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Zur geschichte der literaturwissenschaft

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Wilhelm Scherer (I84I-I886)



Als wichtigstes Merkmal des Positivismus gilt die naturwissenschaftlich-empirische Ausrichtung der geisteswissenschaftlichen Verfahren. Sie war die Konsequenz einer Krise, in die die Geisteswissenschaften in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gerieten:
1. Die germanistische Fachwissenschaft entwickelte sich im Zusammenhang einer politisch-nationalen Einigungsbewegung. Die Germanistik wurde in diesem Rahmen als die wichtigste Wissenschaft im nationalen Selbstfindungsprozeß begriffen. Doch in der Zeit nach den Befreiungskriegen und nach dem Scheitern der Revolution von 1848 weicht die nationale Begeisterung zunehmender Ernüchterung. Die germanistische Wissenschaft findet sich in den Status quo und akzeptiert, ja feiert den von oben verordneten gesellschaftlichen Zustand.
      2. Gegenüber dem Fortschritts- und Entwicklungsgedanken der Aufklärungsepoche und des deutschen Idealismus isoliert der Historismus des 19. Jahrhunderts das Einzelphänomen und macht es zu einem Wert an sich. Damit beginnt die Wendung zum Antiquarischen, zur Sammlung von Fakten, die meist den größeren Zusammenhang außer acht läßt.
      3. Ein weiteres Krisenmoment entstand durch den Aufstieg der Naturwissenschaften. Die Geisteswissenschaften sahen sich aus ihrer einst beherrschenden Position verdrängt, und dies durch Wissenschaften, deren unmittelbarer Nutzen für das Leben an Erfindungen und technischen Entwicklungen ablesbar war.
      Der Positivismus in der Literaturwissenschaft kann als Antwort auf diese Krisensituation verstanden werden. Scherer geht es um die «Universalität erfahrungsgemäßer Betrachtung, von welcher auf allen Gebieten der Wissenschaft die schönsten Resultate erwartet werden.» Aus unendlich vielen Einzelbeobachtungen soll ein umfassendes Naturgesetz des geistigen Lebens formuliert werden. Also nicht Konstruktion auf der Basis vorgegebener philosophischer Prinzipien, sondern der gigantische Versuch einer objektiven Erfassung aller Daten der kulturellen Welt in ihrem ursächlichen Zusammenhang.
      In seinem Aufsatz «Goethe-Philologie» von 1877 hat Scherer die vielzitierte Formel geprägt vom «Ererbten, Erlernten und Erlebten» und damit programmatisch umschrieben, was der Forschung seiner Schule von nun an als Aufgabe vor Augen stand: die literarischen Werke auf die realen Faktoren zurückzuführen: die Quellen eines Stoffs, die technischen Fertigkeiten des Autors, die geographischen und zeitlichen Details der Entstehungsgeschichte eines Werks etc.
      Ganz in diesem Sinn spielt die Tatsache, daß der «Werther » auf Erlebnissen Goethes beruht, für Scherer eine entscheidende Rolle. Doch es geht ihm nicht bloß um den Nachweis der Tatsächlichkeit des Berichteten, vielmehr um die naturwissenschaftlich exakte Rekonstruktion der physischen und psychischen Motivationen für einen Selbstmord, der auch der eigene hätte sein können:
« Er suchte zu erklären, wie ein Mensch dazu kommen könnte, sich das Leben zu nehmen. Er wollte das Schicksal aus dem Charakter hervorgehen lassen. Die genaueste Motivierung war seine Absicht . führte uns eine Krankheitsgeschichte vor; wir sollen die innere Disposition, Ursachen und die Symptome erkennen und ihren Verlauf bis an sein Ende verfolgen.»
Scherer versucht an der Identität von künstlerischer Gestaltung und dargestellter Wirklichkeit festzuhalten, aber es gelingt ihm nur durch eine etwas künstliche Trennung. Auf einer theoretischen Ebene wird die Geschichte dem positivistischen Verfahren angeglichen und der Briefroman auf eine mit naturwissenschaftlicher Exaktheit beschreibbare Krankengeschichte reduziert; auf der praktischen Ebene der Interpretation ergibt sich der Widerspruch, daß sich die Form nicht oder genauer: nicht überall als Folge exakter Beobachtung aufweisen läßt und daß im Falle des «Werther» der Kranke ja selbst der Beobachtende und überdies auch noch der künstlerisch Formende ist.
      Schließlich die Bewertung des «Werther». Scherer stellt fest, daß in diesem Werk wie in den Schriften Rousseaus ein revolutionärer Atem weht. « Goethes Roman protestiert gegen eine Gesellschaft, welche die glänzenden Talente eines jungen feurigen Mannes nicht würdig zu nutzen versteht; er protestiert gegen die ständische Ungleichheit, gegen den Hochmuth des Adels er protestiert gegen die herrschende Moral er protestiert gegen die konventionelle Pedanterie des Stils .» Doch Scherer - und hier mischen sich in die Bewertung die monarchistischen Gesinnungen des Kaiserreich-Apologeten - liebt die Revolution nicht; sein Herz schlägt für das Geordnete. Revolution stört nur den ruhigen Gang der ästhetischen Bildung:

« So hatte die Reformation in die humanistische Bewegung eingegriffen. So hatte Opitz unnötig mit der Vergangenheit gebrochen. So hatte Gottsched die Anknüpfung an das volkstümliche Drama verschmäht. So leugnete jetzt wieder Goethe die Ehrfurcht vor dem Bestehenden und riß eine stürmische Jugend mit sich fort.»
Damit ist Gervinus' Position in ihr Gegenteil verkehrt. Blieb der « Götz » nach Scherer ein Werk der Willkür, weil alle Umarbeitungen nichts halfen; gab dieses Werk darum auch der Folgezeit «ein schlechtes Beispiel», so gelang es dagegen im Falle des «Werther», das Werk «von Schlacken zu reinigen und in ein durch und durch vollendetes Kunstwerk zu verwandeln». Zum großen literarischen Werk wird der «Werther » erst dadurch, daß er, im Unterschied zum « Götz » den revolutionären Protest auf der ästhetischen Ebene aufzuheben vermag. Im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts wird der Positivismus mehr und mehr von einer Forschungsrichtung abgelöst, die in mannigfachen Varianten bis in die Nachkriegszeit hinein eine Dominante der Literaturwissenschaft geblieben ist und die vor allem dem Philosophen Wilhelm Dilthey entschiedener Impulse verdankte: die Geisteswissenschaft. In entschiedener Kritik an der vom Positivismus geforderten kausal-deterministischen Dichtungslehre hat Dilthey für die Literaturwissenschaft einen theoretischen Begründungszusammenhang entwickelt.
     

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Wilhelm  Scherer  (I84I-I886)    


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