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Wer schreibt provoziert

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Wilhelm Emrichs Tohuwabohu



Der Germanist Wilhelm Emrich wurde vor einiger Zeit gebeten, eine Rundfunksendung über Büchner und seine Nachwirkungen in der modernen Literatur zu schreiben. Der Auftrag hatte Folgen, die der Auftraggeber nicht geahnt haben kann. Denn nach erneuter Beschäftigung mit Büchner und vielen Dramatikern unseres Jahrhunderts erlitt Emrich einen Schock. Er bekennt in der > Welt der Literatur < vom 19. März 1964: »Manchmal sprengt eine Lektüre alle Vorstellungen, die man sich über die Literatur und ihre Geschichte zu machen pflegt. Man erhält plötzlich das erschreckende Bewußtsein, daß alles, was über Literatur geredet und geschrieben wird, falsch ist . . .« Und: »Nahezu groteskerweise stürzten durch dieses kaleidoskopartige Lesen . . . alle gemeinhin geltenden literaturwissenschaftlichen Begriffsschemata wie ein Kartenhaus in sich zusammen.« Dieser Schock hat jedoch Emrich nicht gehindert, letztens einige größere Aufsätze zu veröffentlichen, die ich dringend empfehlen möchte: Ihr Studium ist zwar etwas mühselig, aber der aufmerksame Leser wird sich gründlich belehrt sehen. Allerdings nicht über die Gegenstände, mit denen sich der Autor befaßt.

      In seinem Essay über >Kritisches und mythisch dirigiertes Bewußtsein Neue Deutsche Hefte < zu finden ist, meint Emrich, unser Zeitalter werde durch den Versuch bestimmt, dem »Prinzip einer grenzenlos und autonom fortschreitenden Forschung und Naturbeherrschung Grenzen entgegenzusetzen durch andere Prinzipien, die aus dem ethischen, religiösen und ästhetischen Bereich stammen«. Hierzu schreibt nun Emrich: »Das Bewußtsein pendelt gleichsam ausweglos und notwendigerweise immer ergebnislos zwischen einem grenzenlosen, alles bestimmenden Prinzip und grenzensetzenden ethischen, religiösen und ästhetischen Prinzipien, die jedoch im Bereich des alles beherrschenden Prinzips keine Grenzen setzen können, da solche Grenzendem Wesen dieses Prinzips selbst widersprechen, daher auch von ihm weder geleistet noch gefordert werden können.«
Daß ein Bewußtsein pendeln kann, überrascht mich ein wenig, daß es aber »ausweglos« pendelt, ist in bester Ordnung, da Pendelbewegungen schwerlich Auswege haben können. Und wenn schon etwas ausweglos pendeln muß, dann »notwendigerweise immer ergebnislos«. Durchaus logisch. Daß »grenzensetzende« Prinzipien einem »grenzenlosen« Prinzip keine Grenzen setzen können, ist ebenfalls überzeugend, »da solche Grenzen dem Wesen dieses Prinzips selbst widersprechen«. Emrich stellt also fest, daß etwas Grenzenloses keine Grenzen hat. Und daher können sie »von ihm weder geleistet noch gefordert werden«. Daran ist vor allem neu, daß man Grenzen »leisten« kann. Freilich läßt sich auf diese Weise endlos philosophieren. Man könnte etwa sagen, daß es unmöglich sei, das Maßlose zu messen, weil das Maß dem Wesen des Maßlosen selbst widerspricht und daher von dem Maßlosen nicht gefordert werden könne. Also ließe sich meditieren. Aber wozu sollte man es?
Indes hat es Emrich auf die moderne Kunst abgesehen, für die ein Moment charakteristisch sei, »das zumeist übersehen oder nicht ausreichend durchreflektiert« werde. Die sittlichen, religiösen und ästhetischen Normen seien »zerfallen zu bloß individuellen und darum auch nichtigen, leeren, belanglosen Meinungen, Ansichten, Ideologien, Thesen, kurz zu einem Tohuwabohu versprengter, atomisierter Einzelperspektiven«. - Man beachte das »darum«: Individuelle Meinungen sind offenbar ein für allemal nichtig, leer und belanglos. Weiter: »In der bildenden Kunst, Musik und Dichtung wird jeder beliebige zufällige Schnörkel bis zum blinden Pinselwurf auf die Leinwand oder Schlag aufs Klavier als individuelle, originäre Kunstleistung gefeiert, ohne nach irgendeiner Verbindlichkeit oder auch nur nach einer individuellen Gesetzmäßigkeit zu fragen.« Das Allgemeine, das erst jede individuelle geistige Schöpfung »zum Ausdruck einer Wahrheit des Geistes« mache, verschwinde in fortschreitendem Maße: »An seine Stelle tritt die Monotonie des Immergleichen.« Die Kunstwerke - hören wir -gleichen einander wie ein Ei dem anderen.
      Welche Kunstwerke meint eigentlich Emrich? Hierüber kann man einiges seinem Artikel in der >Welt der Literatur < vom 19. März 1964 entnehmen. Die Werke Hauptmanns, Wedekinds, Schnitzlers, Sternheims, Georg Kaisers, Tollers, Barlachs, Else Lasker-Schülers, Georg Heyms, Brechts, Kafkas, Döblins, Ã-dön von Horvaths, Ionescos und Samuel Becketts seien »scheinbar völlig verschiedenartige Texte«. Nur scheinbar? Obwohl Hauptmann, Wedekind und Schnitzler am stärksten der Tradition verhaftet seien, »so schoß doch aus ihren Werken wie eine alles zerschmelzende Stichflamme aus dem Inneren ihrer Personen wie auch ihrer Umwelt und >NaturDie Weber< oder >Die kahle Sängerin Liebelei Mutter Courage < oder > Warten auf GodotWelt der Literatur< vom 16. April 1964 -, auf welche Weise dieses »monotone >KarussellMontagenSimultan (-Techniken und uferlosen >inneren Monologen< . . .« Als Beispiel eines derartigen Werks, in dem alles mit allem »gemanscht« ist und das ein solcher feiger Drückeberger geschrieben hat, wird der Joycesche >Ulys-ses < genannt. Kein Kommentar.
      Emrich versichert jedoch, er schmähe nicht, er habe »nur das Bedürfnis, die Dinge richtigzustellen«. Er möchte mit dieser »liederlich sich selbst und ihre >Angst < genießenden Literatur«

