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Zur geschichte der literaturwissenschaft

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Georg Lukäcs (I885-I97I)



Als Beispiel für die erstere nehmen wir Lukäcs' «Werther »-Interpretation von 1936.8 Lukäcs setzt ein mit der Frage nach dem der Aufklärung. Gegenüber der geisteswissenschaftlichen Geschichtslegende, Aufklärung sei gleichzusetzen mit dürrem Rationalismus, undder damit komplementär verbundenen Verherrlichung des Irrationalismus wird jetzt als wichtigstes Verdienst der Aufklärung hervorgehoben : ihr rücksichtsloser Kampf gegen Religion und Philosophie, gegen die Institutionen des Feudalabsolutismus und die feudalreligiösen Gebote der Moral, wobei die inneren Widersprüche dieses aufklärerischen Kampfes nach Lukäcs die ideologischen Widersprüche der bürgerlichen Revolution selbst provozieren. Besonders in Rousseau treten demnach «die ideologischen Seiten der plebejischen Durchführung der bürgerlichen Revolution zum erstenmal in dominierender Weise hervor ».
      Lukäcs stellt das Schaffen des jungen Goethe in diese Entwicklungslinie, hebt jedoch hervor, daß die spezifische Position Goethes durch die besondere ökonomisch-gesellschaftliche Zurückgebliebenheit Deutschlands geprägt ist. Goethe sei zwar kein Revolutionär gewesen; «aber in einem breiten und tiefen historischen Sinn, im Sinne der innigen Verknüpftheit mit den Grundproblemen der bürgerlichen Revolution bedeuten die Werke des jungen Goethe einen Gipfelpunkt der europäischen Aufklärungsbewegung, der ideologischen Vorbereitung der großen französischen Revolution».
      Damit ist für Lukäcs der Rahmen umrissen, in dem sich seine «Werther »-Interpretation bewegt. Nur von ihm her ist das spezielle Problem des «Werther» «das große Problem der freien und allseitigen Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit, das Problem des bürgerlich revolutionären Humanismus», in seiner vollen Tragweite zu begreifen. Zweifellos habe Goethe nicht aus einer wirklich fundierten Einsicht in die ökonomisch-sozialen Zusammenhänge heraus das Werk geschaffen; aber kraft einer intuitiven dichterischen Genialität habe er die entscheidenden Bewegungen und Konflikte der Zeit mit den Mitteln der dichterischen Gestaltung herausgearbeitet. Der Kampf des jungen Goethe habe sich gegen jene konkreten Formen der Unterdrückung und Verkümmerung der menschlichen Persönlichkeit gerichtet, die das feudale Deutschland seiner Tage hervorbrachte; zugleich aber habe Goethe die Dialektik der bürgerlichen Gesellschaft aufgezeigt, die einerseits die Persönlichkeitsentwicklung als höchsten Wert feiere, andererseits im Zusammenhang der kapitalistischen Arbeitsteilung gerade diese Persönlichkeit wieder der Zerstückelung und Entfremdung anheimgebe. Der «Werther » sei insgesamt ein « glühendes Bekenntnis zu jenem neuen Menschen, der im Lauf der Vorbereitung der bürgerlichen Revolution entsteht», und das zutiefst Volkstümliche des Werks sei darin zu erblicken, daß nicht nur Werther « dertoten Erstarrung der Aristokratie und des Philistertums gegenüberstehE), sondern auch immer wieder Figuren aus dem Volk», ja Werther selbst sei «immer der Repräsentant des volkstümlich Lebendigen dieser Erstarrung gegenüber ».
      Solche Interpretation, so ausgreifend und umfassend sie sich vorführt, möchte man in ihrem abstrakten Reduktionismus doch auch wieder als unsensibel bezeichnen: Die lebendige Individualität des Romans wird überhaupt nicht sichtbar. Einzelzüge werden nicht herausgearbeitet, alles ist auf wenige leitende Gesichtspunkte zurückgeführt. Das Interesse des Interpreten ist stärker von den inhaltlichen Aussagen des Werks, von dessen realen Protest-, ja Revolutionsproklamationen bestimmt als von der Tatsache, daß wir es hier, auch wenn diese Proklamationen für den Roman konstitutiv sein mögen, doch in jedem Fall um eine Ãobersetzung in künstlerisch-literarische Form zu tun haben.
      Damit liegen bereits die Unterschiede deutlich zutage. Die reduktive Einebnung ist Folge einer Parteilichkeit für progressive Werte, die in der Interpretation immer wieder als solche benannt werden: Humanismus, Volkstümlichkeit im Sinne einer entschiedenen Parteinahme für die Belange der arbeitenden Klassen, revolutionärer Kampf gegen Unterdrückung und Ausbeutung im Interesse einer Entfaltung allseitig entwickelter Persönlichkeit. Aber, und hier liegt ein entscheidender Unterschied zur Geisteswissenschaft, diese Parteilichkeit ist eindeutig als Tendenz der Interpretation festgelegt, sie ist von Anfang an erkennbar; zum anderen wird, anders als in der Literaturwissenschaft der Geisteswissenschaft, nicht versucht, das Werk auf einen einzigen geschichtslos-typologischen Nenner zu bringen; vielmehr wird der geistesgeschichtliche Ort des Romans, der durchaus fixiert wird, selbst wieder im Zusammenhang einer geschichtlichen Totalität situ-iert. Es mag bedenklich sein, wenn hier, fast gewaltsam, das «Werther »-Geschehen im Sinne der festgelegten Parteilichkeit als Vorbereitung der bürgerlichen Revolution verstanden wird; es mag bedenklich sein, wie hier ein Werk, für das die elitäre Sentimentalität seines Helden konstitutiv scheint, auf die Linie des Volkstümlichen > gebracht wird. Immerhin war mit solchen Interpretationen eine Alternative zur Geschichtslosigkeit der geisteswissenschaftlichen Richtung bezeichnet, zu einer Zeit, als sich die Literaturwissenschaft zu einer nationalen, völkischen oder sogar rassischen Heilslehre entwickelt hatte.

