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Josef Nadler (I884-I963)



In Nadlers «Literaturgeschichte der deutschen Stämme und Landschaften» , die unter dem Titel «Literaturgeschichte des deutschen Volkes » 1938 bis 1941 in vierter, völlig neubearbeiteter Auflage erschien, beginnt die «Werther »-Interpretation mit der Feststellung :
«Die größten Gefahren erwuchsen der deutschen Seele aus den weitverzweigten Sproßformen des Pietismus . Die Beschränkung auf die kleinen Seeligkeiten des Lebens, das Spielen mit Gefühlsleben und Leidenschaften, bedrohte alle echten und tiefen Menschen mit Selbstvernichtung. Im besonderen verdarb dieses empfindsame Seelenleben die ganze Altersstufe für die Wirklichkeit, für alles was den Menschen gebieterisch umdrängte, was zum Kampf aufforderte, was bezwungen sein wollte. Und gerade für die Kunst der Antike, der das Mutterland neu zuzustre-ben begann, brachte es klare Augen, die am Wesentlichen geschult waren, brachte es Selbstzucht, Männlichkeit, Gesundheit, Lebenskraft, Lebenswillen.»
Hier treten offensichtlich und unverhüllt handfeste völkisch-nationalistische Wertungen ins Spiel. Eine pointierte Opposition verdeutlicht Gefahr und Gefährdetes, Bedrohung und Bedrohtes: auf der einen Seite die deutsche Seele, an sich echt und tief und auf männliche gesunde Tugenden hin entworfen; auf der anderen Seite die zerstörerischen Einflüsse von außen: die dem deutschen Wesen zutiefst unnatürliche und ungemäße Empfindsamkeit des Pietismus, die den deutschen kämpferischen Menschen in seinem Lebenswillen und Daseinskampf lähmt. Und dann der Dichter, der mitten in dieser Opposition steht, sie durchlebt und durchleidet, sie aber auch überwindet, indem sich bei ihm das Gesunde, Männliche, Natürliche des deutschen Wesens durchsetzt. Sein Beispiel gewinnt Signal Wirkung; er befreit nicht nur sich selbst, nicht nur die andern, sondern er überwindet damit zugleich das ungesunde, verderbliche Wertherfieber. Nadler schließt seine Interpretation, indem er den einen Pol seiner Ausgangsposition noch mal mit einem biologistischen Argument auseinandertreibt: Wo alle durch den unheilvollen Einfluß des Pietismus dem Wertherfieber zu erliegen drohen, gibt es doch unterschiedliche Grade von Anfälligkeit. Die Schwachen erliegen aus Mangel an Widerstandskraft; aber die Starken gesunden, und Nadler versieht diese neue Opposition noch mit einer entschiedenen Wertung: «Dieses Wertherfieber war eben die Heilung. Mochten die Schwachen immer zugrunde gehen, die an dem Buche nicht gesunden konnten und wollten. Die Starken hat es gesund gemacht.»
Zum Schluß sollen noch zwei Richtungen ins Auge gefaßt werden, die, wenigstens bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs, im Schatten der Geisteswissenschaft standen und erst in den 50er und 60er Jahren in Deutschland im breiteren Ausmaß rezipiert wurden: die materialistisch-soziologische und die formal-werkimmanente Methode.
     

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Josef  Nadler  (I884-I963)    


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