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Peter Weiss, die DDR und der dritte Standpunkt



Er habe sich gegen den Kapitalismus und für den Sozialismus, gegen die Bundesrepublik und für die DDR entschieden. Also verkündet seit Monaten der deutsche Dichter Peter Weiss. Derartige Erklärungen konnten natürlich nicht ohne Echo bleiben. Drüben respektvolle Anerkennung für den Einsichtigen, herzliche Begrüßung, aufrichtige Genugtuung, Freude und fast schon ein stiller Triumph. Das ist verständlich. Eine Presse, die im Laufe der Jahre immer wieder Schriftsteller und Philosophen, Wissenschaftler und Künstler beschimpfen mußte, weil sie dem Land zwischen der Elbe und der Oder den Rücken gekehrt hatten, darf endlich auch einen Gewinn buchen -und wahrlich keinen geringen.

      Hier hat man auf die Äußerungen von Weiss betreten und verärgert reagiert, oft spöttisch und zornig. Das ist wiederum verständlich. Nur frage ich mich, wem und welcher Sache diejenigen nützen, die es für angebracht halten, über diesen hervorragenden Vertreter der deutschen Literatur unserer Zeit jetzt in einer Tonart zu schreiben, die auf beunruhigende Weise an die DDR-Presse erinnert und dort angeschlagen wird, wenn von »Republikflüchtigen« die Rede ist. »Wie sich die Bilder gleichen . . .« singt Cavaradossi im ersten Akt der > Tosca>.
      Unter den Journalisten, die sich beflissen melden, um den Dichter des >Abschied von den Eltern < und der >Verfolgung und Ermordung des Jean Paul Marat< zu verdammen, fehlt es nicht an solchen, die offenbar keine Hemmungen kennen. Ein Kommentator der >Welt amSonntag< geht sogar so weit, sich zu überlegen, ob Peter Weiss nicht auf die deutsche Sprache verzichten und »ob er es nicht lieber mit dem Schwedischen versuchen sollte«.
      So wird man plötzlich an die finsteren Zeiten erinnert, da man Schriftsteller, deren Anschauungen unbequem waren, aus Deutschland vertrieben und ihnen hinterher noch die Staatsangehörigkeit aberkannt hat. Nein, dies ist heute nicht mehr üblich. Und es ließe sich im Fall Weiss auch beim besten Willen nicht verwirklichen - denn er wurde bereits 1938 vertrieben, lebt seitdem im Ausland und ist seit 1945 schwedischer Bürger. Darum eben möchten manche ihn, der mit seinen erzählenden Werken auf die deutsche Prosa der jüngeren Generation einen stilprägenden Einfluß ausgeübt hat, wenigstens aus dem Bereich der deutschen Sprache ausstoßen. Gewiß: andere Zeiten, andere Sitten. Und doch: wie sich die Bilder gleichen.
      Mag, wen es danach gelüstet, den Stein auf Peter Weiss werfen. Ich kann es nicht. Ich will es nicht. Ich gestatte mir vielmehr, angelegentlich zu warnen: vor den Rittern der Unduldsamkeit, den professionellen Fanatikern, den ewigen Hetzern, den gewohnheitsmäßigen Steinwerfern. Und ich bin überzeugt, daß man es sich im Westen leisten kann und leisten sollte, den Prozeß, den Weiss jetzt durchmacht, ruhig und gelassen und auch verständnisvoll zu beobachten.
      Worum handelt es sich eigentlich? In einem im September erschienenen Sonderheft der Zeitschrift >Theater heute < finden sich Auszüge aus einem Interview, das Weiss Ende 1964 der British Broadcasting Corporation gewährt hat. Er sagte damals: »Weil ich nicht an politische Gesellschaftsformen glaube - so wie sie heute sind -, wage ich es nicht, irgendeine andere vorzuschlagen ... Ich vertrete den dritten Standpunkt, der mir selber nicht gefällt.« Von diesem Interview, das die Theaterzeitschrift ohne seine Genehmigung gedruckt hat, rückt Weiss in einem von der >Frankfurter Allgemeinen Zeitung < im September 1965 publizierten »offenen Brief« ab: »Ich habe seitdem, im Verlauf meiner Studien, meine Ansichten weitgehend geändert. . . Heute ist mir die Errichtung einer unabhängigen künstlerischen Region nicht mehr möglich.« Also eine abhängige Region. Doch abhängig wovon oder von wem? In einem der Zeitung Stockholms Tidningen< im Juni gewährten Interview, das der Ostberliner >Sonntag< am 15. August 1965 nachgedruckt hat, teilt Weiss mit: »Ich stelle mich ganz hinter den Marxismus-Leni-nismus als Grundidee . . .« Und in einer Verlautbarung mit dem Titel >io Arbeitspunkte eines Autors in der geteilten Welt< sagt er: »Die Richtlinien des Sozialismus enthalten für mich die gültige Wahrheit . . . Zwischen den beiden Wahlmöglichkeiten, die mir heute bleiben, sehe ich nur in der sozialistischen Gesellschaftsordnung die Möglichkeit zur Beseitigung der bestehenden Mißverhältnisse in der Welt.«
Was hat eine so radikale Wandlung des schließlich nicht mehr jungen Schriftstellers bewirkt? Während er im Gespräch mit Stockholms Tidningen< in diesem Zusammenhang auf die im letzten Winter erfolgte Aufführung des >Marat< in der DDR verweist, erklärt Weiss im »offenen Brief« in der FAZ: »Vor einem Jahr . . . fehlten mir noch viele Kenntnisse über die Zusammenhänge der Weltpolitik.« Jetzt wüßte er, »daß das Unverständliche und Verworrene vieler Erscheinungen« nur auf seinen »eigenen Mangel an Erfahrungen zurückzuführen war«. Bei der Ãœberwindung dieser »Selbstbegrenztheit« sei ihm die Lektüre »der Weltpresse« behilflich gewesen.
