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Literaturpreise, Affären und Skandale



Daß in der Bundesrepublik in den letzten Jahren allerlei Literaturpreise gestiftet wurden, ist höchst erfreulich. Solange sie sinnvoll und vernünftig verliehen werden, kann ihre Zahl, meine ich, nicht groß genug sein. Allerdings ist das Prestige der meisten Preise, milde gesagt, gering. Denn eine literarische Auszeichnung verdankt ihren Ruf nur der Liste der Preisgekrönten, die sich mit der Zeit tatsächlich als eine Elite erweisen sollten. Preise müssen also, um etwas zu gelten, einige Tradition haben. Indes sind die bundesrepublikanischen Literaturpreise in der Regel noch sehr jung. Müssen wir deshalb geduldig warten, bis es ihnen gelingt, das notwendige Ansehen zu gewinnen? Nein, wir müssen nicht und wir können nicht geduldig warten. Und nicht nur deshalb, weil die Jurys oft den Weg des geringsten Widerstands wählen und damit die Indifferenz der Ã-ffentlichkeit rechtfertigen und begünstigen. Noch wichtiger scheint es mir, daß diejenigen, die gütig genug sind, Gelder für die Literatur zur Verfügung zu stellen, zwar in bester Absicht handeln, aber mitunter dennoch der Autorität der von ihnen gestifteten Preise entgegenwirken. Und sie sogar anrüchig machen.

