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Die Zeichentypen



Im Umgang mit der Semiotik ist die Fähigkeit zu erlernen, Zeichentypen voneinander zu unterscheiden. Die Zeichen lassen sich nach ihrer Bil-dungs-, Gebrauchs- und Funktionsweise in sechs Typen untergliedern: indexikalische Zeichen, die manifestieren, ikonische Zeichen, die abbilden, symbolische Zeichen, die stellvertreten, asemantische Zeichen, die sinnentleeren, referenzlose Zeichen, die von der Wirklichkeit ablösen, und magische Zeichen, die Objekte vergegenwärtigen .



      1. Sugünes Erröten nach Schiönatulanders Kompliment «So schön habe ich Euch noch nie gesehen!» und das Schnurren des Katers Gurzgri bilden indexikalische Zeichen; hier besteht eine reale Kontaktbeziehung zwischen Ausdruck und Objekt . Dieser Bezug gründet in Kontiguität, in einem durch Nachbarschaft konstituierten Realzusammenhang.
      2. Das «Miau» des Katers, der Katzenname «Maui», das «Keckem» der Elster sind als lautnachahmende Ausdrücke ikonische Zeichen der Abbildung ihrer Objekte. Hier besteht tatsächliche Ã"hnlichkeit zwischen Zeichenträger und -objekt; ihr Bezug gründet in Abbildähnlichkeit .
      3. Symbolische Zeichen sind der Trompetenstoß als Signal für den Tagesanbruch oder den Turnierbeginn , die Farbe Rot für Liebe , die Deutung der Frau als Friede :

«Denn daß die Frau der Friede sei, ist keine Wahrheit nach der Erfahrung. Es ist eine Wahrheit nach der Idee. Die Frau ist nicht der Friede, sie bedeutet ihn.» Hier besteht eine willkürliche, arbiträre oder konventionelle Beziehung zwischen Ausdruck und Sinngebung.
      Zur Bildung symbolischer Zeichen stehen zwei Möglichkeiten zu Gebot: Auf dem Weg der Gesetzgebung legt ein Zeichenmächtiger die Zeichen fest, wie der Gesetzgeber die Straßenverkehrsordnung erlässt; Herrschaften «machen sich» einen Namen . Nach dem Prinzip der Gewohnheit bildet sich in einer Zeichengemeinschaft die Gepflogenheit eines Zeichengebrauchs heraus, so das Heben und Senken der Stangen beim Turnier . De Saussure sah die sprachlichen Zeichen in ihrer überwiegenden Mehrzahl durch solche Gewohnheit bestimmt: sie seien konventionell und arbiträr. Symbolische Zeichen in diesem Sinn können auch durch diskrete Einheiten wie Ziffern oder Ketten elektrischer Zustände gebildet werden. Der Schwerpunkt wird dabei von der Entstehung der Zeichen auf ihre Funktionsweise verlegt. Die strukturalistische Zeichentheorie hat die Zeichenkraft auf den bedeutungsunterscheidenden Wert der Zeichen im Zeichensystem konzentriert. So sind Phoneme - wie die drei Laute p, s, t des Worts «Pst» am Beginn von Muschgs Roman - bestimmt durch ihren Wert im Lautsystem. Symbolische Zeichen grenzen aufgrund ihres distinktiven Charakters das Bedeutungsspektrum ein. Ausschlaggebend ist ihre Wiedererkennbarkeit. Reduktionstyp ist das Zeichen, dessen Bedeutung auf ein einziges Merkmal begrenzt ist: So bezeichnet der Schein eines Lämpchens am PC die Funktion, so fordert das «Pst» am Anfang und Ende des Roten Ritters auf zum Schweigen. Asemantische Zeichen sind sinnleer. Sie setzen die Gegenwart semantisch-positiver Zeichen voraus, vor deren Hintergrund oder in deren Nachbarschaft sie sich abheben. Bevorzugter Raum asemantischer Zeichen sind Ränder des Zeichengeschehens, Grenzbereiche von Be-deutungs- und Bewusstseinsräumen. Der freie Platz auf Seiten mit Gedichten ist Zeichen der Abwesenheit von Prosa, die ja in der Regel die gesamte Zeile füllt. Gedichte mit weißem Rand zu schreiben und zu drucken, wurde üblich, als es Prosa gab, gegen deren volle Zeilesich die kurze Gedichtzeile abheben konnte. Die leere Seite 1072 signalisiert uns bei Muschg den Romanschluss.
      Die unkonventionelle Einfuhr asemantischer Zeichen zeigt Traditionsbrüche an. Asemantische Zeichen beherrschen so die jüdische Kabbala, durch die Zeichenträger des Alten Testaments ihrer Sinndimension beraubt wurden. Der bekannte Text der Thora wurde zu Zeichenfolgen umgelesen, die unbegreifliche, aber wirkmächtige Gottesnamen ausdrücken. Auf ähnliche Weise verknüpften Verstandesgrenzen sprengende Rede im russischen Futurismus und Sinnkonventionen verletzende Wörter im deutschsprachigen Dada Zeichenobjekt und -träger unvermittelt.
      5. Referenzlose Zeichen wie weiße Stellen auf der Landkarte und Leerstellen im Text haben Bedeutung und Wert, aber kein Zeichenobjekt. Den Auslassungen in Puschkins Versroman Eugen Onegin kommt kompositorischer Sinn, aber kein Objekt zu. Das Loch im Manuskript verweist auf ein fehlendes Textstück, die Pause in der Theateraufführung markiert die Unterbrechung des Spiels.
      6. Magische Zeichen überspringen wie asemantische die Interpretanten, unterscheiden sich von ihnen aber durch unmittelbares Bezeichnen des Objekts. Die Objekte erlangen hier den Rang wirkmächtiger Handlungsträger, etwa von Geistern und Göttern oder Teufeln und Hexen. Das Zeichen ist Lockmittel, das Objekte in die Gegenwart zwingt. Es verwandelt unsichtbare Potenz in sichtbare Präsenz und macht so die Objekte dem Zeichengeber zugänglich. In den Merseburger Zaubersprüchen «Ben zi bene, bluod zi bluode» wird das Verletzte durch Aufrufen der Gliedmaßen geheilt.
      Bei Muschg heilt Gahmurets Handreichung Wunden. Die Zeichenkraft beruht darauf, dass die Objekte im Zeichen selber inkar-niert sind. So verkörpern im christlichen Abendmahl Wein und Brot den Gottessohn. Prototypen magischer Zeichen sind in der Sprache der Name und im Bild die Ikone. Sie bilden nicht nach dem Ã"hnlichkeitsprinzip ab, sondern verkörpern: Die dargestellte Person ist für den Gläubigen im Gottesnamen und in der Ikone selber anwesend.
     

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