      Doch haben sich die Studien des also um neue Gesichtspunkte bemühten Schriftstellers in letzter Zeit gewiß nicht nur auf die »Weltpresse« beschränkt und auf Besuche in der DDR anläßlich der Aufführungen seines Stückes. Inhalt, Vokabular und Diktion der erwähnten >io Arbeitspunkte< lassen auf die Lektüre fundamentaler Abhandlungen der Klassiker des Marxismus schließen. Aber die Gedankenwelt des Marxismus-Leninismus ist groß und weit. In einigen Monaten läßt sie sich schwerlich bewältigen. Daher wundert es mich nicht, daß jene wohl etwas voreilig publizierten >io Arbeitspunkte< zahlreiche Unklarheiten und Mißverständnisse, Widersprüche und Irrtümer enthalten. Weiss ermöglicht es den Kritikern seiner Wandlung, ihm »Konfusion« vorzuwerfen. Was tun ? Gegen seine grundsätzlichen ideologischen und politischen Darlegungen polemisieren? Takt und, vor allem, Respekt vor dem künstlerischen Werk von Peter Weiss gebieten es, meine ich, auf eine solche Polemik vorerst zu verzichten. Und die Vertiefung und Erweiterung seiner eher noch in den Anfängen steckenden Studien des Marxismus-Leninismus geduldig abzuwarten.
      Indes finden sich in seinen Äußerungen auch solche Gedanken, die nicht auf die Beschäftigung mit der Theorie zurückzugehen scheinen, sondern auf Empirie. Und darüber könnenwir gleich reden. »In der westlichen Gesellschaft« müßten die Schriftsteller - sagte Peter Weiss im Mai auf einer Tagung in der DDR — »als Partisanen arbeiten, um die Wahrheit zu verbreiten«. DDR-Autoren, die gewisse Schwierigkeiten haben, ihre Werke in der Heimat gedruckt zu sehen, fanden die Bemerkung des Gasts nicht unbedingt rücksichtsvoll. Im Gespräch mit Stockholms Tidningen< wiederum erläuterte Weiss: »Die Schriftsteller im Westen sind von dem kapitalistischen System abhängig. Wenn sie es kritisieren, gefährden sie ihre Einkommensmöglichkeiten.« In den >io Arbeitspunkten< schließlich heißt es, daß in der westlichen Welt für die Schriftsteller zwar »im Ästhetischen keinerlei Grenzen gezogen sind«, daß hingegen »Vorstöße im Sozialen genauesten Kontrollen unterzogen« werden.
      Kein Zweifel, was sich hinter diesen Behauptungen verbirgt -nämlich harte Tatsachen, konkrete Vorfälle, bittere Erfahrungen des Dichters Weiss. Welche? Es ist schade, daß er es bisher unterlassen hat, diese Fakten der Öffentlichkeit mitzuteilen. Wo sind, beispielsweise, in der Bundesrepublik Schriftsteller zu finden, die ihre Einkommensmöglichkeiten gefährden, weil sie das kapitalistische System kritisieren? Gilt das etwa auch für Weiss selber? Wann, wo und wie wurde seine Freiheit eingeengt? Welche Werke deutschsprachiger Autoren, die - wohlgemerkt - im Westen leben, können nicht gedruckt werden? Oder: wie funktioniert eigentlich jene »genaueste Kontrolle«, der man die »Vorstöße im Sozialen« unterzieht?
Wer über solche Daten und Namen verfügt, wer solche Umstände und Tatsachen kennt und sein Wissen dennoch für sich behält, beteiligt sich an der Unterdrückung der Wahrheit. Dies kann natürlich nicht die Absicht von Peter Weiss sein. Daher haben wir mit belehrenden Enthüllungen aus seiner Feder zu rechnen. Je schneller, desto besser. Denn vorerst klafft zwischen den außerordentlichen Erfolgen dieses in vielen westlichen Ländern gedruckten, gespielten, gerühmten und auch mehrfach preisgekrönten Dichters und seiner Selbstbezeichnung als »Partisan der Wahrheit« ein etwas peinlicher Widerspruch.