      Als i der Bremer Literaturpreis Günter Grass für die >Blechtrommel< zugesprochen wurde, war der Senat der Hansestadt mit dem Beschluß der von ihm berufenen Jury nicht einverstanden. Die Juroren traten zurück, Grass ging leer aus und die Bremer sahen sich gezwungen, den kompromittierten Preis rasch zu liquidieren und einen neuen zu gründen, dessen Jury jetzt unabhängig zu sein scheint. Der Blechtrommel-Skandal war eine Lehre für das Bremer Stadtparlament. Für dasjenige von Düsseldorf ebenfalls - nur in umgekehrter Richtung. Der Immermann-Preis für Literatur wurde bisher von der Stadt Düsseldorf auf Grund der Entscheidung eines unabhängigen Gremiums von Künstlern und Kunstsachverständigen vergeben. Das paßt den Ratsherren nicht mehr. Wie der Zeitschrift >Vorgänge< zu entnehmen ist, die Gerhard Szczesny in Verbindung mit der Humanistischen Union herausgibt, haben sie in der Debatte über neue Statuten für diesen Preis kurzerhand verlangt,»daß dem Stadtrat eine letzte Entscheidung eingeräumt werde«.
      Warum so ängstlich? Weil es sonst geschehen könnte - so meinen die Ratsherren -, »daß der Immermann-Preis einem Günter Grass für seinen Roman >Hundejahre< zugesprochen werde, in welchem Roman es von pamphletistischen Randbemerkungen über Düsseldorf nur so wimmele«. Dieses Argument soll das Stadtparlament überzeugt haben: Die Befürworter der uneingeschränkten Befugnisse der Jury fanden keine Mehrheit mehr, die Statuten mußten an den zuständigen Ausschuß zurückverwiesen werden. Was hat sich inzwischen in dieser Angelegenheit ereignet? Sollte die Jury nur das Recht haben, die Preisträger vorzuschlagen, sollte also darüber, ob ein literarisches Kunstwerk preiswürdig ist, in letzter Instanz der Stadtrat entscheiden - dann hätten wir gern gewußt, wie die Namen jener Künstler und Kunstsachverständigen lauten, die sich bereit erklärt haben, einem solchen Gremium anzugehören.
      Konsequenter als das Stadtparlament von Düsseldorf ist dasjenige von Dortmund, das jeglichen Ã"rger mit einer bockigen oder unberechenbaren Jury ein für allemal zu verhindern wußte. Denn für den von der Stadt Dortmund gestifteten Nelly Sachs-Preis wurde eine Jury überhaupt nicht einberufen. Wer entscheidet also? Die Ratsherren selber. Sie haben auf Sachverständige verzichtet, weil sie sich offenbar das zutrauen, was sogar manchem prominenten Kritiker größte Schwierigkeiten bereitet: Gut und Schlecht in der deutschen Gegenwartsliteratur zu unterscheiden. Die Dortmunder Bürger können nun sicher sein, daß ein Autor, in dessen Büchern sich unfreundliche Worte über ihre Stadt finden, nicht preisgekrönt wird. Aber zugleich verdanken die Dortmunder dem Verfahren, das ihre Ratsherren für richtig hielten, eine Affäre, die auch diesen erst unlängst gestifteten Preis anrüchig machte.
      Nachdem ihn zuerst Nelly Sachs selber erhalten hatte, schlug die SPD-Fraktion des Stadtparlaments als nächste Preisträge-rin die Erzählerin Johanna Moosdorf vor; die CDU-Fraktion meinte dagegen, der vierunddreißig Jahre alte Josef Reding, auch er vor allem Erzähler, hätte die Auszeichnung eher verdient. Einigen konnte man sich nicht. Da jedoch in Dortmund die SPD die Mehrheit hat, bekam Johanna Moosdorf den Preis. »Die Verleihung . . . ging unter skandalösen Begleitumständen vor sich« - berichtet die Wochenzeitung >Christ und Welt< am 31. Januar 1964, in der es ferner heißt: »Erstaunlich war das Vorgehen der CDU, die einen Tag vor der feierlichen Preisüberreichung der Preisträgerin Johanna Moosdorf in einer Erklärung die >literarische Legitimation < für den Nelly Sachs-Preis absprach. Ihr Werk diene außerdem nicht genügend dem Geist der Toleranz und der Völkerversöhnung. Die CDU will das in den nächsten Tagen noch näher begründen. An der Preisverleihung . . . nahmen die CDU-Ratsmitglieder >aus Protest < nicht teil.« Die Zeitung vermerkt mit Recht, Johanna Moosdorf habe »den Schrecken der Nazijahre, besonders der Judenverfolgung dargestellt und dabei nicht vergessen, wie viele Menschen damals aus Menschlichkeit den Juden zu helfen versuchten«.
      War nun die Dortmunder CDU gegen die Moosdorf, obwohl oder weil sie derartige Themen behandelt hat? Oder ging es den CDU-Ratsherren vor allem um jene »literarische Legitimation«, die in diesem Fall tatsächlich angezweifelt werden kann? Nein, von künstlerischen Fragen ist in der versprochenen und inzwischen in der >Dortmunder Union < veröffentlichten Begründung überhaupt nicht mehr die Rede. Vielmehr heißt es jetzt -im Gegensatz zur ursprünglichen Erklärung -, daß die Leistungen der Johanna Moosdorf »sie möglicherweise für einen allgemeinen Literaturpreis qualifizieren könnten«, daß sie aber nicht den Richtlinien für die Verleihung des Nelly Sachs-Preises entsprächen. In den Richtlinien ist lediglich von der »Förderung der zwischenstaatlichen Kulturarbeit« und vom Geist »der Toleranz und der Versöhnung unter den Völkern« die Rede. Warum meint eigentlich die CDU, das Werk der Moosdorf, das eindeutig gegen den Faschismus und den Antifaschismus gerichtet ist, könnte mit diesen Anforderungen nicht in Einklang gebracht werden? Der erhobene Vorwurf wird in der Verlautbarung der Fraktion mit keinem einzigen Wort begründet. Keine einzige literarische Arbeit der beanstandeten Preisträgerin ist auch nur erwähnt. Kennen die CDU-Ratsherren wenigstens teilweise die Bücher von Johanna Moosdorf? Die hilflos formulierte und von Phrasen strotzende Erklärung läßt nicht darauf schließen. Und haben die CDU-Ratsherren wirklich etwas von Josef Reding,ihrem Gegenkandidaten,gelesen?
Aber mich beunruhigt noch eine andere Frage: ob nämlich die SPD-Ratsherren Zeit hatten, sich mit J osef Redings Prosa zu befassen, und ob sie geduldig genug waren, das Hauptwerk ihrer Preisträgerin, den Roman >NebenanWelt< vom 9. September 1961 schrieb - »streckenweise zur fast unsinnigen Tortur« wird.
      Wer den Preis eher verdient hat - Johanna Moosdorf oder Josef Reding -, kann ich nicht beurteilen. Eins jedoch glaube ich sicher zu wissen: daß das in Dortmund angewandte Verfahren der Preisverleihung nicht diskutabel ist.
     

 Tags:
Literaturpreise,  Affären  Skandale    





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