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Politische Polarisierungen in Ost und West



Solange der Kalte Krieg die gesamte ideologische Situation überformte, waren auch die literaturwissenschaftlichen Fronten relativ klar: In der DDR forderte der Staat von der Germanistik ein ideologisches Engagement für die These, daß dieser Staat der einzige legitime Erbe des aufklärerischen Humanismus sei; in der Bundesrepublik, wo ein solcher Appell ausblieb, zogen sich die meisten Germanisten auf das Konzept der Autonomie der Kunst zurück oder begannen, sich für eine nichtavantgardistische Moderne zu interessieren. Ins Wanken gerieten diese Fronten erst, als es in beiden Staaten zu politischen und ökonomischen Veränderungen kam, die so tiefgreifend waren, daß sie auch in der Germanistik zu deutlichen Polarisierungen führten.
      In der DDR geschah dies 1956 durch den Beginn der Entstalinisie-rung auf dem XX. Parteitag der KP der UdSSR sowie den Ungarnaufstand des gleichen Jahres, bei dem auch Lukäcs eine wichtige Rolle zu spielen versuchte. Die Reaktion auf diese höchst komplexen Prozesse bestand einerseits in einer scharfen Kritik an einer allzu < bürgerlichen > Interpretation des kulturellen Erbes, andererseits in einer nachdrücklichen Rückbesinnung auf den ursprünglich revolutionären Charakter der sozialistischen Literatur. Die ersten, die dabei ins Kreuzfeuer der Meinungen gerieten, waren Georg Lukäcs und Hans Mayer, denen -unter anderem von Hans-Günther Thalheim - ein demokratisch-klassenneutraler Standpunkt, eine allzu große Verehrung konservativhumanistischer Autoren des 20. Jahrhunderts und eine damit korrespondierende Geringschätzung der sozialistisch-revolutionären Literatur vorgeworfen wurde. Mayer zog daraus die Konsequenzen und verließ einige Jahre später die DDR. Doch trotz dieser Kritik an den verschiedenen Formen einer überlebten Qualitätsnorm in der < bürgerlichen > Literaturtradition wurde das Klassikkonzept - wie auch der hinter ihm stehende, aber jetzt kaum noch genannte Lukäcs - keineswegs aufgegeben. Auch in der Folgezeit beriefen sich viele DDR-Germanisten, vor allem Helmut Holtzhauer, Karl-Heinz Dahn, Hans-Heinrich Reuter und Rudolf Dau, immer wieder auf den vorbildlichen Charakter Goethes und Schillers und wiesen jede Kritik klassischer Werke nachdrücklich zurück.
      Auf diese Weise wurde selbst das verstärkte Eintreten der Berliner und Leipziger für die sozialistische Literatur des 20. Jahrhunderts, in der viele lediglich eine minderwertige Tendenzliteratur, aber keine hohe Dichtung sahen, häufig ins Bürgerlich-Humanistische umgebogen. Das zeigte sich sogar auf der im April 1959 von der SED einberufenen «Bitterfelder Konferenz», die im Zeichen des Mottos « Kumpel, greif zur Feder!» stand und zu einer Stärkung der sozialistischen Elemente in der Literatur beitragen sollte, auf der jedoch den anwesenden Schriftstellern vornehmlich empfohlen wurde, endlich den sozialistischen «Wilhelm Meister» oder «Faust» zu schreiben. Jene Germanisten, die sich in diesen Jahren an die Aufarbeitung der bisher weitgehend unerschlossenen sozialistisch-revolutionären Literatur machten, hatten daher keinen leichten Stand. Das gilt vor allem für die Leipziger Arbeitsgruppe zur Erforschung der proletarisch-revolutionären Literatur, die zur gleichen Zeit gegründet wurde und zu der vor allem Alfred Klein, Klaus Kandier und Friedrich Albrecht gehörten. Diese Gruppe veröffentlichte in der Folgezeit eine stattliche Reihe von Bänden, welche sich sowohl mit dem « Bund proletarischrevolutionärer Schriftsteller» als auch jenen mit der KPD sympathisierenden oder ihr angehörenden Schriftstellern der späten 70er Jahre beschäftigten, welche sich wie die Autoren der späteren Volksfrontbewegung mit den Mitteln des Worts gegen den Faschismus zur Wehr zu setzen versuchten. Ein ähnlich linker Elan liegt jenen Studien zugrunde, mit denen sich damals jüngere DDR-Germanisten für die Werke Bertolt Brechts oder marxistisch orientierte DDR-Schriftsteller wie Hermann Kant und Volker Braun einsetzten. In diesen Jah-ren wagte man es erstmals, einige der älteren erschienen -den plakativen Titel «Zum Verhältnis von Ã-konomie, Politik und Literatur im Klassenkampf». Im Gegensatz zu Bänden wie «Methodenkritik der Germanistik» von Marie Luise Gansberg und Paul Gerhard Völker oder «Marxistische Literaturwissenschaft und Literatursoziologie» von Florian Vaßen, in denen auch Theoretiker wie Theodor W. Adorno und Walter Benjamin berücksichtigt werden, wurde in diesem Band - mit kaum zu überbietender Radikalität - der ideologische Nachdruck allein auf den direkten Bezug zu den revolutionären Volksmassen gelegt.
     

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