh daher der »wahren Strindberg-Ehe« nicht - trotz der Verlockung, in Yolla Niclas, die ihm später auch in die Emigration folgte, 1921 eine Seelenfüh-rerin kennengelernt zu haben, von der er sich und sein Werk verstanden fühlte. 1915 wurde er als Militärarzt eingezogen und im Elsaß stationiert. Angesichts der Realität des Krieges wandelte D., der bis dahin mit nationalistischer Propaganda und futuristischer Maschinenbegeisterung sympathisiert hatte, sich schnell zum entschiedenen Kriegsgegner und Sozialisten. Während der Weimarer Republik, zu deren repräsentativen Schriftstellern er schließlich gehörte, trat er mit Wort und Tat - als Autor, als Vorsitzender des »Schutzverbandes deutscher Schriftsteller«, seit 1928 auch als Mitglied der »Preußischen Akademie der Künste« - für den Fortbestand der Demokratie, für die Freiheit der Kunst ein. Er sprach der Kunst eine kämpferische Rolle, eine eingreifende Funktion zu. Ãober die halbherzige Revolution , über die Kompromißgesinnung der deutschen Sozialdemokratie machte er sich dennoch keine Illusionen. Seine eigene Haltung wird man zutreffend als individual-anarchistisch-linksradikalen Aktivismus umschreiben können. Trotz einer deutlichen Wendung zur Naturmystik, die sich in seinem Werk bereits anfangs der 1920er Jahre ankündigt, griff D. in der Endphase der Weimarer Republik wieder aktiv handelnd und schreibend in die Tagespolitik ein.
      Bereits 1929 war der Roman Berlin Alexanderplatz erschienen - jenes Buch, das D. populär machte und bis heute sein auflagenstärkstes und meistgelesenes geblieben ist. So sehr sich diese Wertschätzung rechtfertigen läßt, so sehr verdeckt sie, daß Berlin Alexanderplatz den konsequenten Abschluß einer Entwicklung darstellt. Die futuristische
Epik, die nicht den Einzelnen, sondern die Masse in den Mittelpunkt stellte, hatte in dem visionären Zukunftsroman Berge, Meere und Giganten ihren Höhepunkt erreicht. Den »Menschen und die Art seiner Existenz« gestaltete D. erstmals in dem wenig bekannten, mit großer Sprachmusikalität geformten Vers-Epos Manas . Daß Berlin Alexanderplatz dort einsetzt, wo das indische Epos endete, der ehemalige Transportarbeiter Franz Biberkopf ein ins Proletarische gewendeter Manas sei, hat D. selbst bestätigt: »Jedes Buch endet mit einem Fragezeichen. Jedes Buch wirft am Ende einem neuen den Ball zu ... Die Frage, die mir der Manas zuwarf, lautete: Wie geht es einem guten Menschen in unserer Gesellschaft? Laß sehen, wie er sich verhält und wie von ihm aus unsere Existenz aussieht.« Berlin Alexanderplatz ist ein religiöses Lehrgedicht - mit einer realistisch erzählten und einer mythisch deutenden Handlungsebene, eine Kontrapunktik, die ihre formale Bestätigung in der Montagetechnik findet. Gezeigt wird, ähnlich Bertolt Brechts Lehrstük-ken, wie ein Mensch so oft gebrochen wird, bis er schließlich funktioniert.
      Unmittelbar nach dem Reichstagsbrand floh D. am 2. 3. 1933 in die Schweiz. Von dort aus übersiedelte er im Sommer 1933 nach Paris. Er erhielt 1936 als einer der wenigen Emigranten die französische Staatsbürgerschaft. Nachdem er bereits 1924 auf seiner Polenreise das Ostjudentum kennengelernt hatte und damit zum erstenmal in Berührung mit seinem jüdischen Erbe kam, engagierte er sich in den ersten Jahren der Emigration für die jüdische Landnahme in Ãobersee, die sogenannte Frejland-Bewe-gung . Das Exil hat auch ihn entwurzelt, schließlich zerbrochen. Es hat ihm die weitere Ausübung des Arztberufs unmöglich gemacht, dessen er als Korrektiv des Schreibens immer bedurfte, hat ihn, den seßhaften Großstädter, aus Berlin vertrieben, das seine Heimat war. Der Hölle Europa im Sommer 1940 gerade noch entronnen, mußte er endlich in den USA das Elend des Exils erfahren - in einem Zustand des Nichtmehrlebens und Nochnichtgestorben-seins. Keines seiner Werke wurde während dieser fünf Jahre gedruckt; auch der mehrbändige, 1937 begonnene und 1943 abgeschlossene Roman November 1918 blieb Manuskript - ein Werk, von dem Brecht rühmend sagte, es stelle »einen neuen triumph des neuen typus eingreifender dichtung dar«.
      Die 1941 vollzogene Konversion zum Katholizismus entfremdete ihn auch seinen alten Freunden und Bekannten. Vollends gerieten die Jahre nach 1945 zum Satyrspiel der Döblinschen Lebenstragödie. Als einer der ersten Exilierten kehrte er im November 1945 in das vom Faschismus befreite Deutschland zurück. Als Mitarbeiter der französischen Militäradministration war er, im Rang eines Offiziers, für die literarische Zensur verantwortlich: »Gejätet wird, was den Militarismus und den Nazigeist fördern will.« Er wollte aktiv mitwirken am geistigen Wiederaufbau und an der Demokratisierung, wollte den »Realitätssinn im Land stärken«. Eine bis heute nicht wiederaufgelegte Broschüre über den Nürnberger Kriegsverbrecherprozeß kam, unter dem Pseudonym Hans Fiedeler, in einer Massenauflage an die Kioske. Der prominente Remigrant fand, trotz der Herausgabe der Zeitschrift Das goldene Tor , trotz der Mitbegründung der Mainzer »Akademie der Wissenschaften und der Literatur«, keinen Anschluß mehr an die deutsche Literatur. Er fühlte sich verdrängt -»verurteilt, weil nämlich emigriert, zu dem Boykott des Schweigens«. Auch politisch ging er in Distanz zur bundesdeutschen Restauration, die sich seit
1949 formierte. Der bereits 1946 abgeschlossene Ham/et-Roman, für den sich kein westdeutscher Verleger mehr interessiert, erschien schließlich 1956 in Ostberlin. D. starb, nach langer, schwerer Krankheit, verkannt und vergessen; nicht einmal die Religion konnte ihm mehr Trost spenden angesichts des »ungeheuren abscheulichen Schutthaufens« , zu dem Welt, Leben und Werk ihm zusammengeschrumpft waren.
     

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Döblin,  Alfred    





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