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Das Aquivalenzprinzip der Wortkunst: poetische Rede



Eine gute Grundlage für die Lyrikanalyse bietet die These des russischamerikanischen Sprach- und Literaturwissenschaftlers Roman Jakobson, die Funktionsweise poetischer Rede nutze ein Prinzip, das wir bei Ã"ußerungen in der Prosasprache des Alltags nicht in der Abfolge der Laute, Silben, Wörter, Sätze und Absätze, also in der Syntax finden, sondern in ihren Paradigmen, d.h. in den Inventaren, aus denen wir schöpfen, wenn wir Wörter, Sätze und Texte verwenden und/oder bilden. Es ist dies das Prinzip der Ã"quivalenz, also einer gewissen Gleichwertigkeit - hier von Elementen, die wir Paradigmen, d. h. Laut- und Buch-stabeninventaren, Wörterbüchern oder Grammatiken und anderen Registern sprachlicher Bauformen entnehmen. Zwischen den Buchstaben des Alphabets, den Phonemen des Lautinventars einer Sprache, ihren Wörtern sowie deren Flexionsformen besteht in diesen Inventaren auf der rein sprachlichen Ebene Gleichwertigkeit. Geraten diese Elemente jedoch in eine syntagmatische Struktur, nehmen sie unterschiedlichen Wert an, konstituieren sie eine hierarchische Struktur. Dies kommt mit Blick auf die Laute im Satzakzent sowie in der Intonation zum Ausdruck, mit Blick auf die Flexion durch die Dominanz des Subjekts über das Prädikat resp. die Verbalphrase, des Hauptsatzes über den Nebensatz. Das Subjekt «Anna» bestimmt, verbinden wir es mit dem Verb «gehen» im Präsens, die Flexionsform des Verbs: «Anna geht.» statt ungrammatikalisch: «Anna gehst.» / «Anna gehen.». Im Inventar der Deklinationsformen des Verbs «gehen» stehen die genannten Formen dagegen gleichwertig nebeneinander. Diese Gleichwertigkeit oder Ã"quivalenz überträgt die poetische Sprache nun aus dem Bauprinzip der Paradigmen auf das Bauprinzip der Syntagmen.



      Stellen wir uns die Elemente eines Paradigmas in vertikaler Staffelung vor, d. h. angeordnet längs einer vertikalen Achse, und die eines Syntag-mas längs einer horizontalen, so lässt sich der Unterschied von äquivalenten Elementen im Paradigma und ihrer hierarchischen Fügung im Syntagma graphisch darstellen:
Ã"ußerungen in poetischer Sprache übertragen nun das Prinzip der Gleichrangigkeit, der Ã"quivalenz von der Paradigmatik auch auf die Syntagmatik der Rede. Hier dominiert keine grammatische Syntagma-tik mittels Hierarchien das Nebeneinander der Laute, Silben, Zeilen und Zeilengruppen, hier behauptet sich paradigmatische Gleichwertigkeit erfolgreich gegen syntagmatische Hierarchisierung.

     
Als Roman Jakobson die Einsicht in den Zusammenhang von Ausdruck und Bedeutung poetischer Rede formulierte, hat er die Strukturwiederholung als Spezifikum lyrischer Rede auf das Stiften von Ã"quivalenz, von Gleichwertigkeit, zurückgeführt:
«Die poetische Funktion projiziert das Prinzip der Ã"quivalenz von der Achse der Paradigmatik auf die Achse der Syntagmatik.»
Diese Gleichrangigkeit entspricht, räumlich gesehen, dem Parallelismus, zeitlich gesehen, der Wiederholung gleichartiger Elemente. Anhand der Lyrikanalyse lassen sich daher vor allem Kompetenzen im Erfassen von Wiederholungsstrukturen, durch sie begründeter Gleichrangigkeit und der von ihr erzeugten Bedeutungsdimension erwerben. In nicht ästhetisch erfasster Sprache bestimmt solche Gleichwertigkeit nur die Paradigmatik der Rede; allein in der ästhetisch erfassten Rede prägt sie auch deren Syntagmatik.
      Zunächst sind Paradigmen auf der Ebene der Lautung zu beobachten. So können wir bei Celan ein Paradigma der Wörter mit betontem «ä» aufstellen; es enthält neben «Kraft», «anders», «sägen» auch die Substantive «Hall», «Schält», «Jähre». Sie alle erlangen durch die Gleichheit des betonten Vokals eine semantische Ã"hnlichkeit, die ihnen im Wörterbuch der deutschen Sprache nicht zukommt. Nun hat Celan die genannten Wörter ja nicht in eine Wörterliste eingetragen, in der sie in unserem Schema paradigmatisch untereinander stünden, er hat sie vielmehr in ein Gedicht eingefügt, in dem sie als Teile von Sätzen syntagmatische Beziehungen zueinander eingehen. Wir unterscheiden so im Gedicht UND KRAFT UND SCHMERZ einen recht verwickelten Hauptsatz, dem ein mit «daß» eingeleiteter Nebensatz folgt. «Kraft», «was», «Hall-Schalt-Jahre» nehmen die Position des Subjekts ein und stehen einem Inventar von Wörtern gegenüber, die den Tonvokal «i» haben und in Gestalt von «stieß», «trieb», «hielt» die Position des Prädikats besetzen. Durch den gleichartigen Vokalklang werden also einerseits die Wörter mit betontem Vokal «a» einander gleichgestellt und wirken somit wechselseitig auf ihre Bedeutung ein. Analog werden die Wörter mit betontem Vokal «i» einander äquivalent und übertragen wechselseitig ihre Bedeutung aufeinander. Dies ist im Fall der Verben «stieß», «trieb»,
«hielt» besonders offensichtlich, weil hier die Gleichartigkeit durch das beiordnende «und» zusätzlich syntaktisch hervorgehoben wird. Treiben und Halten werden als Bedeutungen der Verbform «stieß» einverleibt, Stoßen und Halten der Verbform «trieb» sowie Stoßen und Treiben der Verbform «hielt». Celan hat die Syntax des Hauptsatzes zwar verdunkelt und hindert uns so daran, das Gedicht einfach wie einen Prosatext mit seiner alles bestimmenden Hierarchie zu lesen, er hat aber zugleich die paradigmatische Ã"quivalenz der durch Klangähnlichkeit verbundenen, syntagmatisch angeordneten Wörter kraft der beiordnenden Konjunktion «und» durchsichtig gemacht. Sein Gedicht stellt so sein Bauprinzip aus, es teilt uns seine auf Ã"quivalenzen gründende Wiederholungsstruktur mit.
      Wie wir am Beispiel der Verbformen «hielt», «stieß», «trieb» sehen, erzeugt die sprachliche Ordnung der Wörter in der poetischen Rede -hier durch Vokalgleichheit - Bedeutung. Dabei bestimmt nicht die Bedeutung der Wörter oder ihr Wirklichkeitsbezug die sprachliche Ordnung, sondern umgekehrt prägt die sprachliche Ordnung die Bedeutung und den möglichen Wirklichkeitsbezug. Sprachvorstellungen rufen in der Wortkunst Sachvorstellungen hervor , während in der Prosa Sachvorstellungen die Sprachvorstellungen bestimmen. Wo die Prosa dazu neigt, diese Sachvorstellungen zu explizieren, sie zu «entfalten», sie in

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