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Wolf Biermann und die SED



Wessen Macht ist eigentlich größer: die des ersten Arbeiterund Bauernstaats auf deutschem Boden, der vom antifaschistischen Schutzwall umgebenen Bastion des Friedens, der Deutschen Demokratischen Republik also - oder etwa die des Bänkelsängers Wolf Biermann? Eine absurde Frage. Nein, nicht die Frage ist absurd, vielmehr scheint es mir die Situation zu sein, auf die sie hinzielt.

      Seit dem 1. Dezember 1965 ist gegen den neunundzwanzig-jährigen, in Ostberlin lebenden Wolf Biermann in der Presse der DDR eine Kampagne im Gange, die alle Aktionen, die dort in den letzten Jahren gegen Schriftsteller unternommen wurden, sowohl an Schärfe als auch an Intensität übertrifft. Für das Organ des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, das >Neue Deutschland ForumBZ am Abend< -nehmen an der Kampagne teil.
      Die gegen Biermann erhobenen Vorwürfe sind eindeutig. Er sei »Anhänger der Spontaneität«, des »Skeptizismus« und einer »anarchistischen Philosophie«, er sei »politisch pervers« und pervers ebenfalls »im Sexuellen«, »er zerhackt die Verbindungen mit dem Volk, die Verbindungen mit der Partei«, er versuche »die Wehrbereitschaft unserer Jugend zu verunglimpfen« und »das patriotische Bewußtsein ... zu untergraben«, er wolle »den Sozialismus ohne politische Führung aufbauen«, er lasse »gehässige Strophen gegen unseren antifaschistischen Schutzwall und unsere Grenzsoldaten erklingen«, ihm fehle »das Ja zum sozialistischen deutschen Staat«, und er falle »den westdeutschen humanistischen Kräften in den Rücken«.
      Indes ist der Mann, der so heftig und beharrlich attackiert wird, als Autor in der DDR kaum existent. In keinem einzigen Nachschlagewerk kann man seinen Namen finden. Es gab und gibt dort keine Ausgabe - nicht einmal eine bescheidene Aus-wähl - seiner Gedichte und Lieder. Auch in Zeitungen und Zeitschriften ist drüben nur sehr wenig von Biermann gedruckt worden. Sein Theaterstück >Berliner Brautgang < wurde nach der Generalprobe verboten. Schallplatten mit Biermann-Songs waren zwar vorbereitet, durften jedoch nicht hergestellt werden. Seine öffentlichen Auftritte hat die SED von Anfang an - vor drei Jahren hörte man seinen Namen zum ersten Mal - gedrosselt und häufig untersagt. Sie werden seit einigen Monaten konsequent verhindert.
      Unter diesen Umständen ist ein Teil des Publikums in der DDR auf den Dichter Wolf Biermann erst durch die gegenwärtigen Attacken und durch die in ihnen enthaltenen Zitate aufmerksam gemacht worden. Mit derartigen Folgen mußte man im Zentralkomitee natürlich rechnen. Warum hielt man es dort nicht mehr für möglich, sich mit den Strafmaßnahmen, die traditionsgemäß in solchen Fällen getroffen werden, zu begnügen, also mit PubHkations-, Auftritts- und Ausreiseverboten sowie mit dem Totschweigen in der Presse? Warum hat man sich zu einer eben vom Standpunkt der SED höchst riskanten Propagandaaktion entschlossen, wenn nicht gar hinreißen lassen?
Die unlängst unter dem Titel >Die Drahtharfe < erfolgte Veröffentlichung von dreiunddreißig Biermann-Gedichten im Westberliner Verlag Klaus Wagenbach und die teils freundliche, teils enthusiastische Reaktion einiger Rezensenten in der Bundesrepublik haben diese ganze Aktion lediglich ausgelöst. Ihre wirklichen Ursachen sind viel tiefer. Und so widerspruchsvoll, chaotisch und hysterisch die Artikel auch sind, die jetzt drüben gegen Biermann gedruckt werden, sowenig es beim besten Willen möglich ist, gegen die Darlegungen des Feuilletonchefs des >Neuen Deutschland Berliner Ensemble An die alten Genossen < verkündete er mit einer in der DDR verblüffenden