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Georg Gottfried Gervinus (I805-I87I)



In seiner «Geschichte der poetischen Nationalliteratur der Deutschen» greift Gervinus im Kapitel über Goethe die beiden etwa gleichzeitig entstandenen Werke « Götz von Berlichingen » und «Werther» heraus. Beide lassen nach seiner Auffassung Goethes Doppelnatur erkennen: Auf der einen Seite das «wühlende, reformatorische Bestreben seiner Jugend», auf der anderen Seite der Drang nach Mäßigung, nach Bändigung noch des wildesten Stoffs. Sehr schnell ist Gervinus dann jedoch bei seiner Leitvorstellungz:
«Im Götz machte sich das Freiheitsgefühl Luft, das eben anfing in Deutschland Boden zu fassen. Werther stellte ein Bild des moralischen Genies auf, in Beziehung auf unsere geselligen Verhältnisse gesetzt. Ein Charakter entwickelt sich vor uns, dem alles Bestehende Hinderniß und Schranke scheint; wie er in der Kunst der Regel spottet, so auch der bürgerlichen Gesellschaft, die die Natur in uns zerstöre und nichts als Anständigkeit dafür biete .»
Beide Werke sind für Gervinus kompensatorische: Da die Gegenwart um 1770 kein Handeln, kein tätiges Eingreifen im politischen Bereich zuließ, konnte die Literatur noch nicht von großen Taten der Gegenwart, son-dem nur von solchen der Vergangenheit handeln oder die inneren Bewegungen, die Ideale und moralischen Appelle, mit denen der Zeitgeist auf die politische Entmächtigung reagierte, im Reflex zurückwerfen.
      Damit ist Gervinus bei seinem zweiten Thema: der Wirkung dieser Literatur für die Dichtung selbst wie auch, was ihm wichtiger erscheint, für die Zustände des Lebens. Während der «Götz», wie es heißt, « gesetzte Männer » fürchten lehrt, Goethe « begünstige die Anarchie und das Faustrecht und möchte gern diese Zeiten wieder herstellen», konnte der «Werther» nach Gervinus deshalb so stark wirken, weil er ein « zu unmittelbares Abbild des Lebens » darstellte, um « nicht seine nächsten und unmittelbarsten Wirkungen auf das Leben zurück zu machen ». Wie Goethe selbst damals in der « Periode der gestörten Ideale » stand, so war sie in dieser Zeit, «wo man die Wirklichkeit mit der Poesie maß und verglich, eine gemeinsame für die ganze deutsche Jugend . erregte nicht eine Krankheit, sondern deckte das vorhandene Übel auf.»
Ist damit auf etwas weniger als zwei Seiten der gesamte «Werther» und seine zeitgeschichtliche Wirkung auf die politische Situation Deutschlands bezogen und interpretiert, so ist damit zugleich das Interesse des Autors am Gegenstand erschöpft. Eine ästhetisch-formale Interpretation findet sich nicht; aber auch die geschichtliche Dimension erscheint eigenartig verkürzt, wenn Gervinus wichtige Angaben über geschichtliche Zusammenhänge der Entstehung, der formalen Tradition, der Rezeption einfach beiseite läßt bzw. in einem letzten Satz gerade noch andeutet.
      Gervinus' «Geschichte der poetischen Nationalliteratur der Deutschen», die, wie auch andere Literaturgeschichten der Zeit zwischen Restauration und gescheiterter Revolution von 1848, die patriotischen Erhebungs- und Einigungshoffnungen im Medium des nationalen Literaturerbes wachzuhalten suchte, wurde bei der vierten, 1853 erschienenen Auflage umbenannt: «Geschichte der deutschen Dichtung » hieß sie von nun an, und diese Änderung ist symptomatisch für das resignative Bewußtsein des Verfassers und anderer politisch engagierter deutscher Liberaler nach 1848. Die politische Praxis, die nach den Vorstellungen von Gervinus am Ende der Kunstperiode die künstlerischen Kompensationsformen ablösen sollte, ergab sich nicht als kontinuierlicher gesellschaftlicher Fortschritt im Sinne zunehmender nationaler und individueller Selbstbestimmung, sie wurde vielmehr hergestellt. Welche Konsequenzen dies für die Literatur
Wissenschaft hatte, wird nirgendwo deutlicher als an jener wissenschaftsgeschichtlichen Richtung, die im letzten Drittel des Jahrhunderts herrschte: dem Positivismus. Einer ihrer wichtigsten, tonangebenden Vertreter war in Deutschland der Germanist Wilhelm Scherer.

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