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Wer schreibt provoziert

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Stallburschen



»Daß Berlin heute überall in Deutschland liegt, spüren das unsere Schriftsteller nicht? Daß ein Toter im Teltowkanal, am Main oder am Tegernsee nicht wieder aufwacht - sie wissen es wohl nicht. Das Schlimme ist am Schlimmen, daß unsere Schriftsteller uns nichts mehr zu sagen haben werden, wenn sie jetzt schweigen. «Also las man in der >WeltDie Welt< vom 22. September 1961), daß ihn die Tonlage dieser Aufforderung


»auf eine peinliche Weise an jene erinnert, mit der man zur Zeit in Ostberlin und in der ganzen Zone die >Bummelanten< zu aktivieren unternimmt«. Nicht weniger entrüstet als der deutsche Nobelpreis-Kandidat Böll zeigte sich Rudolf Krämer-Badoni: »Wer meine Schriften kennt, kennt meine Einstellung. Sie ist an kein Datum gebunden.« Bravo!
Ein Schriftsteller äußert sich zu den Fragen seiner Zeit vor allem in Romanen, Erzählungen, Dramen oder Gedichten, in seinem Werk also. Just in diesen Wochen hat es an besonders eindringlichen literarischen Stellungnahmen zu den entscheidenden moralpolitischen Problemen der deutschen Gegenwart nicht gefehlt - wir meinen Uwe Johnsons Roman >Das dritte Buch über Achim < und das Drama >Die Zeit der Schuldlosen < von Siegfried Lenz. Ob und wann ein Schriftsteller es für geboten hält, sich über aktuelle politische Ereignisse in der Presse zu äußern, muß er mit seinem Gewissen ausmachen. Schnurre und Grass haben auf die Ereignisse vom 13. August sofort mit einem Offenen Brief an die DDR-Autoren reagiert. Wem wäre eigentlich damit gedient, wenn diesen Brief noch fünfzig weitere Schriftsteller der Bundesrepublik unterzeichnet hätten? In Bölls Stellungnahme heißt es: »Es gehört nicht der geringste Mut dazu, das Selbstverständliche zu sagen: daß ich gegen die Mauer bin, froh über jeden, dem die Flucht gelingt.«
Bemerkenswert scheinen uns auch einige Ausdrücke in Krä-mer-Badonis Antwort an >Die Welt< zu sein. Er nennt alle Schriftsteller von drüben »SED-Spruchbanddichter«, »Kol-chosenbilanzreimer« und »Chruschtschows Stallburschen«. Ist Johannes Bobrowski, dessen Gedichte soeben in der Deutschen Verlagsanstalt erschienen sind, ein »SED-Spruchbanddichter«, Peter Huchel ein »Kolchosenbilanzreimer«? War Brecht »Chruschtschows Stallbursche«? Und Ernst Bloch? Hat er erst in der vergangenen Woche aufgehört, ein »Stallbursche« zu sein ? Als viele deutsche Dichter Adolf Hitler zujubelten, hat Willi Bredel im Kampf mit dem »Dritten Reich« sein Leben zahllose Male aufs Spiel gesetzt. Sollte man nicht doch gewisse Hemmungen haben, ihn als »Stallburschen« zu beschimpfen? Als im Namen des deutschen Volkes Millionen gemordet wurden, hat Anna Seghers in Amerika - mitten im Krieg - ihr >Siebtes Kreuz < veröffentlicht, in dem sie um Verständnis für die Deutschen unter der Diktatur warb. Darf man sie heute als eine »Stallmagd« bezeichnen - auch wenn sie morgen, vielleicht, die Errichtung der Mauer befürworten sollte? Gewiß, die Haltung von heute kann nicht durch die Taten von gestern gerechtfertigt werden - aber darf man sie so ganz vergessen?
Ãobrigens haben wir in der Ostberliner Monatsschrift >Neue Deutsche Literatur < einen Aufsatz über die bundesrepublikanische Literatur gefunden, in dem Rudolf Krämer-Badoni als »Kalendersprüchemacher für den RIAS«, »Bürgerkriegstrompeter« und »kriegerischer Scharfmacher« bezeichnet wird. Wir wollen nicht verheimlichen, daß uns die auffallende Ã"hnlichkeit der Ausdrücke, mit denen sich deutsche Schriftsteller von hüben und drüben gegenseitig bedenken, sehr beunruhigt.
     

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