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Sexus und die Literatur



Hunderttausende von Bürgern der Bundesrepublik haben den Roman >Die Clique < von Mary McCarthy gekauft und gelesen. Es handle sich jedoch, hört man, um einen manipulierten Erfolg. Ich glaube nicht daran. Es ist richtig, daß für das Buch mit ungewöhnlicher Intensität geworben wurde. Gewiß hat man dadurch den Absatz erheblich gesteigert. Vielleicht wäre - hätte sich die Reklame in den üblichen Grenzen gehalten - nur die Hälfte oder sogar nur ein Drittel des bisherigen Verkaufs erzielt worden. Niemand kann das beweisen. Hingegen kann man beweisen, daß diese Hälfte oder dieses Drittel schon genügt hätte, um der >Clique< einen der ersten Plätze auf den diesjährigen westdeutschen Bestsellerlisten zu sichern. Wir haben es also, meineich, nicht mit einem vorfabrizierten oder manipulierten Erfolg zu tun, sondern lediglich mit einem durch die Werbung potenzierten oder multiplizierten Verkaufsergebnis.

      Kein Zweifel nämlich, daß dieser Erfolg ebenso gute wie einleuchtende Gründe hat. Ich halte >Die Clique < zwar nicht für ein bedeutendes Kunstwerk der Epik, wohl aber für ein beachtliches, trotz mancher Einwände gutes und auf jeden Fall sehr lesenswertes Buch. Und lesenswert ist es besonders dank der Kapitel und Szenen, die sexuelle Phänomene betreffen. Deshalb vor allem - ich bin davon überzeugt - greifen Hunderttausende zu dem Roman der Mary McCarthy.
      Es fällt auf, daß auch mehrere andere Bücher, die in den letzten Jahren in der Bundesrepublik ein außerordentlich starkes Echo gefunden haben und weiterhin finden, mehr oder weniger ausführliche Darstellungen von Vorgängen und Erscheinungen aus der Sexualsphäre enthalten. Das gilt, beispielsweise, für Nabokovs >LolitaLady Chatterley< und Taniza-kis >SchlüsselClique< der Mary McCarthy sehen - es wird gesteigert durch den Umstand, daß die deutsche Gegenwartsliteratur entweder den Phänomenen der Sexualsphäre überhaupt nicht gewachsen ist oder aber sie ignoriert und vernachlässigt oder, schließlich, sich bemüht, nur das Ekelhafte zu betonen. Und es versteht sich, daß es der bessere Teil des von der deutschen Gegenwartsliteratur enttäuschten Publikums ist, der sich für ein Buch wie >Die Clique < entscheidet. Der andere greift zu Romanen, die sich einer literarkritischen Beurteilung ganz und gar entziehen.
      Gewiß: die Behandlung dieser Thematik in der Literatur erfordert vom Schriftsteller nicht nur Geschmack und Takt, nicht nur Talent, sondern auch Mut. Der Künstler, der sich in seinem Werk des sexuellen Bereiches ernsthaft annimmt, wird es wohl kaum vermeiden können, früher oder später in die Nähe des Exhibitionismus zu geraten. Es geht also vor allem um jenen Mut, der nötig ist, um die eigenen Hemmungen zu überwinden. Nur wäre die Frage zu stellen, ob Literatur auf einer gewissen Ebene nicht immer in der Nähe des Exhibitionismus ist und sein muß. Man sollte, glaube ich, den deutschen Autoren zu diesem Mut Mut machen.
     

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