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Wozu brauchen wir Ehrenburgs Autobiographie?



Trotz zahlreicher Proteste ist jetzt in der Bundesrepublik die deutsche Ausgabe der Autobiographie Ilja Ehrenburgs, >Men-schen, Jahre, LebenWestdeutsche Allgemeine Zeitung < 1961 zu berichten wußte -»alle in Frage kommenden Institute, Historiker und Militärs« befragt und mitgeteilt, »ein wissenschaftlicher Nachweis für die Identität des Flugblattes« habe sich nicht ergeben. Dennoch konnte sich der Kindler Verlag nicht entschließen, die Ehrenburg-Memoiren den deutschen Lesern zugänglich zu machen. Erst als der Goldmann Verlag mit einer Taschenbuchausgabe eines Teils der jetzt vorliegenden Edition zuvorzukommen drohte, entschied sich Kindler, das Buch in kürzester Frist doch herauszugeben - allerdings erheblich später als die Franzosen und Engländer.

      Wie aber, wenn Ehrenburg tatsächlich jenes Flugblatt verfaßt hätte? Das eben ist der Fluch der bösen Tat, daß sie, fortzeugend, immer Böses muß gebären. Ungeheuerliche Geschehnisse haben im Laufe der Jahrtausende oft genug verursacht, daß Schriftsteller glaubten, die Gesetze der Menschlichkeit seien außer Kraft gesetzt. Einst rief ein Dichter:
Alle Triften, alle Stätten Färbt mit ihren Knochen weiß; Welchen Rab' und Fuchs verschmähten, Gebet ihn den Fischen preis; Dämmt den Rhein mit ihren Leichen; Laßt, gestäuft von ihrem Bein, Schäumend um die Pfalz ihn weichen, Und ihn dann die Grenze sein! Eine Lustjagd, wie wenn Schützen Auf die Spur dem Wolfe sitzen! Schlagt ihn tot! Das Weltgericht Fragt euch nach den Gründen nicht!
Der diese schauerlichen Verse schrieb, war weder Russe noch Jude noch Bolschewik. Es war ein preußischer Junker - und einer der größten Dichter der Deutschen. Er hieß Heinrich von Kleist. Hatte nicht der Jude und Russe Ilja Ehrenburg, dessen Angehörige übrigens von Deutschen ermordet wurden, Gründe zu einem ähnlich unmenschlichen Haßausbruch?
Nichts scheint mir indes heuchlerischer zu sein als jene Haltung, die zwar Verständnis für die damaligen Mordaufrufe Ehrenburgs vorschützt, ihm jedoch die angebliche Aufforde-rung zur Vergewaltigung deutscher Frauen vorwirft. Ich halte den Mord für ein ungleich schrecklicheres Verbrechen als die Vergewaltigung. Wer mich etwa des Zynismus beschuldigen möchte, sei belehrt, daß meine Ansicht von dem in der Bundesrepublik verbindlichen Strafgesetzbuch bestätigt wird. Wer aber meinen sollte, daß jede an einer wehrlosen Frau begangene Untat besonders grausam sei, der muß daran erinnert werden, daß jene Deutschen, die die Ermordung von Millionen von Juden geplant, angeordnet, organisiert und durchgeführt haben, keine Rücksicht auf das Geschlecht ihrer Opfer nahmen. Muß man selbst gesehen haben, wie Deutsche jüdischen Müttern -bitte lesen Sie weiter! - ihre kleinen Kinder entrissen und deren Schädel an Häusermauern zerschmetterten, um die Schamlosigkeit der Entrüstung zu ermessen, mit der heute in deutschen Blättern über die damaligen - tatsächlichen oder angeblichen -Aufrufe Ehrenburgs geschrieben wird?
Und noch eins: Ilja Ehrenburgs Autobiographie ist - das hat bisher noch niemand bestritten - ein wichtiges, aufschlußreiches Kulturdokument. Wer also würde eigentlich benachteiligt sein, wenn es den Scharfmachern gelungen wäre, die deutsche Ausgabe dieses Buches zu vereiteln? Ausschließlich die deutschen Leser in der Bundesrepublik.
     

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