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Die Komposition von Prosatexten



Wie bei allen anderen umfangreicheren Texten macht es auch für Prosatexte Sinn, auf eine Dreiergliederung in Anfang, Mitte und Ende zu achten. Die Binnengliederung lässt sich bei großen Texten wie den Romanen oft durch Kapitel und Abschnitte erfassen, die auch eigene Ãoberschriften tragen können. Der Verzicht auf eine durchsichtige innere Gliederung ist indes nicht selten Merkmal moderner Prosa wie im Fall des Ulysses von James Joyce und des Mannes ohne Eigenschaften von Robert Musil. Allerdings kann auch die Zyklisierung von aufeinander folgenden Teilromanen Kennzeichen moderner Schreibweise sein wie in Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit.



      Um die Komposition von Prosatexten analysierbar zu machen und eine Typologie der Kompositionsformen zu erarbeiten, hat Boris Uspenskij vier Ebenen unterschieden, auf denen in Erzähltexten Standpunkte entworfen werden:
1. Der Standpunkt auf der Ebene der Ideologie und der Wertung. Hier kommen die Weltmodelle und Wertsysteme ins Spiel, die den Autor, den Erzähler und die erzählten Figuren charakterisieren. Treten in einem Erzähltext wie in den großen Romanen Dostojewskis mehrere von den Figuren verkörperte oder ausgesprochene Ideologien respektive Wertsysteme nebeneinander auf, ohne dass der Erzähler einen erkennbaren eigenen Standpunkt einnimmt und so eine herrschende Position einführt, spricht Michail Bachtin von einem polyphonen Text. In der Folklore werden nicht selten konstante Epitheta gebraucht, um die Positionen der Figuren voneinander abzuheben.
      2. Auf der Ebene der Phraseologie. Erzähler und erzählte Figuren lassen sich durch die von ihnen geführte Rede mit Blick auf die Aussprache , die Lexik und die Idiomatik , die Syntax und überhaupt durch die von ihnen gewählte Sprache charakterisieren. Hier kann auch die Weise, wie die Figuren einander und der Erzähler die Figuren nennt, ein Mittel der Profilierung von Standpunkten sein.
      3. Auf der Ebene der Raumzeitcharakteristik. Einerseits kann der Erzähler den raumzeitlichen Standort, von dem her erzählt wird, genau angeben oder eingrenzen; eine solche Position kann starr oder auch beweglich sein. Und er kann hierdurch seine wechselnde oder auch stabile Nähe oder Ferne zu den erzählten Figuren erkennbar machen. Sie kann aus der Vogel- oder der Froschperspektive erfolgen und dadurch den Einblick des Erzählers in die erzählte Welt unterschiedlich gestalten. Andererseits wird die raumzeitliche Position der Figuren durch die Erzähler- und die Personenrede bestimmt. Hier sind oft die Zeit- und Aspektformen der Verben bestimmend .
      4. Der Standpunkt auf der Ebene der Psychologie. Hier ist ein erzählerischer Außen- von einem Innenstandpunkt zu unterscheiden. Der Außenstandpunkt wird in der Regel als nah durch Wendungen wie «er machte / sagte / erklärte» angezeigt und als distanziert durch Ausdrücke wie «er schien anzunehmen / wusste offenbar», «als ob er sich schämte». Den Innenstandpunkt signalisieren

Ausdrücke wie «er dachte / fühlte / wusste / schämte sich». Auch hier kann der Standort des Erzählers zu den Figuren fest oder beweglich, homogen oder heterogen sein. Eine solche heterogene Haltung ist in moderner Prosa wie Musils Mann ohne Eigenschaften geradezu programmatisch. In ihrem Zusammenspiel können Standpunkte auf den verschiedenen Ebenen Ãobereinstimmung oder Inkongruenz zeigen. Solche Inkongruenz begegnet schon in Tolstois Roman Krieg und Frieden , gewinnt aber erst im Erzählen der Moderne die Vorherrschaft.
      Die Komposition des Prosatextes wird bestimmt durch Standpunktbildung auf den Ebenen von Ideologie und Wertung, von Phraseologie, Raumzeitcharakteristik und Psychologie sowie vom Wechselverhältnis dieser Fokussierungen.
      Die Kompetenz, Erzählstrukturen zu erfassen, eröffnet Einblicke in Kultur- und Weltzeitmodelle seines Verfassers und seiner Kultur sowie in den historischen Gang des Mediums Erzählen. Wie es sich von dem des Theaters unterscheidet, zeigt der folgende Abschnitt.
     

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