     
Die werkimmanente Methode
Bereits in der Vorkriegszeit, also zur Zeit der Vorherrschaft der geisteswissenschaftlichen Methode, hatten sich einzelne Forscher einer stärker innerliterarischen Betrachtungsweise wie gattungsgeschichtlichen Einzeluntersuchungen auf phänomenologischer Grundlage zugewendet9, und schon 1939 hatte Emil Staiger, einer ihrer Hauptvertreter, in seinem Buch «Die Zeit als Einbildungskraft des Dichters» die neue Interpretationslehre der werkimmanenten Methode theoretisch wie praktisch begründet.
      In seiner programmatischen Einleitung «Von der Aufgabe und den Gegenständen der Literaturwissenschaft» setzte sich Staiger dezidiert vom Positivismus und mit gleicher Entschiedenheit von einer falsch gehandhabten geisteswissenschaftlichen Interpretationsweise ab. Die Erforschung des Ererbten, Erlernten und Erlebten, so Staiger, könne immer nur « bis zur Pforte des Dichterischen geleiten , weil das Schöpferische sich nicht begründen lasse.» IO Kausalität sei daher auch keine Kategorie der Literaturwissenschaft; denn den Geist könne man nicht « erklären »; die Dichtung selbst sei zu untersuchen, «nicht etwas, das dahinter liegt»; Staiger faßt sein Ziel am Ende der Einleitung so zusammen: «Aus diesen Gründen haben wir uns entschlossen, mit aller Behutsamkeit das einzelne Kunstwerk zu beschreiben. Eine wissenschaftliche Beschreibung nennen wir Auslegung, wir legen also Dichtung aus.»
Es darf als Verdienst dieser Richtung angesehen werden, die Aufmerksamkeit der Literaturwissenschaft von den Zusammenhängen, in denen Texte stehen, wieder stärker auf die Texte selbst, auf deren sprachliche Bilder und deren Aufbau gelenkt und damit den Interpreten als Leser, den Leser als Interpreten ernst genommen zu haben. Das ist an Staigers «Werther »-Interpretation deutlich zu erkennen; schon an der Häufigkeit wörtlicher Zitate und deren strikter Ausdeutung wird die starke Textbezogenheit ablesbar. Andererseits wird man gerade hier nicht übersehen dürfen, wie die Insistenz auf Texttreue Hand in Hand geht mit kapitalen Vorurteilen, ja wie diese um so gefährlicher wirken, als sie nicht ausgewiesen sind, sondern sich hinter dem Anspruch verbergen, hier handle es sich, im Unterschied zu früheren literaturwissenschaftlichen Interpretationsansätzen, endlich einmal um eine bloß behutsame Beschreibung des einzelnen Werks.
      Es wäre dies im einzelnen zu zeigen, etwa durch Staigers Ausblendung der sozialen Problematik bzw. durch deren Hinüberspielen inden geschichtslosen Bereich des Ewig-Menschlichen sowie durch die Verharmlosung der inneren Gefährdung von Werther, Lotte und besonders Goethe oder durch das in diesem Zusammenhang seltsam anmutende Engagement für die Lebensordnung der Ehe, wodurch der Text von vornherein in einer außergewöhnlich selektiven Wahrnehmung erscheint.

