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Broch, Hermann



Geb. 1.11.1886 in Wien;gest. 30.5.1951 in New Haven/Conn.
      Was verbindet die poetae docti des frühen 20. Jahrhunderts miteinander, jene Gruppe wissenschaftlich und philosophisch geschulter Autoren, zu der B. gezählt wird? Nicht allein spezifische Generationserfahrungen, wie die Entstehung der künstlerischen Avantgardebewegungen oder das Auseinanderbrechen der alten Ordnungen im Ersten Weltkrieg, denn diese wurden von vielen geteilt; entscheidend ist vielmehr deren theoretische Verarbeitung, der Versuch, eine Deutung der Epoche in der - selbst seinem Gehalt gegenüber -reflektierten Form des Romans zu geben. Dieses Bedürfnis wurde noch verstärkt, als sich in den 1920er Jahren die Philosophischen Fakultäten in ein Ensemble von Humanwissenschaften aufzulösen begannen. Da eine Gesamterkenntnis der menschlichen Existenz von den einzelwissenschaftlichen Disziplinen, auch der Philosophie, nicht mehr zu erwarten war, konnte diese Aufgabe selbstbewußt von einer Literatur beansprucht werden, die sich von dem Pathos und dem antirationalistischen Affekt des Expressionismus gelöst hatte und unabhängig von jeder links- und rechtsintellektuellen Programmatik die Analyse der eigenen Zeit im erzählerischen Experiment verwirklichte. - Zu den hier angedeuteten Motiven seines Schreibens hat sich B. in zahlreichen Essays, Briefen und werkbegleitenden Schriften geäußert. In einem 1941 verfaßten Arbeitsprogramm, das ironisch als Autobiographie überschrieben ist, hat er sie zusammengefaßt: »Dies ist nur insoweit eine Autobiographie, als damit die Geschichte eines Problems erzählt wird, das zufällig mit mir gleichaltrig ist, so daß ich es -wie übrigens ein jeder aus meiner Generation, der es zu sehen gewillt gewesen war - stets vor Augen gehabt habe: es ist... das Problem des Absolut-heitsverlustes, das Problem des Relativismus, für den es keine absolute Wahrheit, keinen absoluten Wert und somit auch keine absolute Ethik gibt ... und dessen apokalyptische Folgen wir heute in der Realität erleben.« Der Prozeß des »Wertverlustes« hat mit dem Ersten Weltkrieg nur einen Höhepunkt, nicht seinen Abschluß erreicht. Die Gründe seiner Entstehung und die Schilderung seiner Wirkungen im menschlichen Denken und Handeln sind das Thema des dreiteiligen Romans Die Schlafwandler, der 1930/32 als erstes Werk B.s erscheint. Der Säkularisie-rungsprozeß der Neuzeit wird als Zerfall der überkommenen Wertordnungen gedeutet und »personifiziert«: die Figuren der Romane dokumentieren allein durch ihr Handeln, daß sie drei Generationen angehören, in deren Abfolge der »Zerfall der Werte« seine Endphase erreicht. B. wollte mit seiner Trilogie einen literarischen Beitrag zu der ge-schichtsphilosophischen Debatte der 1920er Jahre leisten, in deren Zentrum das Problem der Modernisierung, die historistische Infragestellung überlieferter Normensysteme und die Möglichkeit einer wertbezogenen Geschichtsdeutung stand . Im Huguenau-Roman hat er in theoretischen Exkursen die formalen Voraussetzungen seiner Geschichtsphilosophie und damit die erkenntnistheoretischen Grundlagen auch seines Erzählens erläutert. Mit wertphilosophischen Fragestellungen hat sich B. seit Beginn des Ersten Weltkrieges eingehend befaßt. Nachdem er auf Wunsch seines Vaters, eines jüdischen Textilgroßhändlers, ein Ingenieurstudium absolviert hatte , war er als Assistenzdirektor in die väterliche Fabrik eingetreten, die er ab 1915 als Verwaltungsrat leitet. Gleichzeitig beginnt er mit einem autodidaktischen Studium der neukantianischen Philosophie und Phänomenologie, publiziert erste literaturkritische und wertphilosophische Abhandlungen und verkehrt in den Literatenkreisen Wiens, wo er Franz Blei, Robert Musil und Georg Lukäcs kennenlernt. Allmählich zieht er sich aus dem Industriellenleben zurück und beginnt 1925 an der Universität die Fächer Mathematik und Philosophie zu studieren, vor allem bei den Vertretern des »Wiener Kreises« . In die Zeit des Studiums fällt der Verkauf der Textilfa-brik und die Entscheidung für die Literatur - eine mehr als nur ideelle Entscheidung, da ihm die Einkünfte ausdem verbliebenen Vermögen kein sicheres Auskommen garantieren. Nach dem finanziell geringen Erfolg der Schlafwandler verfaßt B. einen kürzeren Roman für den S. Fischer-Verlag {Die Unbekannte Größe, 1933), ein Drama, und mehrere Vorträge, die literaturtheoretische Themen behandeln . Die »Erkenntnisfunktion« der Dichtung und ihre »ethische Aufgabe«, die B. in seinen Essays reflektiert, bestimmen auch die Romanprojekte der 1930er Jahre, die er - nach einer Verhaftung 1938 in die Emigration gezwungen - im amerikanischen Exil wieder aufgreift. Die Unsicherheit der äußeren Lebensverhältnisse, das Engagement für verschiedene Flüchtlingskomitees , häufige Wohnungswechsel und eine wachsende Arbeitsüberlastung, von der ein umfangreicher Briefwechsel Zeugnis ablegt, unterbrechen jedoch die Kontinuität der schriftstellerischen Produktion. Unterstützung erhall B. von Freunden und akademischen Stiftungen, die auch seine Forschungen zur Massenwahntheorie für einige Zeit finanzieren. Eine literarische Darstellung massenpsychologischer Phänomene findet sich in dem Romanfragment Die Verzauberung . Im Genre des Heimatromans beschreibt B. unter Verwendung mythischer und mythenkritischer Bilder in parabelhafter Form die zerstörerische, sich bis zum Ritualmord steigernde Wirkung einer regressiv-irrationalistischen Ideologie, den Mechanismus der Macht, mit der ein einzelner die Bewohner einer Dorfgemeinschaft seinem demagogischen Einfluß unterwirft. Gehört die Verzauberung zum Typ des antifaschistischen, die Zeitereignisse deutenden Romans , wendet sich die Frage nach



Schuld und Verantwortung in Der Tod des Vergil auf die Literatur selbst zurück, auf ihren das Handeln hemmenden Ã"sthetizismus, über den der sterbende Vergil, auch er ein Dichter »am Ende einer Kultur«, nachdenkt. Durch die konsequente Verwendung des inneren Monologs, archetypischer Figuren und einer lyrisch-visionären, bisweilen rhetorisch überlasteten Sprache bei einer formal strengen Komposition des gesamten Werkes, zählt der Vergil, wie Thomas Mann urteilte, zu den »ungewöhnlichsten und gründlichsten Experimente^), das je mit dem flexiblen Medium des Romans unternommen wurde«.
     

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Broch,  Hermann    





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