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Friedrich Gundolf (I880-I93I)



« Goethe ist der einzige Deutsche, der jene Harmonie völlig erreicht hat, er ist deshalb unser vorzugsweise klassischer Mensch. Darum ist bei ihm weniger als bei irgendeinem anderen modernen Menschen nötig, seine Werke aus seinem Leben heraus zu erklären, hinter seine Werke zu greifen, um sein Leben zu erfassen: denn sie selbst sind sein Leben.»
War bei Scherer, wenigstens in seiner Theorie, die Qualität des Werks noch abhängig gemacht von dessen Gehalt an lebensgeschichtlicher Realität, so wird hier umgekehrt die Bedeutung lebensgeschichtlicher Details für das zu interpretierende Werk desto geringer eingeschätzt, je bedeutender das Werk, und das heißt nach geisteswissenschaftlicher Voraussetzung: die Identität von Leben und Werk, sich präsentiert.
      Folgerichtig sieht Gundolf im «Werther » auch nicht die Darstellung einer «vereinzelten Lebensepisode Goethes», nicht den Briefroman einer «unglücklichen Liebe»; er hebt auch nicht ab auf eine «wirkliche Tragik, die Goethe durchgemacht hat», oder auf das konkrete « Leiden Goethes an seiner eigenen Existenz, hervorgegangen aus dem Widerstreit zwischen kosmisch expansiver Lebensfülle und Beschränkung des Augenblicks». Es geht vielmehr letztlich nur um das, was diese «wirkliche Tragik Goethes» zum «Erlebnis» macht: deren Bewältigung, deren Abschluß im dichterischen Werk.
      Das wird besonders signifikant an Gundolfs Bewertung der Geschichte des jungen Jerusalem, eines mit Goethe bekannten Legationsrates, der sich am 30.10.177z in Wetzlar erschossen hatte. Für Gundolf erklärt sich der ungeheure Erfolg des Werks vor allem aus dessen Fehleinschätzung als Darstellung einer Sensationsgeschichte des Jahres 177z und aus der Tatsache, daß dieser Roman für das Lesepublikum nur die «Vorbereitung, die Begründung eines schrecklichen Vorfalls » war. «Für Goethe war der ganze Selbstmord nur der symbolische, der symbolschaffende Anlaß, seine eigene pathetische Leidensgeschichte abzuwenden und abzuschließen.» Der junge Jerusalem und sein Selbstmord, so Gundolf, boten sich Goethe «im kritischen Moment, da alles in ihm selbst bereit war, sich als reife Frucht von ihm abzulösen, als das geeignete Symbol für den Träger der Handlung an, in welcher seine Empfindungen und Erlebnisse sich objektivieren mußten ». Die realen biographischen Fakten sind Teil eines geistigen Erlebnisraums insofern, als sie sich dem inneren Geschehen fügen; dem titanischen Ich, das Goethe darstellte, fiel das gemäße Symbol zu. Fast könnte man sagen: Der realen Lebenswirklichkeit kommt die einzige
Aufgabe zu, dem großen, und das heißt in diesem Zusammenhang immer: dem produktiven Menschen, solche symbolischen Ausdrucksmöglichkeiten im rechten Augenblick bereitzustellen. Biographie ist lediglich Material des dichterischen Ausdrucks; im Augenblick der Gestaltung wird das eigentlich Biographische daran getilgt.
      An Gundolfs «Werther»-Interpretation enthüllt sich, allerdings in einer extremen Weise, etwas für die geisteswissenschaftliche Richtung insgemein Wesentliches: die Mythisierung, ja Mystifikation der großen schöpferischen Persönlichkeit. Und hierbei ist zweierlei zu beobachten: Zum einen betont diese quasi kultische Verehrung in deutlicher Opposition zum Positivismus das Individuell-Elitäre; die große Persönlichkeit verkörpert etwas Einmaliges, nicht mit gewöhnlichem Maßstab Meßbares, und diese Einmaligkeit des genialen Menschen hebt sein Werk «weit über die monographische Beschreibung eines bloß psychologischen Vorgangs» hinaus. Die große Persönlichkeit ist eben qua Genialität und Einmaligkeit nicht mit den Maßstäben einer am generellen Fall ausgerichteten Psychologie zu messen: sie hebt in diesem Sinn Kausalität auf. Zum anderen wird dieses Einmalige wiederum nicht bloß im Individuellen belassen, sondern immer wieder versucht, auf der Ebene der Genialität Typologien zu entwickeln: Nicht die Beschreibung des je einmaligen Konfliktfalls Werther ist das Ziel, sondern Werther als typischer Ausdruck einer Konfliktsituation und Konfliktlösung des genialen, in diesem Fall kosmisch-titanischen Menschen.
     

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