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Die Reaktion des Züricher Publikums von I94I



In einer frühen Arbeitsskizze hat Brecht selbst seine Courage als 'Die finnische Niobe" bezeichnet. Der bürgerlichen Presse warf er aber später vor, sie habe seine Marketenderin als Niobefigur fehlinterpretiert . Dabei taucht diese Benennung in den zeitgenössischen Pressebesprechungen der Uraufführung von 1941 gar nicht auf. Von der Courage als einem 'warmblütigen Muttertier" ist vielmehr die Rede und von der 'Nährmutter" . D aran nahm Brecht Anstoß. Ihm erschien eine biologistische Determination genauso unannehmbar wie das Walten der olympischen Götter. Das

Gesetz der Tragödie sah er in seinem Theater des 'wissenschaftlichen Zeitalters" endgültig außer Kraft gesetzt, und zwar dank der Erkenntnisse von Karl Marx. Die lernunfähige Händlerin sollte kritisiert, nicht heroisiert werden.
      Eine heroisierende, ja sentimentalisierende Tendenz ist allerdings den Schweizer Presserenzensionen von 1941 gemeinsam. 'Wie der Prototyp der Urmutter umfängt die Mutter Courage alles, was in ihre Nähe kommt, mit mütterlicher Fürsorge", schreibt Elisabeth Thommen in der Baseler Nationalzeitung. 'Für die Zeichnung dieser starken Frauenfigur dürfen alle Frauen Brecht dankbar sein!" Und B. Diebold in der Züricher 'Tat" sah die Gestalt der Courage 'mit ihrem großen Mutterherzen jenseits aller historischen Ansprüche schlechthin im Ewigen. Mochte sie noch so respektswidrige Dinge gegen das , Höhere' maulen und ihre Geschäftstüchtigkeit spielen lassen - sie wurde doch nie zur , Hyäne des Schlachtfelds'; und die von den rauhen Umständen geforderte Rauheit der Marketenderin trat fast zu stark zurück hinter der Strahlung ihres Gefühls und ihres ergreifenden Herzens, wenn sie die Kinder, eines nach dem andern, verlieren muß."
Dieses Stehen 'schlechthin im Ewigen" widersprach den Absichten des Autors diametral. Seine dialektischen Parabelspiele handelten ja gerade nicht von der 'Ewigkeit", sondern von der Widersprüchlichkeit und Wandelbarkeit aller Dinge nach dem Motto seines 'Schwejk"-Stückes: 'Das Große bleibt groß nicht / Und klein nicht das Kleine." Das unwandelbare Menschenherz war für ihn so wenig denkbar wie die Unveränderlichkeit gesellschaftlicher Ordnungen.
      Ebenso anstößig war ihm das andere Mißverständnis von der Unbewußtheit und Triebhaftigkeit im Mutterinstinkt der Courage. 'Man ist unfrei wie ein armes Tier", schrieb Diebold , 'und so ist auch die elementare Güte und Natürlichkeit Courages als Mutter ihrer Kinder nicht als Moral, sondern aus jenem Trieb zu werten, aus dem sie ihre Brut empfangen hat aus aller Welt."
Brecht klagte: '[.. .] wie tief die mißverständlichkeit meiner stücke in ihnen steckt, in der tat wurde der GALILEI als eine ehrenrettung des Opportunismus aufgefaßt; das SEZUANSTÜCKals religiöse Verurteilung der zweiseelenkonstruktion; die COURAGE als loblied auf die unerschöpfliche Vitalität des muttertiers." Er nahm sich vor, seine eigene Courage-Inszenierung von diesem Mißverständnis freizuhalten.

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