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Zur geschichte der literaturwissenschaft

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Die unmittelbare Nachkriegszeit



Als im Wintersemester 1945/46 - nach der militärischen Niederlage des deutschen Faschismus - der germanistische Lehrbetrieb wiederaufgenommen wurde, war von < neueren Entwicklungen > noch wenig zu spüren. Mehrere der bekannteren NS-Germanisten hatten ihre Ämter niederlegen müssen. Der Rest der Lehrstühle blieb weiterhin mit ehemaligen Parteigenossen, Mitläufern oder bestenfalls Vertretern der inneren Emigration besetzt. Schließlich war das Fach Germanistik bereits in den zoer Jahren ein recht konservatives gewesen, so daß sich 1933 nur einige, meist jüdische Vertreter dieses Fachs gezwungen sahen, ins Exil zu gehen. Nach 1945 kam fast niemand zurück, der fähig gewesen wäre, diesem Fach - aufgrund seiner antifaschistischen Gesinnung - eine neue Richtung zu weisen. Und so dominierte in der er-sten Nachkriegszeit in allen vier Besatzungszonen erst einmal eine Germanistik des Vertuschens, Verschweigens, ja der Maskenhaftig-keit. Weder antifaschistische Äußerungen noch Schuldbekenntnisse wurden laut. Statt dessen erschienen Werke wie « Die deutsche Tragödie von Lessing bis Hebbel» von Benno von Wiese, in denen nicht Reue oder Sühne im Vordergrund standen, sondern im Sinne von Hans Sedlmayrs Manifest «Verlust der Mitte» vom gleichen Jahr eher der Verlust der Theodizee beklagt wurde.
      Selbst als es im Spätherbst des Jahres 1949 - im Zuge des Kalten Krieges - zur Teilung Deutschlands in die westliche Bundesrepublik und die östliche Deutsche Demokratische Republik kam, änderte sich die Situation der Germanistik nicht über Nacht. In manchen Teilbereichen verlief die Entwicklung noch eine Weile recht ähnlich. Solange es keinen anders ausgebildeten Nachwuchs gab, ließen sich die meisten Universitätsinstitute - trotz vieler politischen Zweckerklärungen -nicht einfach auf einen neuen Kurs umpolen. Und so wirkten hüben wie drüben bis weit in die 50er Jahre, wenn nicht noch länger, jene Professoren, welche bereits vor 1945 Germanistik gelehrt hatten und nicht gesinnt waren, noch einmal den eines massiven Engagements für eine bestimmte Ideologie zu begehen. Auch in den Jahren nach 1949 blieben demzufolge die meisten Germanisten weiterhin bei einem unverbindlichen Klassikkult und wichen den Werken der weitgehend aus.
      Besonders bruchlos spielte sich dieser Vorgang in der frühen DDR ab. Hier brauchte man nicht in die Klassik zu flüchten. Im Gegenteil, hier wurde der Kult der Klassik geradezu von Staats wegen verordnet. Bereits Franz Mehring und Georg Lukäcs, die Begründer der marxistischen Ästhetik, hatten die Literatur der Goethezeit als das höchste nationale Kulturerbe bezeichnet und dadurch in den Sozialismus < verretteT). Um ihr diesen Status zu geben, stellten sie die Weimarer Klassik als den Höhepunkt der bürgerlichen Literaturentwicklung zwischen 1750 und 1850, also zwischen Lessing und Heine, hin, d. h., sie interpretierten sie im Sinne jener progressiv-humanistischen Intentionen, die sich auch in den Idealen der Französischen Revolution sowie Hegels Geschichtsphilosophie manifestieren. Von den hohen Würdenträgern der frühen DDR - darunter Walter Ulbricht, Johannes R. Becher, Helmut Holtzhauer und Alexander Abusch - wurde daher die Weimarer Klassik gern zum Nonplusultra der deutschen Literatur schlechthin erhoben und im Hinblick auf den « Faust II» von den Bürgern und Bürgerinnen der DDR als einem < freien Volk auf freiem Grund > gespro-chen. Wohl am stärksten äußerte sich diese unmittelbare Identifikation mit den Klassikern der bürgerlichen Literatur bei den Goethe-Feiern , den Lessing-Feiern und den Schiller-Feiern , wo unentwegt von < unserem Goethe >, < unserem Lessing > und < unserem Schiller > die Rede war und der Sozialismus als die politische Realisierung des bürgerlichen Humanismus hingestellt wurde.
