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Polemik gegen Robbe-Grillet



Bestimmt kann man den meisten Ansprachen, die auf internationalen Schriftsteller-Kongressen gehalten werden, keine Originalität nachsagen. Warum? Es gibt hierfür mehrere Gründe, aber einer der wichtigsten ist wohl in der behandelten Problematik zu suchen. Es geht in der Regel um elementare und grundsätzliche Fragen. Und Schriftsteller warten nicht auf Tagungen, um ihre Ansichten zu diesen Fragen zu äußern. Daher wiederholen die Redner oft Gedanken und Formulierungen, die man bereits in ihren Büchern oder Artikeln finden konnte. Schriftsteller-Kongresse sind jedoch nicht Orte der Offenbarung, sondern der Begegnung. Wichtiger als die Ansprachen sind die Gespräche. Die Teilnehmer verdanken den Tagungen nicht unbedingt Erkenntnisse, wohl aber Bekanntschaften.

      Den einen ist an Begegnungen und Gesprächen gelegen, den anderen - nicht. Robbe-Grillet, beispielsweise, kehrt immer enttäuscht zurück. Das ist ebenso verständlich, wie es unbegreiflich ist, daß er sich diese Enttäuschungen nicht ersparen will. Er brauchte doch in Zukunft nur alle Einladungen zu derartigen Veranstaltungen abzusagen. Der Verfasser des >Augen-zeugen< hätte dann weit mehr Zeit für seine eigentliche literarische Arbeit und könnte mit neuen Romanen vielleicht auch diejenigen Leser gewinnen, denen seine bisherigen Bemühungen fragwürdig erscheinen. Denn nur Romane - und nicht theoretische Abhandlungen, Artikel, Ansprachen und Interviews -wären imstande, davon zu überzeugen, daß der nouveau roman mehr ist als eine kurze und enge Sackgasse, in die sich leider einige französische Schriftsteller verirrt haben. Hingegen zieht es Robbe-Grillet vor, an Kongressen, für die er - allen Enttäuschungen zum Trotz - eine Menge übrig hat, teilzunehmen und bei jeder Gelegenheit Prinzipielles zu sagen. Aber ich befürchte, daß es meist prinzipielle Irrtümer und Mißverständnisse sind. Sie dürfen nicht unwidersprochen bleiben.
      Robbe-Grillet weiß nicht, warum auf Schriftsteller-Kongressen immer wieder von Politik geredet wird. Man sollte es ihm erklären. Ich tue es mit den Worten von Wolfgang Koep-pen: »Wir alle leben mit der Politik, sind ihre Objekte, vielleicht schon ihre Opfer. Es geht um Kopf und Kragen . . . Wie darf da der Schriftsteller den Vogel Strauß mimen, und wer, wenn nicht der Schriftsteller, soll in unserer Gesellschaft die Rolle der Kassandra spielen?«
Robbe-Grillet bedauert es, daß die Schriftsteller ihr eigenes Werk herabwürdigen, »indem sie es dem Ausdruck und der Illustration jener hundert, wenn nicht dreitausend Jahre alten humanitären Banalitäten gleichsetzen«. Er sagt auch deutlich, welche Fragen ihm »humanitäre Banalitäten« zu sein scheinen: Anklage des Faschismus, Verurteilung des Krieges, Kampf gegen Ungerechtigkeit. - Ich bin mit Robbe-Grillet darin einig, daß der Terror, der Krieg und die Ungerechtigkeit sehr banale Motive sind. Sie sind so banal wie die Liebe und die Eifersucht, der Hunger und der Tod. Solange jedoch die Menschen leiden werden - durch den Terror etwa, den Krieg und die Ungerechtigkeit -, wird sich die Literatur mit diesen »humanitären Banalitäten« befassen. Obwohl sie es tatsächlich schon seit dreitausend Jahren tut. Faulkner sagte einmal: »Es gibt seit eh und je nur ein und dasselbe zu berichten auf dieser Welt. Shakespeare, Balzac und Homer - sie haben über ein und dasselbe geschrieben.«
Robbe-Grillet meint, der Schriftsteller befürchte, man könnte ihn fragen, warum er eigentlich schreibe und welche Funktion er in der Gesellschaft erfülle. Das ist gewiß richtig. Aber sprichtdiese Furcht gegen oder für den Schriftsteller? Jeder denkende Mensch macht sich über den Sinn seiner beruflichen Tätigkeit Gedanken. Die Arbeit des Schriftstellers unterscheidet sich von derjenigen der meisten anderen Menschen dadurch, daß sie auf das Bewußtsein von Tausenden oder sogar von Millionen Einfluß ausüben kann. Sollte man deswegen den Schriftsteller von der Pflicht, über den Sinn und Zweck seiner Bemühungen nachzudenken, freisprechen? Oder sollte man vielleicht gerade vom Schriftsteller erwarten, daß ihm die Frage nach dem Sinn seiner Tätigkeit nie Ruhe läßt? Robbe-Grillet erklärt kurzerhand, derartige Fragen seien absurd, der Schriftsteller könne »ebensowenig wie jeder andere Künstler wissen, wozu er nütze ist«. Es überrascht mich kaum, daß Robbe-Grillet nicht weiß, wozu seine Bemühungen nützlich sind. Daß er jedoch von sich auf die Gesamtheit der Schriftsteller und Künstler schließt, scheint mir zumindest leichtsinnig zu sein. Solange Kunst Menschen zu erfreuen vermag, ist sie schon nützlich und erfüllt sie eine gesellschaftliche Funktion.
