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Schwierigkeiten heute die Wahrheit zu schreiben



Der Sammelband mit dem Titel Schwierigkeiten heute die Wahrheit zu schreiben < war nicht überflüssig. Allerdings wird sich wohl enttäuscht sehen, wer die hier gebotenen Bekenntnisse und Reflexionen einer Anzahl namhafter deutscher Autoren als schriftstellerische Leistungen betrachten und werten möchte. In dieser Hinsicht ist die Ausbeute spärlich: Die Verfasser der meisten Beiträge scheinen etwas rasch gearbeitet zu haben. Aber sie waren nicht um essayistische Untersuchungen gebeten worden, sondern um Auskünfte. Und an diesen mangelt es nicht - nur daß sie oft im Text verborgen sind oder gar gegen den Willen des Autors herausgelesen werden müssen. So ergeben die verschiedenen Ã"ußerungen eine eigentümliche Dokumentation, der man allerlei über unsere Schriftsteller und unser literarisches Leben entnehmen kann.

      Die Frage, die der Herausgeber Heinz Friedrich gestellt hat, lautet: »Welchen Schwierigkeiten sehen Sie sich gegenüber bei dem Versuch, heute die Wahrheit zu schreiben?« Der Akzent liegt hier auf den Worten »Sie« und »heute«. Die Autoren sollten also über ihre eigenen und aktuellen Erfahrungen berichten. Ãoberdies hat der Herausgeber den Sinn seiner Frage eindeutig erläutert: »Wir leben in einer freien Welt. Aber ist diese Welt wirklich frei? Birgt sie Tabus, die heute ein Schriftsteller, will er Erfolg haben, beachten muß ? . . . Und hat er die Möglichkeit, die von ihm erkannte und bekannte Wahrheit ohne Schwierigkeit niederzuschreiben und zu veröffentlichen ?«
Die Antworten beweisen zunächst einmal, daß deutsche Schriftsteller große Schwierigkeiten haben, sich über ihre Schwierigkeiten mit der Wahrheit zu äußern.
      In einem Beitrag von Ernst Meister, beispielsweise, heißt es: »Der Sache der Wahrheit geziemt nun aber vorzüglich das Wahrsein, das ist die Wahrhaftigkeit als der Geschmack für Angemessenheit.« Oder: »Wenden wir uns endlich dem >Schrei-ben< zu, dem zusammennehmenden Bezug im Sinne eines Verhältnisses, das sich zu Verhältnissen verhält.« Nein, diese Sätze stammen nicht aus einer boshaften Parodie. So schreibt tat-sächlich ein deutscher Schriftsteller, von dem man erfahren will, ob er heutzutage in Deutschland ungehindert sagen kann, was er sagen möchte.
      Zugegeben, wir haben es hier mit einem extremen Fall zu tun. Aber er scheint mir trotzdem exemplarisch zu sein. Denn die meisten Vertreter der jüngeren und mittleren Generation, deren Beiträge in diesem Buch zu lesen sind, ziehen es vor, die konkrete Frage so abstrakt und allgemein wie möglich zu beantworten, über ewige Probleme zu meditieren und sich immer wieder mit Imponderabilien zu befassen. Es ist ein altes deutsches Leiden: Auf eine vornehmlich politische Frage wird mit philosophischen Erwägungen und pseudophilosophischen Bedenken reagiert. Von der Freiheit der Literatur sollte die Rede sein, indes hört man von den Grenzen der Mitteilbarkeit, von der Entstehung des Kunstwerks, von sprachlichen und handwerklichen Schwierigkeiten.