      Besonders wichtige Rollen bei dieser Hochwertung des klassischen Kulturerbes spielten der in Leipzig lehrende Germanist Hermann August Korff, der 1953 sein bereits in den 20er Jahren begonnenes vier-bändiges Werk « Geist der Goethezeit» abschloß, andererseits marxistisch orientierte Goethe-Forscher wie Georg Lukäcs und Gerhard Scholz. Innerhalb dieser Forschungsrichtung, die sich jeder nur denkbaren Unterstützung erfreute, legten in den 50er Jahren unter anderem Germanisten und Germanistinnen wie Karl-Heinz Dahn, Hans-Dietrich Dahnke, Siegfried Streller, Ursula Wertheim, Hedwig Voegt und Edith Braemer - in Form von Monographien oder Aufsätzen für das «Goethe-Jahrbuch» sowie die 1955 gegründete Zeitschrift «Weimarer Beiträge » - viele wichtige Einzelforschungen vor, die das bis dahin existierende Bild der Goethezeit vor allem im Hinblick auf die sogenannten Spätaufklärer und deutschen Jakobiner beträchtlich erweiterten.
      Die Kehrseite dieses Klassikkults war eine weitgehende Abwertung der bürgerlichen Literatur nach 1848. Auch sie geht auf den Einfluß von Lukäcs zurück, der an den meisten Werken der sog. modernen Literatur, soweit sie nicht an klassischen Modellen geschult waren, entweder die Überbetonung der Form oder die Überbetonung des Stofflichen bemängelte - und hierbei selbst vor dem Verdikt des nicht zurückschreckte. Lukäcs ließ darum innerhalb der deutschen Literatur des zo. Jahrhunderts nur Autoren wie die Brüder Mann, Feuchtwanger, Arnold Zweig usw. gelten, deren Werke sich durch eine - weitgehend an Lukäcs, mit dem ihn zugleich die Bewunderung der Werke Thomas Manns verband. Zu einer Änderung dieser Sehweisen sollte es erst nach den politischen Ereignissen von 1956 kommen, als Lukäcs durch seine Beteiligung am Ungarnaufstand plötzlich in der DDR seine bisherige Vorbildfunktion einbüßte.
      In der Bundesrepublik nahm dagegen die Klassikverkultung in den 50er Jahren ganz andere Formen an. Hier wurden die Werke Goethes, Schillers und ihrer Zeitgenossen nicht in progressiv-humanistischer Absicht in den breiten Strom der Literatur des aufsteigenden Bürgertums zwischen 1750 und 1848 eingebettet, sondern weitgehend in den Bereich des Kunstautonomen erhoben, um sie dadurch gegen jede ideologische Indienstnahme abzuschirmen. Statt sich durch die politische Reklamierung des klassischen Erbes für die neue Gesellschaft als die Vertreter eines anderen, besseren Deutschlands auszuweisen, hielten die westdeutschen Germanisten zu Anfang der 50er Jahre - unter Umgehung der Vergangenheit und zugleich Ausschaltung aller Zukunftskonzepte - weiterhin an den Anschauungen der Inneren Emigration 3, das heißt den unveränderlichen Werten der abendländischen Tradition fest, ohne dabei irgendwelche konkreten kulturpolitischen Standpunkte zu beziehen. Allerdings lassen sich in diesem Umkreis -im Hinblick auf ihren Forschungsgegenstand - mindestens zwei verschiedene Richtungen unterscheiden: eine konservativ-humanistische und eine strukturalistisch-formanalytische.
