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Das Drehbuch von I955



Der Handlungsablauf des Films ist in 101 Bilder mit 384 Kameraeinstellungen gegliedert. Einige blinde Motive und Handlungslük-ken lassen darauf schließen, daß auch dieser letzte Entwurf noch vorläufig war. In einem Nachtragsteil finden sich zusätzliche Motive und Handlungsdetails.
      Der Film zeigt Schlachtenpanoramen in der Totale , stimmungsvolle Landschaftsbilder, bäuerliches Volksleben im Breughel-Stil und düstere Szenerien wie den Galgenbaum in Bild 54, zu denen Caspar Neher Entwürfe nach dem Muster von Jaques Callots Schrecken des Krieges gezeichnet hat. Von der bewußten Kargheit der Courage-Bühne findet sich keine Spur mehr. Mitunter sind sogar schwelgerisch prunkvolle Ausstattungen vorgegeben, z. B. von einem Offizierszelt und einem Schloß. Es gibt kaum noch Verfremdungseffekte, auch nicht im Dialog. Damit fallen auch viele Wortwitze weg. Wo z. B. die Courage auf die frömmelnde Bemerkung des Feldgeistlichen: 'Wir sind jetzt eben in Gottes Hand" entgegnet hatte: 'Ich glaub nicht, daß wir schon so verloren sind" , heißt es im Film einfach: 'Redens nicht, die Katholischen sind auch Menschen" . Das Kapitulationslied der Courage, das den Ostberliner Kritikern besonders anstößig erschienen war, ist gestrichen, andere Songs, wie das Lied vom Fraternisieren, haben ihren gestischen Charakter verloren. Dagegen gibt es so viel Landschaft wie selten bei Brecht: 'Felsiges Gelände" ; 'Eine weite Schneelandschaft" ; 'Unter der Linde" ; 'Am Wandrand" . Oft erscheint dazu die Angabe: 'Abend", 'Nebel", 'Dämmerung", 'Nacht". Die Bildfolge hat manchmal geradezu deutschtü-melnd romantische Züge.
      Anderes ist härter umrissen. Der Antipathie-Effekt gegen die Courage ist bis zur Überdeutlichkeit verstärkt. 'Der Film muß noch eindrücklicher als das Stück zeigen, wie die Wirklichkeit die Unbelehrbare bestraft", heißt es in den 'Nachträgen zum Drehbuch". Beim Handel um das Leben des Schweizerkas klaubt die Courage mit gierigen Fingern aus dem Geldbeutel mit der Bestechungssumme hundert Gulden wieder heraus: 'Sag dem Profos, mehr hatt ich nicht." Ebenso überdeutlich ist die Reaktion ihrer Umgebung: 'Alle blicken fassungslos und mit stummem Vorwurf auf die Courage." An einer anderen Stelle stürzt sie sich mit einem Messer auf hungrige Kinder, die in ihrem Wagen nach Brot suchen: 'Nix geb ich! Nix! Nix! Nix!« . Am Schluß, als die Courage unbeirrt wieder zu ihrem Handel aufbricht, schütteln die Bauern fassungslos den Kopf: 'Die lernt nix.« Die Tendenz soll sich durch Vergröberungen verstärken. Auch die abstoßenden Züge der Yvette, die jetzt durch eine Scheinheirat mit einem Grafen ins Unglück gestürzt wird und in Trunksucht verkommt, sind kräftig nachgezeichnet.
      Dagegen hebt sich eine Figur strahlend ab, die für den Film hinzuerfunden ist: ein junger Müller, der alle Züge eines 'positiven Helden" im Sinne des sozialistischen Realismus zeigt. Die stumme Kattrin erhält in ihm einen Liebhaber. Er hat eine von ihrem adligen Eigentümer im Stich gelassene, halb zerstörte Windmühle wieder instand gesetzt und betreibt sie im Dienst der Bauern. Kattrin packt beim Schleppen der schweren Balken für das Mahlwerk mit an. Sozialistisches Aufbaupathos klingt an: 'Alsdann - Packen wirs wieder - Hö-ruck!" In der nächtlichen Mühle macht der Müller dann Kattrin zu seiner Geliebten.
      Der Müller von Ingolfing vertritt jetzt die revolutionären Tendenzen der Fabel. Er vermittelt sie an seine Geliebte. Die Handlung wird politisch akutalisiert, und zwar im Sinne der Friedenskampf-Parolen der frühen DDR. Eindringlich belehrt der Müller die gläubig lauschende Stumme über den verlorenen Bauern-Krieg und folgert: 'Bevor wir nicht aufs Mühldach steigen und alle zusammenrufen, gibts keinen Frieden in Deutschland." Damit hat er ihr die Idee für ihre spätere Rettungstat in der Trommelszene eingegeben. Es fehlen auch nicht die Schlagworte für die nationale Einheit und Souveränität aller Deutschen. 'Aus einer Erzählungdes Müllers von Ingolfing erfahren wir, woher die Ohnmacht der Deutschen kommt: von ihrer Uneinigkeit.«

   Brecht wollte hier, deutlicher als im Stück, eine 'Parallele zur Jetztzeit" ziehen. Die DDR hoffte damals noch, mit einer breiten Volksbewegung für die nationale Wiedervereinigung die Westintegration der Bundesrepublik zu hintertreiben. Schlagbäume über den Landstraßen sollen als Hinweise auf die Teilung Deutschlands in Besatzungszonen verstanden werden, das immer wiederkehrende Motiv der Rekrutenwerbung als Warnung vor der Remilitarisierung. In dieser allzu unmittelbaren politischen Aktualisierung könnte paradoxerweise ein Grund dafür liegen, daß die DEFA den Film nicht zu Ende gedreht hat. Nach dem Umschwenken der DDR auf das Prinzip der Eigenstaatlichkeit waren die Einheitsparolen überholt.
      Der Film sollte in einem Fanal ausklingen: Die Bauern von Friedberg, durch das Trommelsignal der Kattrin mobilisiert, erheben sich gegen ihre Belagerer und schlagen sie in die Flucht. Ein Schmied in nächtlicher Werkstatt gibt mit kraftvollen Hammerschlägen auf einen Eisenstab das Signal, die Glocken läuten Sturm, 'in breiter Front kommen die siegreichen Bauern auf die Kamera zu. Von der Kamera her laufen ihnen ihre Frauen entgegen. Sie reihen sich, stolz auf die Tapferkeit ihrer Männer, glücklich lachend in die Front ein. Die Bauern nehmen ihre Frauen und Kinder in die Arme, und der ganze Zug strömt der Kamera entgegen. - Die Musik steigert sich zu einem triumphalen Höhepunkt." Wie es scheint, hat Brecht sich am Ende doch noch vom 'sozialistischen Realismus" vereinnahmen lassen.
     

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