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Schlechte Zeiten für Konfektionäre?



Reinhard Lettau schrieb in der >Zeit< vom 5. Juni 1964, von amerikanischen Kritikern höre man manchmal den Vorwurf, ». . . der deutsche Roman biete zu oft eine fertig ausgedachte Welt, seine Helden entbehrten des Inzidentellen, jener zufälligen, beobachteten, individuellen Merkmale, durch die sie erst glaubwürdig würden«. Hierzu meinte Lettau: »Es ist wahr, daß es bei uns kaum jemanden von Talent gibt, der sich damit zufriedengäbe, einfach eine Geschichte zu erzählen und sich darauf zu verlassen, daß das Inzidentelle, dem er sich anvertraute, für sich selbst spräche . . . Das Material muß bei uns verändert, verzerrt, gedehnt, verfremdet, verwischt, gesteigert werden, sprachliche und strukturelle Eingriffe schreiben die Interpretation vor, determinieren das Material, statt es zu befreien. «

Hat Lettau mit seinen Behauptungen wirklich recht? Oder wird hier vielleicht zeitgenössischen deutschen Schriftstellern kurzerhand zur Last gelegt, was doch für einen beträchtlichen Teil der modernen Literatur gilt?
Nachdem sich die Wege, die die Kunst im 19. Jahrhundert gegangen war, als nicht mehr begehbar erwiesen hatten, mußten natürlich neue Wege gesucht werden. Das Ziel der Kunst blieb unverändert. Doch konnten zu ihm, schien es, nur noch Umwege führen. Nur noch mit dem Indirekten ließ sich also die angestrebte Wirkung erreichen. Die Schriftsteller wandten sich dem Surrealen zu. Aber um der Realität willen. Sie verfremdeten das Leben. Um es zu vergegenwärtigen. Sie verschwiegen Gefühle. Um Gefühle zu provozieren. Sie erfanden den Anti-Helden und das Understatement. Um dem Heroischen und dem Pathos gerecht zu werden. Sie zeigten das Absurde. Um die Vernunft herauszufordern. Sie ließen den Wahnsinn ausbrechen. Um den Sinn zu reizen. So wurde die Negation zum entscheidenden Faktor der Kunst, der Literatur. Diese Negation bezweckt indes nichts anderes als die Verdeutlichung der Phänomene. Die Denaturierung erfolgt um der Natur willen. Erst die Verunstaltung der Wirklichkeit ermöglicht ihre künstlerische Gestaltung. Aus der Deformation ergibt sich die neue Form. Die Fratze soll aufschrecken und dadurch das Antlitz beschwören. Die Entstellung des Menschen in der modernen Kunst dient seiner Darstellung. So wird das Material unentwegt verändert, verzerrt, gedehnt, verfremdet, verwischt, gesteigert.

