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Aichinger, Ilse



Geb. 1.11.1921 in Wien
Ein »zartes, vielgeliebtes Wunderkind« war - so erinnert sich der Kritiker Joachim Kaiser noch 1980 - A. für die Mitglieder der legendären Gruppe 47, als sie an deren Tagungen teilzunehmen begann und 1952 für die Spiegelgeschichte ihren Preis erhielt. Einer aus der Gruppe, der Lyriker und Hörspielautor Günter Eich, wurde A.s Mann. Von ihm, sagt sie nach seinem Tod, habe sie ein Engagement gelernt, das über das politische hinausging, »ein Engagement gegen das ganze Dasein überhaupt«. »Ich lasse mir die Welt nicht bieten«, hat sie ein andermal gesagt und ihren Widerstand gegen politische Systeme, Macht und Machtträger immer schon verstanden »nur als Teil eines größeren Widerstandes, dem die Natur nicht natürlich erscheint, für den es den Satz >weil es so ist< nicht gibt«. Der so umfassend und grundsätzlich definierte Widerstand schließt ein Schreiben aus, das von einer vorgegebenen Welt und Wirklichkeit ausgeht und einem Programm oder einer Ideologie verpflichtet ist. Und zu keiner Zeit kommt für A. eines in Frage, das nicht den Widerstand in Sprache umsetzt und in ihr aufzeigt: »Sie ist, wenn sie da ist, das Engagement selbst«.



