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Vergleiche sind nicht mehr möglich



Immerhin gibt es in der DDR ein paar jüngere Lyriker, deren Gedichte nicht nur deswegen lesenswert sind, weil sie drüben ungern und selten gedruckt werden. Und immerhin leben in der DDR mehrere Dichter der älteren und mittleren Generation, die sich zwar nicht der Gunst des Regimes erfreuen, deren Verse jedoch weder des augenzwinkernden Hinweises auf den Ort ihrer Entstehung noch der gütigen Nachsicht bedürfen, um von der westlichen literarischen Ã-ffentlichkeit als künstlerische Leistungen anerkannt zu werden. Hingegen bleibt die Suche nach neuen Prosawerken der DDR-Literatur, denen man eine ähnliche Qualität nachsagen könnte, immer wieder vergeblich. Die Romane, denen die Presse in beiden Teilen Deutschlands besondere Aufmerksamkeit gewidmet hat, >Der geteilte Him-mel< der Christa Wolf und Erwin Strittmatters >01e BienkoppBonifaz oder Der Matrose in der Flasche Der Schuß auf die Kanzel Wundertäter < allzusehr beeindrucken lassen. Das Buch beginnt mit leidlich amüsanten Episoden und enthält Abschnitte, die von Bielers Phantasie und Humor zeugen. Aber letztlich erweist sich dieser moderne Schelmenroman als so armselig, primitiv und schwerfällig, daß sogar die DDR-Presse, obwohl er die westdeutschen Verhältnisse nach 1945 sehr scharf kritisiert, ihre Enttäuschung nicht verbergen wollte. - Offenbar sind die zwischen der Elbe und der Oder wohnhaften Schriftsteller in der dortigen Verlagsproduktion des Jahres 1963 mit keinem einzigen Roman oder Erzählungsband vertreten, der literarisch einigermaßen bemerkenswert wäre. Das vergangene Jahr hat abermals gezeigt, daß zur Zeit die DDR-Lyrik doch mehr taugt als die DDR-Prosa. Natürlich ist dies kein Zufall.