     
Wer dies beanstanden wollte, würde die Entwicklung der Kunst in den letzten fünfzig Jahren anzweifeln. Trotzdem scheint mir Lettaus Bemerkung treffend zu sein.
      Denn die Frage drängt sich auf, ob, beispielsweise, surreale Motive von manchen jüngeren Autoren in Hülle und Fülle angeboten werden, weil dies ihrer Sicht des Lebens entspricht oder weil sie Kafkas >Verwandlung< gelesen haben? Ist es tatsächlich unsere Welt, die die vielen Verfremdungen erforderlich macht -oder haben wir es etwa nur mit Brecht-Imitationen zu tun? Vielleicht werden Gefühle ängstlich und konsequent verschwiegen, weil Hemingway einst mit der unterkühlten Tonart so erfolgreich war? Sollten wir die Vorliebe für das Absurde lediglich dem Ruhm Ionescos zu verdanken haben? Die hier angeführten Namen sind natürlich austauschbar. Man könnte ebenso gut Joyce, Faulkner, Camus, Borges, Beckett oder Nathalie Sarraute nennen. Oder auch Celan, Dürrenmatt, Grass und Peter Weiss.
      Ja, aber was ist daran eigentlich bemerkenswert? War das nicht immer so, daß Talente, zumal in der Jugend, Vorbilder haben wollten und haben mußten? Und folgte nicht immer schon den Meistern, oder jenen zumindest, die als Meister galten, die Masse der Nachahmer? Schließlich zogen bedeutende und erfolgreiche Künstler stets einen Troß von Kunstgewerben nach sich. Und wie die Propheten und Priester der Avantgarde gehören zum literarischen Leben auch die Konfektionäre und Jünger der Arrieregarde, wobei natürlich die letzten vorgeben, die ersten zu sein.
      Gewiß, das alles ist nicht neu. Nur daß die Eigenart eines Teils der modernen Kunst junge Talente ernsthaften Versuchungen aussetzt und zugleich den geschickten Konfektionären ungewöhnliche Möglichkeiten eröffnet. Indem sie repetieren und kopieren, imitieren und montieren, vergeuden die einen ihre Begabung und tarnen die anderen ihre Unfähigkeit. Sie fliehenins Unwirkliche, weil sie der Wirklichkeit nicht oder noch nicht beikommen können. Sie verschweigen ihre Gefühle. Aber sind sie überhaupt imstande, Gefühle auszudrücken? Sie weichen ins Absurde aus. Aber wollen sie tatsächlich die Vernunft herausfordern oder sich, vielleicht, der rationalen Kritik entziehen ? Sie verzerren und verfremden, dehnen und verwischen die Realität, ohne daß man den Eindruck gewänne, sie könnten sie auch nur annähernd abbilden. Sie erinnern an Maler, die konsequent der abstrakten Malerei huldigen, aber leider un-fähig sind, einen Stier oder einen Stuhl zu zeichnen. Die Entstellung des Menschen in dieser Literatur dient dann nicht mehr seiner Darstellung, sondern erspart sie und ermöglicht es den Autoren zu verheimlichen, daß eine Darstellung ihre Kräfte übersteigen würde. Es wird uns oft eine Literatur aus zweiter Hand geboten, die von dem Vorbild nur das übernimmt und nachahmt, was sich am leichtesten übernehmen und nachahmen läßt.
      Psychologie und Realismus, deren Fehlen in vielen deutschen Romanen Lettau beklagt, braucht man bei den Meistern der Moderne nicht zu vermissen. Sie sparen jenes »Inzidentelle« nie aus. Das gilt ebenso für die angelsächsische Prosa von Joyce über Virginia Woolf, Faulkner, Hemingway und Thomas Wolfe bis zu Henry Miller wie für die Franzosen von Proust bis zu Michel Butor. Nur kann man das, was hier mit den Stichworten »Psychologie« und »Realismus« gemeint ist, bei diesen Vorbildern zwar lernen, hingegen läßt es sich nicht einfach kopieren. Da muß man schon eigene Lebenserfahrungen haben und sein Würzburg oder Gelsenkirchen ein wenig kennen. Indes: »Wer es wagt, einen deutschen Roman zu schreiben, hat entweder nicht Erfindung genug und seine Erzählung wird langweilig; . . . oder er versteht die Kunst, zu zeichnen nicht, kennt die Welt und das menschliche Herz nicht, und seine Geschichte ist ohne Charakter und ohne Sitten . . . Der eigentümliche Charakter unserer Nation und die daraus fließenden Sitten würden viel Stoff zu Romanen geben, aber man hütet sich sehr davor, die Szene nach Deutschland zu versetzen. Warum wohl? Man kennt seine Nation am wenigsten; und es ist immer leichter, in dem einförmigen französischen Modeton eine Geschichte nachzustammeln, als seine Nation zu studieren . . .«
Der »einförmige französische Modeton«, der sich leicht nachstammeln lasse, ist nicht etwa als Anspielung auf die Prosa von Alain Robbe-Grillet zu verstehen. Das Zitat entstammt der Zeitschrift >Allgemeine Deutsche Bibliothek

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