      Robbe-Grillet glaubt, der Schriftsteller sei zwar »engagiert«, aber nur »insofern er Bürger eines bestimmten Landes, einer Epoche, eines Wirtschaftssystems ist, insofern er inmitten von sozialen, religiösen und sexuellen Regeln und Gewohnheiten lebt«. Er sei daher »nicht mehr oder weniger als alle anderen Menschen« engagiert. - Natürlich wirkt auch der Ingenieur, der Apotheker oder der Tischler »inmitten von sozialen, religiösen und sexuellen Regeln und Gewohnheiten«, aber er befaßt sich nicht mit ihnen in seiner beruflichen Arbeit. Der Schriftsteller indes kann es tun - wenn er es will und kann. Er hat also die Möglichkeit, die Fragen des Landes, dessen Bürger er ist, und der Epoche, in der er lebt, zu behandeln. Und er kann ihnen ausweichen, sie ignorieren. Dies ist einer der Unterschiede zwischen dem Schriftsteller, den man als »engagiert«, und demjenigen, den man als »nichtengagiert« zu bezeichnen pflegt. Die Behauptung, er sei »in genau dem Maße engagiert, in dem er nicht frei ist«, degradiert den Schriftsteller zum willenlosen Werkzeug der Gesellschaft.
      Robbe-Grillet ist der Ansicht, der Schriftsteller leide wie alle anderen an dem »Unglück der Menschen«. - Instrumente, mit denen man menschliche Leiden messen könnte, sind bisher nicht erfunden worden. Somit läßt sich über ihren Grad alles sagen, ohne daß man etwas beweisen könnte. Da jedoch Schriftsteller mehr als die meisten anderen Menschen sehen, hören und fühlen - oder es zumindest sollten -, nehme ich an, daß sie in der Regel auch mehr als andere an dem Unglück ihrer Zeitgenossen leiden. Der verhältnismäßig hohe Prozentsatz der Selbstmorde unter den Schriftstellern und Künstlern aller Epochen ist gewiß noch kein Beweis, aber doch ein Umstand, der nicht ganz übersehen werden sollte. Und wenn Robbe-Grillet alle Schriftsteller, die sagen, sie schrieben, um menschlichem Unglück abzuhelfen, als »unaufrichtig« bezeichnet, kann ich mich nur wundern, daß er unverfroren genug ist, diejenigen seiner Kollegen, die mit ihrer beruflichen Arbeit andere Vorstellungen verbinden als er selbst, für Lügner zu halten.
      Robbe-Grillet meint, »die Form eines Romans, eines Theaterstücks oder eines Films« sei viel wichtiger »als die Anekdoten..., die darin enthalten sein können«. - Ich glaube hingegen, daß man das Wesen der Kunst gründlich verkennen muß, um derartiges zu behaupten. Form und Inhalt lassen sich im Kunstwerk nicht voneinander trennen und gesondert betrachten. Man kann nicht von zwei verschiedenen Elementen dort sprechen, wo es im Grunde nur ein einziges gibt. Nicht Antithese, Synthese ist hier das Stichwort. Auf die Frage, welche Prinzipien es denn seien, »die die Existenz der Dichter, des Schriftstellers definieren«, hat Thomas Mann geantwortet: »Es sind Erkenntnis und Form - beide zugleich und auf einmal. Das Besondere ist, daß dieses beides eine organische Einheit bildet, worin eines das andere bedingt, fordert, hervorbringt. Diese Einheit ist ihm Geist, Schönheit, Freiheit - alles. Wo sie fehlt, da ist Dummheit, die alltägliche Menschendummheit, die sich zugleich als Form- und als Erkenntnislosigkeit äußert -, und er weiß nicht, was ihm mehr auf die Nerven geht, das eine oder das andere.«
Ferner reagiert Robbe-Grillet auf Vorwürfe, die offenbar in der Sowjetunion gegen seine Bücher erhoben wurden. Aus den bisher anscheinend grundsätzlichen Darlegungen wird jetzt ein Plädoyer in eigener Sache, aus dem hervorgeht, daß Robbe-Grillet im Unterschied zu den meisten nennenswerten Schriftstellern in den kommunistischen Ländern immer noch der Ansicht ist, es lohne sich, gegen die Postulate des sozialistischen Realismus zu polemisieren. Er erwähnt sogar die Forderung, die Literatur solle »den tagtäglichen Schwankungen« der Politik folgen, obwohl dies in der Sowjetunion heutzutage nur noch von den allerdümmsten Funktionären verlangt wird.
