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Rolf Hochhuth und die Gemütlichkeit



Deutsche Schriftsteller unserer Zeit unterhalten sich gern über deutsche Schriftsteller unserer Zeit. Auch neulich, als sich einige Meister der Feder, begleitet von ihren meist andächtig lauschenden Damen, zu einem geselligen Beisammensein trafen, plauderte man über die Kollegen. Zurückhaltend, einsilbig und skeptisch wurde ihrer wenigen Erfolge gedacht; ihre vielen Mißerfolge hingegen erörterte man ausführlich, wortreich und mit bedächtigem Eifer. Es war sehr gemütlich. Dann sagte jemand: »Der Hochhuth hat ja in New York wieder einen dollen Erfolg gehabt.« Und plötzlich wurde es sehr ungemütlich und ziemlich still. Alle schienen sich einig zu sein, daß der junge Mann es sehr gut gemeint habe und sein Stück als Zeitdokument gewiß nützlich sei, daß es aber zugleich als literarisches Phänomen überhaupt nicht in Betracht gezogen werden könne. Und das internationale Echo? Nun ja, Erfolge seien ja meist Mißverständnisse , und hier hätten den Erfolg offenkundig politische, jedenfalls außerkünstlerische Umstände verursacht. Die zögernden, nahezu wider willigen Ã"ußerungen über Hochhuth klangen geringschätzig und herablassend. Es war nicht nur ungemütlich, sondern schon fast unheimlich.

      Seit mehreren Wochen veröffentlicht die >Stuttgarter Zeitung < in ihrer Wochenend-Beilage eine Diskussion über das Thema: >Was ist Literatur?< Am 11. Januar 1964 hieß es im redaktionellen Vorspann zu dieser Artikelserie: »Während die einen alles der Ã-ffentlichkeit gedruckt übergebene beschriebene < . . . für Literatur erklären, meinen die anderen, wohl die Essays von Hans Magnus Enzensberger, nicht aber >Der Stellvertreter < von Rolf Hochhuth oder gar die ehrenwerten Verse eines Sonntagsdichters seien dieses Etiketts würdig.« Tatsächlich ist damit eine Eigentümlichkeit des Verhältnisses fast der ganzen literarischen Ã-ffentlichkeit dieses Landes zu dem Stück von Hochhuth angedeutet. Während es sich die Bühnen der westlichen Welt erobert und überall heftige Debatten auslöst, wird es hier von den Schriftstellern mit einem stillschweigenden Bann belegt oder ignoriert. Gewiß ist es im vergangenen Jahr in der bundesrepublikanischen Presse und auch in öffentlichen Veranstaltungen eingehend erörtert worden. Aber die Schriftsteller und Literaturkenner haben die Diskussion - von wenigen Ausnahmen abgesehen - den Theologen, Historikern und politischen Kommentatoren überlassen, für die jedoch die Frage nach dem künstlerischen Wert oder Unwert des Werks nebensächlich oder indifferent war. Ihnen ging es also nicht um die Möglichkeiten, Verdienste und Sünden des Dramatikers Hochhuth, sondern um die Möglichkeiten, Verdienste und Sünden des Papstes Pius X

II.

In der Regel behandelt man den Autor des >Stellvertreter Zeit< meinte, dem Verfasser des Stellvertreter sei es gelungen, »große dramatische Szenen aufzubauen, die ihre Kraft allein aus dem Wort, aus der dialektischen Spannung beziehen«. Kurzum: Ich bin überzeugt, daß diese Szenenfolge trotz aller offensichtlichen Mängel eine bemerkenswerte literarische Begabung beweist.
      Aber warum ist man gerade in literarischen Kreisen am wenigsten geneigt, die künstlerische Leistung Hochhuths anzuerkennen, ja, ihn überhaupt als Schriftsteller gelten zu lassen? Friedrich Torberg, der glaubt, den >Stellvertreter < temperamentvoll ablehnen zu müssen, wirft in dem Wiener >Forum< »diesem in jeder Hinsicht monströsen Theaterstück« vor, daß es »so unsäglich viel zu sagen, so unfaßlich viel zu fassen und zu bewältigen« unternehme - »nämlich außer der deutschen Vergangenheit auch noch die Stellung der Kirche zur Diktatur, die Stellung des einzelnen zu beiden, die Stellung des Papstes innerhalb der Kirche, die historische und die ideale Rolle des Vatikans, den Mord an sechs Millionen Juden, das Problem des offenen und geheimen Widerstands sowie eine Unzahl klerikaler, theologischer, moralischer und sogar chemischer Probleme . . .«
Dieser Vorwurf ist, weiß Gott, berechtigt. Nur wäre wohl die Frage zu stellen, ob Hochhuth nicht zu viel zu sagen und zu fassen und zu bewältigen versuchte, weil die deutsche Literatur nach 1945 sich zu wenig bemüht hat, diese Themen aufzugreifen, ja vor ihnen oft genug ins Unverbindliche und Harmlose geflohen ist. Denn >Der Stellvertreter

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Rolf  Hochhuth  Gemütlichkeit    





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