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Intertextualität in der Prosa



Wie jede andere Form von Literatur bezieht sich die Prosa stets auf andere Texte. Diese Intertextualität bei der Prosa zu rekonstruieren, lehrt, den Bezug des Erzählens nicht auf fiktive Wirklichkeit, sondern auf reale Texte zu erfassen. Prototypen der Intertextualität sind Zitate und Namen, doch kann sich auch der Erzählmodus selber auf Erzählhaltungen, Verfahren und Motive früherer Prosa beziehen. Intertextualität deutet und wertet in aller Regel um und erzeugt oft Ambivalenz.



      Als Franz Kafka, Jurist und Kenner der Prager Versicherungsbürokratie, 1914, Jahre vor der Entstehung des russischen Gulag und deutscher Konzentrationslager, die Perfektion des Tötens von Menschen darstellte, trat er in Widerstreit zu allen eindimensionalen Denkformen, vor allem auch zum Entwerfen des Tötens als perfekter Handlung, als präzisem Vorgang, der unter Preisgabe von einfühlendem Mitleid im Ã"sthetizis-mus der Frühmoderne mit kaltem Blick festgestellt wurde. Die Erzählung In der Strafkolonie widerruft die Vollendung des Bösen als Feier erzählter Qual in Octave Mirbeaus Roman Lejardin de supplices und seine Trivialisierung in Heindls Reise nach den Strafkolonien. Wo bei Mirbeau ein Ich-Erzähler die in der Rahmenhandlung erhobene These, vor allem Mord beschäftige die Menschen, durch voyeuristische Schilderung sadistischer Praktiken illustriert, gibt Kafkas abstrakter Autor einem Erzähler mit personalem Fokus das Wort, schlagen sadistische Praktiken um in Masochismus, kommt der Strafexzess zum Ende . Der seit Homers Odyssee produktive Chronotop der Reise nimmt die Gestalt eines erkundenden Besuchs an, der die besuchte Welt zum Einsturz bringt.
      Kafkas Erzählung zerstört den frühmodernen Entwurf des ästhetisch Vollkommenen der Zeit um 1900. Marc Anderson hat gezeigt, wie das Ornamentale der frühen Moderne Kafka abstieß. Der Strafvollzieher ist hier ein Künstler, dessen Sprung aus dem Sadismus in den Masochismus die Wende von der Fremd- auf die Selbstbezüglichkeit künstlerischen Handelns anzeigt. Er schreibt sich selber das Urteil in den Leib. Die Schreib-Maschine der Strafkolonie ist eine erzählte Todesmaschine.
      Führen wir alle Schichten der Erzählanalyse zusammen, weist die Erzählung In der Strafkolonie jenen strengen und grausam strafenden Gott des Alten Testaments zurück, den auch Kafkas Vaterbild verkörperte. Neue Formen der Gerechtigkeit setzt die Erzählung aber nicht einmal als Utopie ein: Die Fiktion scheitert an der Wirklichkeit, doch bringt sie diese kraft kunstvoller Perspektivierung zugleich zum Einsturz. Vom abstrakten Autor getragen, bricht der Erzähler das dem Forschungsreisenden von der erzählten Kultur auferlegte Schweigegebot.
     

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Intertextualität  der  Prosa    





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