      Die Wahrheit entziehe sich ihm in dem Augenblick - bekennt Siegfried Lenz -, in dem er sie »bezeichnen oder an die Kette legen« möchte. Vielmehr gebe sie sich »unbeabsichtigt zu erkennen, unwillkürlich, unerwartet«. Die Sprache sei es, die die Wahrheit daran hindere, dauerhaft sichtbar zu werden. - Helmut Heißenbüttel glaubt einen Widerspruch zwischen der Grundstruktur der Sprache und jener Erfahrung zu sehen, die in ihr ausgedrückt werden soll. Daher strebt er eine »sprachliche Utopie« dessen an, was seiner Ansicht nach »faktisch bereits handgreiflicher ist, als es jede denkbare Utopie sich ausdenken könnte«. - Nur eine Wahrheit gebe es, meint Herbert Eisenreich: »Die allumfassende, die allgültige, die kosmische Wahrheit: das Grundgesetz allen Werdens, Seins und Vergehens . . .« Und: »Bei dem Versuch, heute die Wahrheit zu schreiben, begegnet der Schriftsteller nur einer einzigen Schwierigkeit, nämlich: dem eigenen Ich.« - Carl Amery schreibt sich und seinen Kollegen ins Stammbuch: »Auf gewisse Weise sind wir - nämlich durch Aussparen - Opfer unserer eigenen Konventionen geworden.« Diese Konventionen »wären zu ändern«. Wodurch ? »Durch eine gewisse meditative Aufmerksamkeit, die zu den fast verlorenen Techniken des Abendlandes gehört.« - Für Reinhard Lettau, den jüngsten Schriftsteller, der sich an dieser Umfrage beteiligt hat, ist Schreiben nicht möglich »als Nachzeichnen und Abbilden einer Wahrheit«. Was er beobachten und feststellen möchte, kann er »erst beim Schreiben beobachten und feststellen«; er verstehe es »als eine Art des Denkens mit anderen Mitteln«. - Walter Jens erklärt, es sei für einen deutschen Schriftsteller schwer, die Wahrheit zu schreiben, da unsere Gesellschaft nicht mehr sichtbar in Klassen zerteilt ist, die Alltäglichkeit der Demokratie sich der Darstellung widersetzt und die »positiven« Vokabeln verbraucht sind.
      Kein Zweifel, das alles sind - wie auch ein halbes Dutzend weiterer Beiträge - aufschlußreiche Darlegungen. Aber sie bieten über die Situation des Schriftstellers nur indirekte, sonderbar zurückhaltende oder fast getarnte Informationen. Offenbar wollen sich diese Autoren, die meist in den zwanziger Jahren geboren wurden, nicht der an sie gerichteten Frage stellen. Haben sie Gründe, ihr auszuweichen? Wenn von äußeren Hemmungen, von Tabus und Toleranzgrenzen überhaupt die Rede ist, dann werden sie schnell als nebensächlich abgetan. Können also diese Schriftsteller öffentlich sagen, was sie sagen wollen? Ist die als frei geltende westliche Welt tatsächlich frei? Diese Fragen werden von ihnen nicht verneint. Und auch nicht ausdrücklich bejaht. Warum?
In dem einleitenden Essay von Heinz Friedrich heißt es, Wahrheit sei »in jedem Fall ein Martyrium, das der auf sich nimmt, dem das Schreiben mehr wert ist als Brotverdienst«. Indes behauptet Friedrich, kaum zwei Seiten weiter, die moderne Gesellschaft verwöhne den Schriftsteller, der sich ihr kritisch nähert: »Je härter die Schläge, um so mehr Lust empfindet sie . . . Wer die Kirche angreift, kann sich von den Erträgnissen seiner Polemik bald ein Einfamilienhaus aufrichten . . .« Wie also? Werden die Schriftsteller, die die Wahrheit lieben, verfolgt oder verwöhnt? Märtyrer oder Schoßhunde? Weder für die Märtyrerthese finden wir einen Beweis noch für Friedrichs Ansicht, daß »vor allem die jüngeren Schriftsteller . . . unter dem Dilemma des von der Gesellschaft eingeplanten und freimütig gewährten Nonkonformismus« leiden.
      Nein, nicht dieses Leiden ist in den Beiträgen spürbar, wohl aber eine erstaunliche Gelassenheit, eine beunruhigende Di-stanziertheit, was um so mehr auffallen muß, als die älteren Autoren nicht zögern, die direkte Frage direkt zu beantworten, und den Begriff »Wahrheit« sogleich mit dem Begriff »Freiheit« verbinden. Heimito von Doderer fühlt sich »durchaus in einer freien Welt lebend«. Hermann Kesten kommt nach allerlei Bedenken zu dem Ergebnis, daß er »keine allzu großen Schwierigkeiten« habe, »in der Bundesrepublik zu sagen und zudrucken«, was er für richtig hält. Ludwig Marcuse und Hans Erich Nossack bezweifeln die Freiheit und sprechen von Tabus; Friedrich Sieburg erklärt: »Jawohl, wir leben in einer freien Welt . . .«, protestiert jedoch zornig gegen diese Welt, »die wahrlich dazu aufruft, geändert zu werden«.