      Der Hauptvertreter der konservativ-humanistischen Strömung war anfangs der Schweizer Germanist Emil Staiger, der in seinen « Grundbegriffen der Poetik» eine betont zeitlose, exi-stentialistisch gefärbte Formenlehre entwickelte, die sich vor allem an
< klassischen > Modellen orientierte und dementsprechend das Prinzip des Erzählerischen noch immer am Versepos und nicht am modernen Roman exemplifizierte. In seinen eigenen Interpretationen, die sich -in scharfer Ablehnung alles < Modernen > - fast ausschließlich mit
< klassischen > Meisterwerken beschäftigten, ließ sich Staiger weitgehend von den Texten selbst «anmuten», das heißt bevorzugte eine nachvollziehende, sich einwiegende, kongeniale Ausdeutung des jeweiligen Werks, die meist auf den Nachweis der «inneren Stimmigkeit » des betreffenden Gedichts oder Dramas hinauslief. Theoretisch faßte Staiger diese Methode 1955 in seinem Vortrag «Die Kunst der
Interpretation » zusammen. Ähnlich verfuhren Germanisten wie Kurt May, Heinz Otto Burger, Oskar Seidlin, Paul Stöcklein, Erich Trunz, August Closs und Heinrich Henel. Auch sie verzichteten weitgehend auf jede gesellschaftliche Relevanz und beschränkten sich allein auf das Werkimmanente, wobei sie ihren < liebenden > Bezug zu den zu interpretierenden Werken entweder auf existentielle Fragen verengten, ins Abstrakt-Geistesgeschichtliche ausweiteten oder mit höchst subtilen ästhetischen Wertungsproblemen verbanden.
      Die strukturalistisch-formanalytische Richtung, die sich zu Anfang weitgehend auf Bücher wie « Morphologische Literaturwissenschaft» von Horst Oppel, «Das sprachliche Kunstwerk» von Wolfgang Kayser sowie den ersten und einzigen Band von Paul Böckmanns «Formgeschichte der deutschen Dichtung» stützte, wirkt dagegen etwas professionalisierter. Bei ihr stand weniger der liebende Bezug als der wissenschaftliche Nachweis bestimmter sprach-, form-, gattungs- oder baugesetzlicher Komponenten im Vordergrund. Unter weitgehender Absehung vom Inhaltlichen versuchte sie das spezifisch Poetische in jener « Gestaltqualität» zu erkennen, die Dichtung überhaupt erst zur Dichtung mache. Statt illustrierende Beispiele für eine « allgemeine Kultur- und Geistesgeschichte » zu liefern, wie es in diesem Umkreis in deutlicher Ablehnung der marxistischen Widerspiegelungstheorie immer wieder heißt7, solle sich die Literaturwissenschaft nur mit in sich geschlossenen « sprachlichen Gebilden » beschäftigen. Auf diese Weise ergaben sich bis zur Mitte der 50er Jahre innerhalb dieser Richtung deutliche Querbezüge zu Staigers «Kunst der Interpretation», während sich in den Jahren nach 1955 in ihr auch Einflüsse des US-amerikanischen New Criticism, vor allem in der durch das Buch «Theoryof Literature» vonRene Wellek und Austin Warren vermittelten Form, bemerkbar machten. Erst gegen Ende der 50er Jahre trat neben diese beiden Richtungen eine dritte, die meist mit dem Schlagwort des charakterisiert wird. Dieser Variante der westdeutschen Germanistik lag weitgehend jener im Zuge des steigenden Wohlstands entstehende Liberalismus zugrunde, durch den auch das Moment der Bewegung, ja Entwicklung wieder an Bedeutung gewann. Statt Literatur weiterhin als etwas Ewiges oder Statisches zu betrachten - und sich von der eigenen Zeit desinteressiert abzuwenden -, kam in dieser Strömung erstmals ein Stolz auf die eigene Zeit und ihre Literatur zum Ausdruck. Allerdings geschah dies unter Absehung aller inhaltlichen Konsequenzen, die aus dieser Hinwendung zur Moderne resultieren könn-ten. Das belegt wohl am deutlichsten das damals vielbeachtete Buch «Die Struktur der modernen Lyrik. Von Baudelaire bis zur Gegenwart» des Romanisten Hugo Friedrich, in dem es bei der Entwicklung zur Moderne um eine rein abstrakte, innerliterarische Progression geht, deren Ziel eine steigende Verselbständigung und damit Autonomisierung der sprachkünstlerischen Mittel ist. Auch in der Germanistik wurde dadurch die Lyrik zusehends zum eigentlichen « Paradigma der Moderne »9, während Dramen und Romane - wegen ihrer «größeren Welthaltigkeit», wie es damals hieß - zusehends in den Hintergrund traten. Das Resultat dieser Entwicklung war eine aller spezifisch avantgardistischen Elemente entleerte < Moderne >, in der lediglich ein Soziologe wie Theodor W. Adorno noch ein dialektisches Widerstandspotential gegen die mit hegemonialem Anspruch auftretende Kulturindustrie sah, während Moderne-Anhänger wie Walter Höllerer das Neue einfach um des Neuen willen begrüßten.

     
  

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