      Interessanter scheint die Bemerkung zu sein, »daß sich im sozialistischen Lager und in der bürgerlichen Welt genau diegleichen unangetasteten Illusionen, der gleiche Kult der Vergangenheit, dasselbe Vokabular und letztlich auch dieselben Werte finden«. - Daran ist etwas Wahres und nichts Ãœberraschendes. Denn die Machthaber in westlichen wie in östlichen Ländern wollen lediglich eine solche Kunst fördern und dulden, die ihre Position festigt oder zumindest nicht in Frage stellt. In dieser Hinsicht sind sich die Regierungen, Parteien und Kirchen im Grunde einig. Hieraus können sich gewisse Ähnlichkeiten etwa des Vokabulars ergeben. Dennoch ist die von Robbe-Grillet angedeutete Gleichsetzung der offiziellen Kunstbestrebungen im sozialistischen Lager und in der bürgerlichen Welt erschreckend oberflächlich, da der fundamentale Unterschied zwischen dem Leben in kommunistischen und in westlichen Staaten und zwischen der Funktion, die die Literatur und die Künste hier und dort erfüllen, derartige Vergleiche irrelevantmacht. Es mag sein, daß, beispielsweise, Adenauers literarischer Geschmack nicht um eine Spur besser ist als derjenige Ulbrichts. Aber die Wünsche und Ideale des Bundeskanzlers in Sachen Kunst waren für die in der Bundesrepublik im letzten Jahrzehnt wirkenden Schriftsteller undKünstler vollkommen gleichgültig. Sie waren ihnen nicht einmal bekannt. Ulbrichts Wünsche und Bestrebungen haben hingegen das Werk und das Schicksal der Schriftsteller und Künstler der DDR determiniert.
      Schließlich meint Robbe-Grillet, die Literatur sei »kein Mittel des Ausdrucks, sondern der Suche«. Allerdings weiß die Literatur nicht, »was sie sucht« und »was sie zu sagen hat«. Und in einem Interview hat Robbe-Grillet bekannt: »Ich habe eigentlich nichts zu sagen, ich verfüge nur über die Möglichkeit, mich auszudrücken . . . Meine Bücher sollen dem Publikum zu irgend etwas verhelfen, aber ich weiß nicht zu was.« - Hier liegt der Hund begraben: Robbe-Grillet hat nichts zu sagen. Deswegen sind seine Bücher steril und im Grunde meist langweilig. Er verfügt - kein Zweifel - über ein gutes Instrument. Aber er kann auf diesem Instrument nicht spielen. Das ist bedauerlich für seine Leser und für ihn selber wohl qualvoll.
      Aber Robbe-Grillet hat in einem gewissen Sinne schon recht, wenn er das »Poetische« als »Erfindung der Welt und des Menschen, ständige und immer wieder in Frage gestellte Erfindung« definiert. Und es hat schon seine Berechtigung, wenn er im »Politischen« die »Reduktion des Denkens auf Stereotype« und die »panische Angst vor jedem Zweifel« wahrnimmt. Wasgeht jedoch für ihn aus dieser Gegenüberstellung hervor? Lediglich das billige Bekenntnis: »Und darum interessiert uns die Politik letztlich nur wenig.«
Ist es nicht vielmehr Aufgabe des Schriftstellers, mit dem »Poetischen« jene »Reduktion des Denkens auf Stereotype« und die »panische Angst vor jedem Zweifel« zu bekämpfen? Dies sei, könnte man erwidern, ein ebenso vergebliches Bemühen wie jener von Robbe-Grillet verspottete, Jahrtausende währende Kampf der Literatur gegen die Ungerechtigkeit, den Krieg und den Terror. Man kann auch sagen, die Schriftsteller seien im Endergebnis immer wieder besiegt worden. In der Tat: Der Traum der Schriftsteller wurde noch nie verwirklicht, die »humanitären Banalitäten« sind leider immer noch aktuell. »Deshalb gibt es für uns« — sagte einmal William Faulkner -»nur die eine Maxime: Im Angesicht einer grandiosen Niederlage auch weiterhin das Unmögliche tun!«

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