      Jene politischen Motive, die fast alle jüngeren Schriftsteller ausgeklammert oder verdrängt oder nur beiläufig behandelt haben, vermißt man bei den Senioren nicht. Mit welchem Ergebnis? Kann man von ihnen erfahren, welche Tabus der Schriftsteller heute beachten muß und ob und wie er behindert wird? Bei Nossack findet sich ein Beispiel: »Auch in sogenannten freien Ländern gibt es Tabus . . . Wer das Wort > Heimat < zu untersuchen wagt, macht sich verhaßt. Die Leute stellen das Radio ab und schreiben empörte Briefe. Unter Umständen wird eine Gruppe oder Partei zum Staatsanwalt laufen ... Es kommt dann auf die Macht der Partei an, ob dem Schriftsteller der Mund verboten wird.«
Nossack wird nicht bestreiten wollen, daß jedermann das Recht haben muß, das Radio abzustellen, empörte Briefe zu schreiben und unter Umständen zum Staatsanwalt zu laufen. Damit wäre ein Tabu noch nicht bewiesen. Wichtig ist lediglich, ob der Schriftsteller die Möglichkeit hat, seine Ã"rgernis erregenden Arbeiten weiterhin zu publizieren, oder ob er unterdrückt wird. Manche Autoren, deren rebellische oder protestierende Stimme man immer noch im Ohr hat, schweigen seit einigen Jahren. Das ist sehr bedauerlich. Aber gibt es auch nur einen einzigen Schriftsteller, dem tatsächlich der Mund verboten wurde? Oder auch nur ein einziges deutschsprachiges Werk, das sich der Literatur zurechnen läßt und das dennoch seiner Motive oder Gedanken wegen nicht gedruckt werden konnte ?
Marcuse meint, es gebe zwar »keine verbotenen Themen, dafür aber verbotene Präsentationen«. Die Schwierigkeiten seien nicht »durch Zeigen auf eine Person oder ein Kollegium oder einen Partei-Monolith zu konkretisieren«. Denn: »In der pluralistischen Gesellschaft ist auch der Zensor in einem unabsehbaren Plural da.« Diese Behauptung, die sich vor allem gegen zensierende Redakteure und Verleger richtet, wird mit Beispielen nicht erhärtet. Ist es möglich, daß sich die praktischen Folgen des in einem »unabsehbaren Plural« vorhandenen Zensors überhaupt nicht greifen und nachweisen oder wenigstens andeuten lassen? Hochhuths Stellvertreter < sollte ursprünglich im Verlag Rütten und Loening erscheinen, der bekanntlich dem Bertelsmann-Konzern gehört. Als das Manuskript bereits gesetzt war, haben sich die Inhaber des Konzerns entschlossen, es doch nicht zu verlegen. Ihnen mißfiel gewiß nicht das Thema des Stücks, sondern eben die »Präsentation«. Man weiß, was geschehen ist: der Rowohlt Verlag griff gern und rasch zu. Die katholische Kirche hat getan, was in ihrer Macht war, um Aufführungen des Stellvertreter < zu verhindern. Ihre Bemühungen waren leider nicht vergeblich. Trotzdem wurde und wird das Stück in vielen deutschen Städten gespielt. Besteht der geringste Anlaß zu frohlocken? Nein, natürlich nicht. Aber wozu sollte man verheimlichen, daß die Literatur - ich spreche nicht von der Tagespresse und der politischen Publizistik, das ist eine andere Frage -, weder »verbotene Themen« noch »verbotene Präsentationen« kennt? Muß es ein Tabu sein, daß es für die Literatur Tabus glücklicherweise nicht mehr gibt?
Sollte also Sieburgs Feststellung zutreffen, »daß die deutsche Literatur der Gegenwart bei dem Versuch, >die Wahrheit zu schreiben

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Schwierigkeiten  heute  Wahrheit  schreiben    





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