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Nachbemerkung
Das Wort »Mitte« hatte einmal einen guten Klang. Den »goldenen Mittelweg« empfahl Horaz. »In der Mitte wirst du am sichersten gehen« - heißt es in den >Metamorphosen< des Ovid.
Aber kann der sicherste Weg tatsächlich auch als der beste oder, sagen wir, als der ehrenvollste gelten? Wird der Mittelweg vielleicht vor allem von jenen gewählt, die sich zu keinem anderen entschließen können? Ist die Mitte gar der Ort der Durchschnittlichen und Schwachen, der Vorsichtigen und Feigen? Läßt nicht das Wort »Mitte« gleich an Mittelmäßigkeit denken?
In Deutschland jedenfalls scheinen solche Fragen keineswegs ganz überflüssig zu sein. Denn hier ist der Begriff »Mitte« schon seit längerer Zeit nicht frei vom Beigeschmack des Zweifelhaften und Problematischen. Die Wendung vom »goldenen Mittelweg« wird meist nur noch ironisch und abwertend benutzt, weshalb man, beispielsweise, in Büchmanns >Geflügelte Worte < den Hinweis für nötig hielt, daß sie ursprünglich einen eindeutig positiven Sinn hatte. Am ehesten spricht man von der Mitte, ohne sich von ihr sogleich ängstlich zu distanzieren, wenn man glaubt, ihren Verlust beklagen zu müssen.
Wo jedoch die Mitte fragwürdig geworden ist, da hält man auch nicht viel vom Vermitteln und noch weniger von den Vermittlern. Wer hierzulande zu vermitteln versucht, der gerät rasch in den Verdacht, er neige zum bequemen Kompromiß oder habe überhaupt keinen Standpunkt oder eigne sich nicht für ein wichtigeres und würdigeres Amt - wenn man ihm nicht gar Liebedienerei vorwirft.
Sollte etwa damit die in Deutschland tief verwurzelte Abneigung gegen die Kritik zusammenhängen? Denn der Ort des Kritikers ist in einem gewissen Sinne die Mitte. Und genau betrachtet sollte Kritik nichts anderes, nichts mehr und nichts weniger sein als Vermittlung - freilich in des Wortes eigentlicher, wesentlicher Bedeutung. Dies gilt auch - und um so mehr - für die kritische Auseinandersetzung mit all jenen Phänomenen, die das Dasein und die Wirkung der Literatur ermöglichen oder verhindern, erleichtern oder erschweren. Also für die Auseinandersetzung mit dem literarischen Leben.
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