      Aber sieht Weiss keinerlei Einschränkungen der Freiheit in der östlichen Welt? Weder ist dieser Peter so schwarz, wie ihn manche malen, noch hält er die DDR für so weiß, wie man es uns weismachen will. »Ich erklärte auch in Berlin« - heißt es in dem Interview in Stockholms Tidningen< -, »daß der Sozialismus Selbstkritik und volle Redefreiheit voraussetzt.« Da-bei fällt mir übrigens auf, daß >Die Welt< in ihrem Kommentar vom 18. September 1965 zwar den entsprechenden Abschnitt des Interviews zitiert, jedoch gerade den hier angeführten Satz stillschweigend wegläßt. In den >io Arbeitspunkten< betont Weiss, daß die Kunst »in einigen Ländern des Sozialismus . . . niedergehalten und zur Farblosigkeit verurteilt wird«. Und das Dokument endet mit der Feststellung, daß die Kräfte, »die für mich die positiven Kräfte dieser Welt bedeuten«, ein noch stärkeres Gewicht bekämen, »wenn sich die Offenheit im östlichen Block erweiterte und ein freier undogmatischer Meinungsaustausch stattfinden könnte«. Die Leser des >Neuen Deutschland < pflegen solche Sätze nicht zu übersehen.
      Sowenig sich aus derartigen, sehr vorsichtig geäußerten Forderungen von Peter Weiss irgendwelche Folgen für das geistige Leben in der DDR ergeben werden, so sicher bin ich doch, daß er es damit sehr ernst meint. Er hat sich nicht für »die sozialistischen Länder« entschieden, um »die dort herrschenden Mißstände« - so er selber im BBC-Interview - hinzunehmen. »Ich könnte niemals in einem Land leben« - meinte er -, »wo ich als Individuum unterdrückt werde, wo ich nicht lesen darf, was ich will, und nicht sagen darf, was ich sagen möchte.« Zwar darf er in Stockholm lesen und sagen, was er will, doch wird es ihm nicht gleichgültig sein, daß in der DDR die westliche Presse nicht zugänglich ist. Und ein großer Teil der modernen Weltliteratur - von Joyce bis Beckett - ebenfalls. Nicht einmal die Werke Georg Lukäcs' dürfen dort erscheinen.
      Da Weiss dagegen ist, daß man die Kunst unterdrückt, wird er fragen müssen, warum man, beispielsweise, in der DDR Peter Huchels Gedichte nicht veröffentlichen und ihm seit Jahren eine Reise nach dem Westen nicht erlauben will. Oder er wird fragen, warum man seit Monaten öffentliche Auftritte des Dichters Wolf Biermann verhindert. Und warum mehrere größere Arbeiten von Stefan Heym nicht gedruckt werden. Und warum in der DDR neuerdings der Film >Das Kaninchen bin ich< verboten ist. Wer, wie Weiss, die »volle Redefreiheit« für eine selbstverständliche Voraussetzung hält, kann es schwerlich akzeptieren, daß ein Mann wie Robert Havemann keine Möglichkeit hat, auf die gegen ihn in der Presse der DDR erhobenen Vorwürfe öffentlich zu antworten. Und daß man ihm Ausreisegenehmigungen verweigert.
      Genug der Beispiele. Nichts liegt mir ferner, als etwa Peter Weiss ermahnen oder belehren zu wollen. Er, ein reifer undintegrer Mann, weiß, was er zu tun hat. Und zu genau kenne ich den Weg, auf dem er sich befindet, um zu glauben, ihn könnten jetzt Argumente überzeugen. Nur Erlebnisse werden auf ihn Einfluß haben.
      Aber vielleicht sollte ihn ein wenig der Umstand beunruhigen, daß seine schärfsten Gegner in der Bundesrepublik insofern seinen Freunden in der DDR ähneln, als sie von der Existenz eines dritten Weges von vornherein nichts wissen wollen. Sie denken - hüben und drüben - in Blöcken und in Fronten. Sie reduzieren das Leben auf eine Entweder-Oder-Formel. Für sie gibt es immer nur zwei Möglichkeiten - und jede dritte ist zu verdammen. Wer diese Alternative nicht akzeptiert, der gilt, wie eh und je, als zersetzend. Oder als Zweifler, oder gar als Intellektueller.
      In einer Welt, die Alternativlösungen zustrebt, ist es bequemer und sicherer, sich einzureihen. Wer in einer Front steht, weiß zumindest, daß ihn nur eine der beiden Seiten attackieren wird. In einem großen Kollektiv der Gleichgesinnten fühlt man sich geborgen - zumal in einem solchen, dessen vereinende Idee eine ungeheuerliche Faszination ausübt. Und zu beneiden mag der Heimatlose sein, der die Küste des gelobten Landes zu sehen glaubt. Wer dies erlebt hat, wird es bis an das Ende seiner Tage nicht mehr vergessen. Doch gibt es noch eine andere Erfahrung, deren Wirkung nicht weniger nachhaltig ist. Ich meine die Erkenntnis, daß jenes gelobte Land eine Fata Mor-gana war.
      Dem Dichter Peter Weiss unseren Gruß.
     

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