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Versuch, eine fremde (Text-)Welt zu verstehen



«Liebeswerk; auch das war ein Name für den Gräl; er hatte der Namen viele. Der Gebräuchlichste war: Das Ding. So nannten ihn die Frauen, die ihn auf- und abtrugen. Sie hätten am besten sagen können, was für ein Ding er war: Kessel, Kelch, Stein oder Zaubertisch. Doch gerade sie wußten es nicht. Fast hätte man sagen können, sie sähen ihn nicht einmal.



      Er war nicht unsichtbar. Es wollte nur keine Bezeichnung an ihm haften. Er glich nichts anderem. Man könnte ihn unvergleichlicH) nennen, der saelden überval oder so ähnlich. Sprach man züchtig von ihm, so hieß er: Das Geheimnis. Da man es nur zu wahren hatte, mußte man es nicht ausplaudern können. Ausgesprochen, wurde er ganz leicht zu einer Dummheit wie . Ein Geheimnis ist verschlossen von Haus aus. Man erträgt es am besten, wenn man auch seine Lippen versiegelt. Die Hauptsache ist seine Wirksamkeit. An der war nicht zu rütteln. Tyturel blieb im Fleisch, die Rehkeulen und der Hasenpfeffer waren genießbar. Sigüne hatte Das Ding von weitem gesehen, im Achteck beim Großen Akt. Die Devotion, mit der man es umgab, war das Sichtbarste daran gewesen. Dann aber zeigte sich darauf die Schrift. Die Namen der Berufenen erschienen an der Stelle, wo der

Gräl stehen mußte: vor dem Königsthron, auf der Tafel aus Amethyst. Immer, wenn der Name erschienen war, erhob sich ein Seufzen und Stöhnen im Achteck. Denn der Ruf ist ebenso ein Glücks- wie ein Trauerfall; für die, welche er erreicht, und für die anderen, an denen er auch diesmal wieder vorübergegangen war. Ein Kelch, der eitel Bitternis enthält? Ein Stein, der uns vom Herzen gefallen ist? Oder eine Gnade, die uns abermals verschmäht? Eine Beförderung, die uns niemals erreicht, ein Freispruch, der unser Leben bedeutet?»
Wer verstehen will, was das fremde Wort «Gräl» in Adolf Muschgs Roman Der Rote Ritter bedeutet, wird sich kaum mit der obigen, vom Erzähler im 1. Buch gegebenen Deutungshilfe begnügen können, auch nicht mit den späteren Angeboten im 3. und 4. Buch. Der geheimnisvolle Mittelpunkt jener Gralsritterburg Munsalvaesches, die von Tyturel gestiftet ist, dem in ihr aufbewahrten Untoten, erhellt nicht einmal völlig aus dem «Augenzeugnis von Sigüne», der Tochter des Sterndeuters Kyöts und der Gralstochter Schoysiäne. Wie passen die Ausdrücke «Das Ding», «Liebeswerk» und «Das Geheimnis» als Sinngebungen ein und derselben Erscheinung zusammen, die einmal als natürlicher Stein hervortritt, ein andermal als zivilisatorischer Kessel, Kelch sowie Zaubertisch und ein drittes Mal als zeichenhafte Namenschrift auf einem Bildschirm? Wie stehen sie zur mittelalterlichen Minne, und was sagen sie uns über uns selber?
Der Grundfrage des Verstehens von zeichenhaften Erscheinungen widmen sich die «Hermeneutik» als Deutungslehre und die «Semiotik» als Zeichenlehre. Die erste nimmt ihren Ausgang beim Problem der Möglichkeit von Verstehen , die andere bei der Frage, ob und wie sich materielle Erscheinungen mit Bedeutungen verknüpfen lassen: Wie stehen das Konzept Gräl, die Ausdrücke «Das Geheimnis», «Ding ohne Namen» und die materiellen Erscheinungen Ding, steinernes Trinkgefäß sowie Namenschrift zueinander? Obwohl miteinander verwandt, wählen die beiden Kulturpraktiken verschiedene Schwerpunkte: im Vermitteln des Fremden mit Eigenem und des Nichtzeichenhaften mit Zeichenhaftem .
      Herausgefordert durch die neutestamentliche Sicht auf die jüdische Bibel, entstand die Hermeneutik im christlichen Kulturkreis als Verfahren gelehrter Bibellektüre und Bibelauslegung. Das Wort «Hermeneutik»ist eine gräzisierende Neubildung des 17. Jahrhunderts, das vor allem in der protestantischen Theologie den Ausdruck Interpretationskunst ersetzte.
     

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