      »Ich gebrauche jetzt die besseren Wörter nicht mehr«, beginnt die Titelerzahlung des Bandes Schlechte Worter , die eine grimmig-melancholische Demonstration der poetischen Autonomie, ein Plädoyer für die definierende Sprache ist , für eine, die den »ausreichenden Devisen« und allen Konventionen apodiktisch entrissen wird. A. hat mehrere poetologische Texte geschrieben. Einer davon, Meine Sprache und ich , hat den Titel abgegeben für die Taschenbuchausgabeder gesammelten Erzählungen, 1978; darin findet sich auch Der Querbalken, von Wolfgang Hildesheimer als Schlüsseltext der Literatur der Moderne interpretiert. Diese Texte berichten alle erzählerisch, keineswegs theoretisierend, vom schwierigen Umgang mit der Sprache und mit der Welt, die sich in ihr spiegelt.
      Ihr erstes Buch, den Roman Die größere Hoffnung , begann A. zu schreiben, um darüber zu berichten, »wie es war«. Sie hatte die Jahre des Kriegs und der Naziherrschaft in Wien verlebt und mußte als Halbjüdin ständig mit der Deportation rechnen. Diese dokumentarische, historische, autobiographische Realität wird verwandelt in eine poetische. Einmal dadurch, daß A. weder den Schauplatz noch die Verfolger und die Opfer benennt. Vor allem aber durch eine kühne, expressive Bildersprache, die nicht nur mit der damals zur Wahrheitsfindung für unverzichtbar gehaltenen »Kahlschlag«-Sprache nichts gemein hat, sondern auch innerhalb von A.s übrigem Werk einzig da steht. Die Verwandlung überhöht oder schließt den realen Schrecken keineswegs aus, aber sie konfrontiert ihn radikal mit einer durch ihn nicht einzuholenden poetischen Gegenwelt. In dieser Gegenwelt lebt eine Gruppe verfolgter Kinder und Halbwüchsiger spielerisch und - buchstäblich! - spielend den Widerstand und die Verweigerung: Im Kapitel »Das große Spiel« führen sie ein Theaterstuck auf; sie spielen es so intensiv, daß ein »Häscher« von der »Geheimen Polizei«, der die Kinder abholen soll, seinen Auftrag vergißt und sich in das Spiel einbeziehen läßt. Die fünfzehnjährige Ellen, die sich der Gruppe angeschlossen hat, obwohl sie »zwei falsche Großeltern zu wenig« habe, kommt dabei zu der Erkenntnis, daß die »große Hoffnung« - auf ein Ausreisevisum nämlich - zu wenig ist. »Nur wer sich selbst das Visum gibt..., frei«. Die »größere Hoffnung« aber richtet sie - während sie von einer explodierenden Granate zerrissen wird -auf eine neue Welt des Friedens und der Menschlichkeit.
      A.s einziger Roman, obwohl früh in seiner Bedeutung erkannt , sei trotzdem bis heute »ein Buch, das geduldig auf uns wartet«, meint Peter Härtung; der Erfolg von A.s frühen Erzählungen habe einer breiten Publikumsresonanz im Wege gestanden. Von Rezeption und Umfang her bilden die Erzählungen tatsächlich das Zentrum ihres Werks. Und manche davon sind Lesebuchklassiker geworden; von den früheren neben der Spiegelgeschichte vor allem Der Gefesselte, Die geöffnete Order, Das Fenstertheater, von den späteren Mein grüner Esel, Wo ich wohne oder Mein Vater aus Stroh. Hingegen sind A.s Hörspiele und die Dialoge und Szenen kaum zur Kenntnis genommen worden; in diesen Textgattungen ist A.s Poetik des Schweigens , der Leerräume und der ständigen Verlegung der Grenzen der Realität von Zeit und Raum besonders weit getrieben.
      In A.s literarischer Entwicklung seit Die größere Hoffnung ist eine sprachliche und gedankliche Radikalisierung zwar unverkennbar, aber sie läßt zu keiner Zeit Teile ihres früheren Werks überholt erscheinen. Zu Recht verrät in dem 1978 erschienenen Gedichtband Verschenkter Rat keine chronologische Anordnung die bis zu fünfundzwanzig Jahre auseinanderliegende Entstehungszeit der Gedichte. Der andere, der nicht durch Überlieferung und Übereinkunft verstellte Blick auf die Realität ist für die frühe wie die späte Lyrik kennzeichnend. Nachruf ist aus diesem freien
Blick heraus entstanden. Die Raum-und Zeitlosigkeit, in der die vier lakonischen Imperative gesprochen sind, vermag eine von allen Seiten abgesicherte Weltordnung auf den Kopf zu stellen und zu zertrümmern: »Gib mir den Mantel, Martin, / aber geh erst vom Sattel / und laß dein Schwert, wo es ist, / gib mir den ganzen«. Und der Prosatext Schnee läßt in seinen letzten Zeilen und mittels eines verbindlichen Irrealis' die ganze Schöpfungsgeschichte neu beginnen: »Wenn es zur Zeit der Sintflut geschneit und nicht geregnet hätte, hätte Noah seine selbstsüchtige Arche nichts geholfen. Und das ist nur ein Beispiel«. Kleist, Moos, Fasane enthält Texte aus vier Jahrzehnten. An ihnen, vor allem aber an der zu A.s siebzigstem Geburtstag 1991 erschienenen Taschenbuch-Ausgabe der Werke in acht Bänden ist es nochmals zu überprüfen, wie die zu einer Klassikerin der deutschen Gegenwartsliteratur gewordene Autorin zugleich immer eine Avantgardistin geblieben ist, für die die Zeitlosigkeit, in der ihr Schreiben angesiedelt sein will, jedenfalls nicht die geringste Gemeinsamkeit aufweist mit Zeit/erne.
      Darum war es zwar eine Überraschung, hat aber durchaus seine Logik, daß A. Jahre später als Kolumnistin für die Wiener Tageszeitung Der Standard tätig wurde. Seit Oktober 2000 erscheint die von ihr jeden Freitag eine Kolumne: eine erste Serie unter dem Titel Journal des Verschwindens, die anschließenden Folgen mit den Titeln Unglaubwürdige Reisen und Schattenspiele. - Die Kolumnen des ersten halben Jahres bilden den Schwerpunkt des Bandes Film und Verhängnis. Blitzlichter auf ein Leben . Zusammen mit anderen, weniger an die cineastische Aktualität gebundenen Gelegenheitsarbeiten offenbaren die Film-Kolumnen eine Autorin mitdem genauen Bewußtsein dafür, daß sie für ein anderes Medium arbeitet und sich nicht ausschließlich an ihre bisherigen Leser wendet, sondern beispielsweise auch an solche, die wie sie selber passionierte und kenntnisreiche Kinogänger sind. Wie A. die Gratwanderung zwischen einer neuen Zugänglichkeit und der unverwechselbar A.sehen sprachlichen und gedanklichen Radikalität meistert, das ist in den einzelnen Texten des Bandes Film und Verhängnis ebenso wie in den seither wöchentlich publizierten Kolumnen jedesmal von neuem Staunens- und bewundernswert.

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Aichinger,  Ilse    





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