     
   Zusammenfassung
Sieht man einmal von dem Sonderfall der völkisch-nationalistischen Literatur ab, läßt sich generalisierend sagen, daß alle dargestellten Richtungen wichtige und notwendige Gesichtspunkte der literaturwissenschaftlichen Arbeit bezeichnen: Gervinus den politischen; Scherer den der Genese, der psychologischen Motivation, der empirisch-praktischen Richtigkeit; Gundolf den der Genialität; Lukäcs den des Wechselverhältnisses von literarischer und gesellschaftlicher Entwicklung; Staiger den der Sprache und des Stils. Und alle genannten Hauptrichtungen haben wichtige Ergebnisse erzielt; der Tatsachenempirismus des Positivismus hat gerade auf dem Bereich der Edition, des Sachkommentars, der Biographie, der Quellenforschung, der Bibliographie Resultate hervorgebracht, die noch heute zum Grundbestand des historischen Textwissens gehören.^ Man wird es auch als Verdienst ansehen dürfen, daß diese Schule, wenn auch einseitig, darauf drang, die äußeren historischen und soziologischen Bedingungen literarischer Phänomene in die literaturwissenschaftliche Arbeit einzubeziehen.
      Die Geistesgeschichte setzte eine neue Wertelehre gegen den Relativismus der historischen Schule und des Positivismus. Ideengeschichtliche Zusammenhänge von Literatur und Philosophie, Literatur und bildender Kunst, Literatur und Geschichte werden ausgewiesen; formgeschichtliche Untersuchungen stellen die Gattungsgeschichte in ein neues Licht; in der Gestaltanalyse werden, in Abkehr von Scherers analytischer, antiindividualistischer und antimetaphysischer Gesetzes-mechanik, morphologische Kategorien für die Erschließung literarischer Werke entwickelt; die ausgreifende Dichterbiographik sowie die monumentalen Werk- und Epochendarstellungen suchen das Spezial-wissen des Positivismus in die große Systematik übergreifender Konstruktionen zu integrieren.

     
   Ein literatursoziologisch-materialistischer Ansatz wie der von Lu-käcs arbeitet in seinen dynamischen Abstraktionen Grundprinzipien einer gesellschaftlichen, das heißt aus spezifischen geschichtlichen Situationen und Entwicklungen resultierenden Funktionsbestimmung von Literatur heraus.
      Die werkimmanente Methode schließlich kann für sich das Verdienst in Anspruch nehmen, den Text als in sich gegründete Lese- und Deutungseinheit wiederentdeckt und energisch auf die konkrete Bedeutung der stilistisch-sprachlichen Form- und Aufbauelemente hingewiesen zu haben.
      Allerdings wird eine solche etwas pauschale Einschätzung der unterschiedlichen Richtungen auch nicht deren negative Seiten außer acht lassen dürfen. Sie liegen zum einen in der Vereinseitigung der jeweiligen Position. Hand in Hand mit solchen vereinseitigenden Tendenzen ging zum anderen eine zunehmende Abstrahierung vom individuellen Werk; jede der Richtungen versuchte, die literarischen Phänomene in den Rahmen der eigenen Begrifflichkeit und Systematik zu zwängen, wobei - und darin liegt der eigentliche negative Gesichtspunkt - die unausweichliche Notwendigkeit von Abstraktionen und Konstruktionen selbst nur im Ausnahmefall zum Gegenstand der Re-flextion gemacht wurde. Jede Richtung glaubte sich im Gegenteil, mehr oder weniger selbstherrlich, jeweils im Besitz der gültigen Wahrheit.
      Möglicherweise hat die Zeit nach 1945 in diesem Punkt wirklicheinen Fortschritt gebracht, wenn man denn von einem solchen sprechen will: Vielleicht ist das selbstreflektorische Moment einer jeden
Beschäftigung mit den Werken der Literatur stärker geworden; viel
leicht treten die eigenen Interessen, Intentionen, historischen Voraus-setzungen, Interpretationsbedingungen stärker als in der Vergangen
heit ins Bewußtsein des Literaturwissenschaftlers, und es gelingt ihmbesser, den Gefahren zu begegnen, denen das Fach in seiner Ge
schichte immer wieder erlegen ist: Die Literaturwissenschaft hat Sinnimmer wieder nur als Produktion des genialen Subjekts oder als Ausfluß ebenso geschichtsloser wie machtvoller Allgemeinideen zu begrei
fen vermocht, statt zugleich auch als Ausdruck eines übergreifenden
Diskurses, dessen geschichtliche Formation selbst noch die scheinba-ren Eigenmächtigkeiten des produzierenden Individuums mit kontu-riert und dessen historische Konkretheit die Sinndimension der Werke überhaupt erst erkennbar werden läßt.
      Wieweit der Anspruch, den wir heute den frühen Formen literaturwissenschaftlicher Arbeit entgegenstellen, die Gefahr einer neuen

Blindheit in sich birgt und wo er für eine spätere Generation kritisierbar sein wird, diese Fragen sind für uns nicht zu beantworten. Vielleicht könnte die Geschichte der Literaturwissenschaft uns aber lehren: etwas selbstkritischer zu werden gegenüber der eigenen Arbeit, etwas nachsichtiger gegenüber den Auffassungen anderer und überhaupt etwas gelassener im Umgang mit der eigenen Wissenschaft.
     

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Georg  Lukäcs  (I885-I97I)    



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