      Denn dort, wo die Kunst vom Staat überwacht und verwaltet wird, sind die Chancen, wenigstens ein Schattendasein zu führen, für die Lyrik in der Regel größer als für die erzählende Prosa oder gar für die Dramatik. Die Szene kann zum Tribunal werden. Ein Roman oder Novellenband kann auf Hunderttausende, ein Fernsehfilm auf Millionen Einfluß ausüben. Ein verschlüsseltes lyrisches Gedicht wirkt indes nur auf eine intellektuelle Minderheit. Daher gewähren die Machthaber, wenn sie sich zu Konzessionen gezwungen sehen, eine gewisse Narrenfreiheit noch am ehesten den Lyrikern - vorausgesetzt freilich, daß sie nicht zu weit gehen und, sobald sie sich heiklen Themen nähern, auf Klarheit und Direktheit verzichten; sie sollen sich vielmehr auf Anspielungen und vieldeutige Formulierungen beschränken, die erlaubt und bisweilen sogar erwünscht sind. Das Risiko, das sich für die Partei aus solchen Zugeständnissen ergibt, bleibt schon deswegen gering, weil die Verse, die nicht linientreu sind oder nicht linientreu anmuten, entweder in Publikationsorganen mit niedriger Auflage erscheinen oder nur auf Veranstaltungen vorgetragen werden, die sich leicht kontrollieren lassen. Groß hingegen ist der Gewinn, den die Kulturpolitiker gleichzeitig erzielen: Ob sie sich nur den Anschein der Hochherzigkeit geben oder tatsächlich einen liberaleren Kurs anstreben - auf jeden Fall erreichen sie es, daß die Wogen der Unzufriedenheit in manchen intellektuellen Kreisen, zumal unter Jugendlichen, auf verhältnismäßig harmlose und billige Weise geglättet und, vor allem, kanalisiert werden. Um die Widerspenstigen besser überwachen zu können, lohnt es sich, ihnen ein wenig Freiheit zu gönnen.
      Aber darüber hinaus spielt eine wichtige Rolle der ebenso simple wie unzweifelhafte Umstand, daß auch ein Autor, der kein Dilettant ist, an einem Gedicht arbeiten kann, ohne sich von der Frage ablenken zu lassen, wann und wo sich eine Gelegenheit zu seiner Veröffentlichung bieten wird. Ein derartiges Verhältnis zu einem Romanprojekt ist jedoch, wenn wir von Ausnahmen und Dilettanten absehen, kaum denkbar. Während also Gedichte in der DDR mitunter für die Schublade geschrieben und erst später dort oder hier gedruckt werden, entstehen Romane drüben in vollem Bewußtsein der Beschränkungen, die die Kulturpolitik der Literatur auferlegt. Daher haftet diesen Werken von vornherein das Stigma der Zensur an. Denn sie wird in erster Linie nicht etwa vom Lektor oder Redakteur ausgeübt und nicht vom Beamten, der das Papier zuteilt, oder von einem anderen Beauftragten des Regimes, sondern vom Autor selber. Die offiziellen Kontrollinstanzen können Ã"nderungen, Kürzungen und Ergänzungen des Manuskripts durchsetzen. Die innere Zensur, also die durch die Richtlinien der Kulturpolitik bewirkte Selbstkontrolle des Schriftstellers, lähmt seine Hand, bevor er den ersten Satz geschrieben hat. Die amtliche Zensur kann verhüten, daß ein literarisches Kunstwerk veröffentlicht wird; die innere Zensur erstickt es jedoch im Keim. Die eine zerstört Bücher, die andere ist noch gefährlicher: Sie richtet Talente zugrunde.
      Die Folgen dieses Zustands und dieser Atmosphäre lassen sich im Werk der älteren Prosaschriftsteller der DDR unschwer erkennen: Man braucht nur ihre Arbeiten aus dem vergangenen Jahrzehnt mit ihren früheren Büchern zu vergleichen. Wie aber, wenn es sich um Autoren handelt, die in der DDR erzogen wurden und - wie etwa Manfred Bieler - ihre literarische Laufbahn erst in den letzten Jahren begonnen haben? Die alten und gefeierten Romanciers der dortigen Welt, von Arnold Zweig bis Willi Bredel, geben den Kontrollinstanzen immer wieder nach und sind bereit, ihre Manuskripte entsprechend zu überarbeiten. Kann man dann vermuten, die Jungen seien imstande, den Einfluß erfahrener Lektoren und intelligenter Funktionäre-denn es gibt auch solche - abzuwehren? Und wollen sie ihn überhaupt abwehren? Wo enden ihre Irrtümer und Selbsttäuschungen, und wo beginnen die resignierten Zugeständnisse und die zynischen Kompromisse, zu denen sich diese Autoren veranlaßt sehen, um die Publikation ihrer Bücher zu ermöglichen? Wofür darf man also in den Versuchen der Anfänger, zu denen auch der Verfasser des Romans >Bonifaz < gehört, die

Kulturpolitik der SED verantwortlich machen, und was läßt lediglich auf die Grenzen der künstlerischen Fähigkeiten dieser Autoren schließen?
Bieler ist vor allem Satiriker. Nun mag es schwer sein, in der DDR zu leben und keine Satiren zu schreiben. Aber es ist ganz gewiß noch schwerer, sie zu veröffentlichen. Was die Satiriker jenseits der Elbe in ihrer Umwelt sehen, dürfen sie in der Regel nicht behandeln. Und was sie behandeln sollen, dürfen sie nicht sehen. Denn die Gegenstände der Betrachtung, die für eine schärfere satirische Kritik freigegeben sind und ihr empfohlen werden, befinden sich nicht etwa in der heimatlichen DDR, sondern meist in der westlichen Welt, zumal in der Bundesrepublik. Dem >Bonifaz< könnte man entnehmen, Bieler habe von den Verhältnissen in der Bundesrepublik entwaffnend naive, ja kindische Vorstellungen. Die Niederschrift seines Romans war jedoch, wie der Klappentext der westdeutschen Ausgabe betont, bereits vor zwei Jahren beendet. Was ist in der Zwischenzeit mit dem nicht umfangreichen Manuskript geschehen?
So häufen sich Fragen, die man weder beantworten kann noch ignorieren darf, wenn man der Literatur der DDR einigermaßen gerecht werden will. Denn dies jedenfalls scheint mir sicher zu sein: Zu groß ist der Unterschied zwischen den Arbeitsbedingungen der deutschen Schriftsteller östlich und westlich der Elbe, als daß die Ergebnisse ihrer Bemühungen miteinander verglichen werden könnten.
     

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