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Zeitbezug und Rezeption
In der Spielzeit 1961/62 nahm das Theater der Stadt Baden-Baden auf Drängen der Stadtverordnetenversammlung Brechts Mutter Courage aus dem Spielplan, „aus Gründen politischen Takts und moralischen Empfindens", wie es hieß. Zur selben Zeit setzten neun weitere renommierte westdeutsche Bühnen ihre Brecht-Aufführungen ab. Es war das Jahr des Berliner Mauerbaus.
Im April 1956 verbot das ZK der SED 700 Studenten der Karl-Marx-Universität Leipzig eine Diskussion mit Bert Brecht im Schiffbauerdamm-Theater Berlin. Walter Ulbricht hatte die von Helene Weigel initiierte Veranstaltung „eine Brüskierung der Partei" genannt. Es war das Jahr der brutalen Repression gegen die innerparteiliche Oppositionsgruppe um Wolfgang Harich, deren geheimer Mentor Bert Brecht hieß.
Man sieht: Zumindest zu seinen Lebzeiten war Brecht im Osten kaum weniger umstritten als im Westen. „Schreiben Sie, daß ich ihnen unbequem war und unbequem zu bleiben gedenke. Es gibt da auch nach meinem Tode noch gewisse Möglichkeiten", so lautete sein Vermächtnis an die DDR-Prominenz.1
Der Geist revolutionärer Dialektik war im „ersten deutschen Arbeiter- und Bauernstaat" nicht gefragt. Die Schriftsteller des „sozialistischen Realismus" standen in der Pflicht, das System politisch zu stabilisieren, nicht, es kritisch über sich hinauszutreiben. „Vulgarisierung der Literatur" warf der IV Schriftsteller-Kongreß der DDR dem Leninpreisträger Bertolt Brecht vor. „Mein Stern geht unter", klagte der Dichter angesichts der Anfeindungen aus dem eigenen Lager.1
Sein Stern stieg im Westen, aller politischen Polemik zum Trotz. Die sechziger und siebziger Jahre brachten eine Inszenierungsflut seiner Stücke. Allein in der Spielzeit 1969/70 wurde auf westlichen deutschsprachigen Bühnen neben zahlreichen anderen Brechttiteln 145mal Mutter Courage gespielt.1
Helmut Jendreiek unterschied 1969 im Rückblick auf die Nachkriegsjahre drei Phasen der Brecht-Rezeption: die polemische, die Strukturalistische und die marxistische. In der Tat, nach dem Ausklingen der Kontroversen in Presse und Rundfunk wurde Brecht Seminarthema und Schulbuchautor. Oft wurden dabei al-lerdings seine dramaturgischen Theorien eher jüngerhaft verkündet als kritisch sondiert. In seiner Rolle als selbsternannter Anti-Aristoteliker wurde der Autor allzu ernst genommen. Brechts Kunst der dialektischen In-Frage-Stellung verbot sich gegenüber dem Meister selbst. „Die literarische Analyse alten Stils ist keine adäquate Untersuchungsmethode für die Stücke Brechts", meinte Werner Hecht 1970 und verlangte, sein Werk müsse „als konkrete Anwendung seiner Theorien gesehen und dargestellt werden." Nach diesem Rezept interpretierte man bedenkenlos tautologisch Brecht durch Brecht. Man benutzte seinen eigenen, von ihm nicht eindeutig und widerspruchsfrei definierten Begriff der Verfremdung, um damit die „Grundstruktur" seines Lebenswerks bloßzulegen; man brauchte zu diesem Zweck, so hieß es, „nur mit exemplarischen Belegen zu arbeiten." So wurde es Praxis, seine Dramen auf der Suche nach „V-Effekten" förmlich zu durchsieben und alle Fundstellen sorgfältig zu katalogisieren. Als Deutschlehrer mußte man aber die Erfahrung machen, daß man seinen Schülern den Appetit auf Brecht verdarb, wenn man zur Dramenlektüre die jeweiligen dramaturgischen Gebrauchsanweisungen Brechts allzu ausgiebig behandelte. Die Schüler verlangten nicht nach Dogmen, sondern nach einer unbefangenen kritischen Auseinandersetzung mit dem Text.
In den siebziger Jahren wurde das Interesse an Brecht von anderer Seite wachgehalten. Die 68er Bewegung griff nicht so sehr nach seiner Dichtung wie nach seiner einst verteufelten politischen Doktrin. Brechts Agitationstheater, noch 1962 als „moralische Anstalt marxistischer Observanz" beschwichtigend relativiert, wurde jetzt Schauplatz des neomarxistischen Klassenkampfes. Straßentheatergruppen wie „POFO" , „Die roten Steine" und „Interpol" nahmen die Tradition revolutionärer Spieltrupps der zwanziger Jahre mit Brechts Lehrstücken wieder auf.
In der DDR sah man unterdessen Brecht „zehn Jahre nach seinem Tode näher bei Schiller und Goethe als er sich selbst sehen mochte." Während der Dichter so im Osten als Klassiker mumifiziert wurde, reaktivierte man ihn im Westen als Barrikadenkämpfer.
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