Schluß machen. Die modernen Schriftsteller, diese altklugen und feigen Kerle, die keinen Mumm in den Knochen haben, sollen auf Vordermann gebracht werden. Nicht nach dem Joyce sollen sie schielen, sondern sich die Klassiker zum Vorbild nehmen: Goethe, Schiller, Kleist. Es müssen ja nicht unbedingt deutsche Meister sein, auch von fremdstämmigen könne man viel lernen, von Shakespeare etwa und von Racine. Bei ihnen sei Dichtung und Liebe noch identisch gewesen, und die durch Liebe gewonnene Erkenntnis richte die Welt.
      Nach dem Mut zu erkennender Liebe »fahndete« Emrich bei den modernen Autoren vergeblich. Henry Millers Helden hätten ihre Pubertät nicht geschafft - das sei, werden wir belehrt, »das Stigma der meisten modernen Männer« - und müßten obszöne Ausdrücke »aus sich herauskotzen«, um sich als Männer zu fühlen. In diesen Büchern triumphiere »der Ungeist, der ohnehin herrscht«. »Permanent jammernd« bade Miller »in seinen paradiesischen Pfützen«. Auch vor Nabokov wird gewarnt, denn seine >Lolita < sei ein »Meisterstück Satans« und »mit einem subtilen Bewußtsein geschrieben, das man nicht anders denn als >Widergeist< bezeichnen kann, wenn es sich anschickt, Bewußtsein zum Teufel zu jagen und alle poetischen Leistungen großer Dichter, die Liebe und Partnerschaft zu gestalten wußten, zu Produkten ahnungsloser Schwachköpfe zu erklären«. Nicht einmal den Schimmer eines Beweises hat Emrich für diese Behauptung zu bieten.
      Und gibt es in unserer Gegenwartsliteratur kein einziges positives Beispiel? Wenn deutsche Männer versagen, dann muß man sich an deutsche Frauen halten. Zwei werden genannt: Ruth Rehmann und Johanna Moosdorf. Ihnen seien - im Unterschied zu Miller und Nabokov - »Differenzierungen« gelungen, »Grade der Bewußtseinsbildung in ihren Personen und Handlungsgestaltungen«. Leider bleiben sie jedoch auf halbem Weg stehen. Denn sie glauben nicht an die klassische erkennende Liebe. Meinen unsere Schriftsteller - fragt Emrich -, daß die Klassiker »samt und sonders illusionäre Idioten waren oder daß ihre >Zeit< weniger barbarisch und hart war als unsere«? Ja, das ist schon aufrichtig: Wilhelm Emrich kann es wirklich nicht begreifen, warum sich die deutschen Schriftsteller heutzutage nicht >Kabale und Liebe < oder >Egmont< zum Vorbild nehmen wollen. Und wir werden es ihm nicht erklären. Denn wir wollen die Geduld unserer Leser nicht übermäßig in Anspruch nehmen.

Ãobrigens: Professor Dr. Wilhelm Emrich ist Ordinarius für deutsche Literatur und Direktor des Germanistischen Instituts der Freien Universität Berlin.
     

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