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Wilhelm Dilthey (I833-I9II)



Der Mensch lebt nach Dilthey immer schon in einer irgendwie verstandenen Welt, und dies, weil er sich seines eigenen Lebens als eines sinnvollen Bedeutungszusammenhangs verstehend innezuwerden vermag. Dieser sinnvolle Bedeutungszusammenhang ist nicht wie der Kausalzusammenhang, den Scherer voraussetzt und zu erklären sucht, die Folge einer Kette von Ursachen und Wirkungen, sondern ein Sinnkontext von Erfahrungen und Erlebnissen, in dem das einzelne Lebensmoment seine Bedeutung durch seinen Zusammenhang mit dem Ganzen erhält. Dieser sinnvolle Lebenszusammenhang steht dem erkennenden Geist niemals als Objektzusammenhang gegenüber, sondern liegt jedem wissenschaftlichen Erkenntnisvorgang immer schon voraus. Durch diese seine lebensgeschichtliche Einbettung unterscheidet sich das geisteswissenschaftliche Verfahren grundsätzlich von dem der Naturwissenschaft.
      Da das Objekt der Naturwissenschaften « die unabhängig vom Wirken des Geistes hervorgebrachte Wirklichkeit» darstellt, können wir uns die physische Welt durch das Studium ihrer Gesetze um so besser erklären, je stärker es uns gelingt, das erlebende Subjekt aus dem Erkenntnisvorgang auszuschalten. Im Gegensatz dazu setzt das geisteswissenschaftliche Verstehen immer schon einen Zusammenhang von Subjekt und Objekt voraus. Dieser Zusammenhang ist nach Dilthey darin begründet, daß fremde Objektivationen dem erkennenden Geist nur über eine gemeinsame Erlebnisstruktur verstehbar sind: Es «entsteht inhaltlich das Verhältnis, daß, was ich an einem anderen verstehe, ich in mir als Erlebnis auffinden, und was ich erlebe, ich in einem Fremden durch Verstehen wiederfinden kann»5.
      Dieser Verstehensbegriff gilt nicht nur für gleichzeitige Phänomene, sondern für die geschichtliche Welt überhaupt. « Die erste Bedingung für die Möglichkeit der Geschichtswissenschaft liegt darin, daß ich selbst ein geschichtliches Wesen bin, daß der, welcher die Geschichte erforscht, derselbe ist, der die Geschichte macht», wobei vorausgesetzt wird, daß das Erlebnisvermögen des verstehenden Subjekts und das in die geistigen Objektivationen eingegangene Erlebnis über die geschichtliche Distanz hin im wesentlichen gleichbleibt.
      Zu den bedeutendsten Objektivationen des Geistes gehören für Dilthey die Werke der Dichtung. Sie müssen und können «verstanden » werden, weil sich in ihnen - wie etwa im Werk Goethes - bedeutende Individuen in einer Form objektiviert haben, die über die Zeiten hinweg Orientierungen zu schaffen vermag und weil die Art der Ob-jektivation über die strukturelle Gemeinsamkeit menschlichen Erlebens hin verstanden wird. Gerade Goethe hat es nach Dilthey in einem äußersten Ausmaß vermocht, die persönlichen Erlebnisse und Erfahrungen seines überreichen Lebens durch Poesie ins Bedeutsame und damit ins Ãoberzeitlich-Typische zu erheben. Geisteswissenschaftliche Erkenntnis, so zeigt sich, interessiert sich nicht, wie der Positivismus, für das Leben in seiner positiven Faktizität, sondern für dessen überzeitliche Gültigkeit.
      Dennoch war der Positivismus mit Dilthey nicht auf einmal überwunden. Wie heftig noch in den ersten Jahrzehnten des neuen Jahrhunderts innerhalb der neuen literaturwissenschaftlichen Richtung die Auseinandersetzung mit der Scherer-Schule und deren Gewichtung lebensgeschichtlicher Momente geführt wurde, wird etwa an Friedrich Gundolfs monumentalem Goethebuch von 1916 erkennbar.
     

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