Offenheit: »Bin unzufrieden mit der neuen Ordnung« und »Die Gegenwart... schreit nach Veränderung«. Er dichtete von den Kämpfen der Klassen, den »neueren, die / Wenn schon ein Feld von Leichen nicht / So doch ein wüstes Feld der Leiden schaffen«. Im selben Jahr schrieb er in der > Rücksichtslosen Schimpferei Ballade von dem Drainage-Leger Fredi Rohmeisl aus BuckowTischrede des Dichters < von 1963. Auch in einen Schmollwinkel ließ sich Biermann nicht drängen, von »innerer Emigration«, welcher Art auch immer, will er nichts wissen. Die größte Enttäuschung hat er jedoch den »Verantwortlichen, die nichts so fürchten wie Verantwortung«, bereitet, indem er sich allen Schikanen zum Trotz mitnichten in einen Antikom-munisten verwandeln wollte. Der Fall wäre dann für die Partei einfach. Denn schließlich bedrohen einen Glauben nicht die Heiden oder die Andersgläubigen und nicht einmal die Abtrünnigen : Wirklich gefährlich sind immer die Zweifler in den eigenen Reihen.
      Zum Zweifel, zur Logik und zur Vernunft bekennt sich Biermann im >Selbstportrait an einem Regensonntag in der Stadt Berlin< , in dem er mit berechtigtem Stolz versichert: »Käuflich bin ich für die Währung barer Wahrheit / In den Bunkern meiner Skepsis sitz ich sicher / Vor dem Strahlenglanz der großen Finsterlinge.« Sitzt er wirklich sicher? Wir wagen es nicht, diese Frage zu beantworten. Tatsache aber ist es, daß sich vor allem die SED in einer peinlichen Situation befindet. Dank der intensiven Hetzkampagne wächst Biermanns Ruhm wörtlich von Tag zu Tag - und dies in beiden Teilen Deutschlands. >Die Drahtharfe < hat in kurzer Zeit die dritte Auflage erreicht, in Ostberlin wird das Buch illegal für dreißig bis vierzig Mark gehandelt . Maschinenabschriften einzelner Gedichte gehen drüben von Hand zu Hand. In literarischen Kreisen der DDR ist man natürlich entsetzt. Jeder fragt sich, wohin das führen soll. Kein einziger Schriftsteller der DDR hat sich übrigens bisher gegen Biermann geäußert, jeder weiß: Tua res agitur.
      Bei den westdeutschen Intellektuellen wiederum, jenen zumal, an denen den Funktionären gelegen ist, hat sich die SEDdurch diese Aktion viel der noch vorhandenen Verständnisbereitschaft für die DDR verscherzt. Ich glaube, daß Heinrich Bölls Empörung die Stimmung der meisten Schriftsteller in der Bundesrepublik wiedergibt. Auch Peter Weiss, der bekanntlich versucht hat, der DDR mit maximalem Wohlwollen zu begegnen, protestiert energisch - wie nicht anders zu erwarten war - gegen die Unterdrückung der Literatur zwischen der Elbe und der Oder. Und die professionellen Scharfmacher in der Bundesrepublik, die leidenschaftlichen Ritter des kalten Krieges? Sie sind in bester Laune, sie sehen sich durch das Vorgehen der SED wieder einmal in ihren Anschauungen bestätigt.
      Was immer die Partei jetzt in dieser Angelegenheit tun wird - ob sie etwas gegen Biermann unternimmt oder für ihn, ob sie die ganze Diffamierungsaktion plötzlich abbrechen läßt -, es wird mit einem Prestigeverlust verbunden sein. Die vernünftigeren Funktionäre im Zentralkomitee, die von vornherein gegen die Biermann-Kampagne waren, sagen mit Recht: Wozu haben wir das nötig gehabt? Und klagen auch: Von Taktik verstehen manche Genossen nichts mehr.
      Nun frage ich: Wer ist im Augenblick in einer Zwangslage, wessen Macht ist jetzt größer - die der SED oder die des Dichters, den man nur für die »Währung barer Wahrheit« kaufen kann? Auf jeden Fall haben wir allen Anlaß, vor dem respektlosen Bänkelsänger Wolf Biermann aus Ostberlin den Hut zu lüften - nicht ohne Respekt.
     

 Tags:
Wolf  Biermann  SED    





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