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Wer schreibt provoziert

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Literarisches Leben ohne Kritik ?



> Feiner Unfug auf Staatskosten < lautet der Titel eines Bändchens, in dem der kleine, aber ehrgeizige Merlin-Verlag in Hamburg mehrere Aufsätze und Vorträge des Schriftstellers Heinz Risse vereint hat. Ein Rezensionsexemplar wurde der >Zeit< mit dem Hinweis zugeschickt, der Verfasser hätte es »zunächst zur Bedingung gemacht, gar keine Freiexemplare des Essaybandes für Besprechungszwecke an Zeitungen zur Verfügung zu stellen«, womit sich jedoch der Verleger nicht abfinden wollte: »Ich habe einen Kompromiß erzielt und die Erlaubnis erhalten, drei Besprechungs-Freistücke an Redaktionen meiner Wahl zu verteilen.«

Etwa gleichzeitig erfuhr die >Zeit< vom Langen-Müller-Verlag in München, er könne ein Exemplar des dort 1963 erschienenen Romans >Ringelreihen< von Heinz Risse nicht zusenden, denn der Verlag habe sich schriftlich verpflichten müssen, keiner einzigen bundesrepublikanischen Zeitung oder Zeitschrift Besprechungsexemplare zukommen zu lassen.
      Bisher kannten wir derartige Methoden, die Kritik zu bekämpfen, eher aus dem Bereich des Theaterlebens: Manch ein Intendant hat sich schon damit lächerlich gemacht, daß er der Presse, von der er sich unfreundlich behandelt fühlte, die üblichen Eintrittskarten verweigerte. Daß ähnliche Unsitten nunmehr auch im literarischen Leben einreißen würden, steht nicht zu befürchten. Hingegen liegt es nahe, den Schriftsteller, der sich auf diese Weise seine Kritiker vom Leibe halten will, dem Spott der Leser auszusetzen. Ich möchte es nicht tun. Denn ich fürchte, daß diese grotesk anmutenden Maßnahmen eines Einzelgängers Symptome einer Haltung sind, der man in Deutschland immer noch häufig begegnet. Und deren Bedeutung wir nicht unterschätzen sollten.

     
Was eigentlich will Risse, ein gebildeter und erfahrener Mann, der 65 Jahre alt ist, zahlreiche Romane und Erzählungen geschrieben hat und vor allem durch den Roman >Wenn die Erde bebt< bekannt wurde? In einem Vortrag, der in dem Band >Feiner Unfug auf Staatskosten < abgedruckt ist, erklärt Risse kurzerhand: »Zwar spielt sich auch meine literarische Tätigkeit im Rahmen einer gewissen Ã-ffentlichkeit ab, doch bin ich nicht deshalb schon geneigt, dieser das Recht zuzugestehen, mir zu sagen - und zu verlangen, daß ich ihr zuhöre -, ob ich meine Sache gut gemacht habe oder wie ich sie hätte machen müssen. Ã-ffentliche Kritik ist weder an Waschmaschinen noch an Herrenhüten üblich . . .«
Wie man sieht, jagt hier ein Irrtum den anderen. Erstens ist öffentliche Kritik an Waschmaschinen und anderen Industrieerzeugnissen inzwischen glücklicherweise üblich geworden. Zweitens ist es sinnlos, Kunstwerke und Erzeugnisse der Industrie auf derselben Ebene zu betrachten. Drittens und vor allem: Jemand, der seine literarischen Versuche der Ã-ffentlichkeit vorlegt, räumt zugleich, ob er dazu geneigt ist oder nicht, der Ã-ffentlichkeit auch das Recht ein, über den Wert dieser Versuche zu befinden. Es mag sein, daß Risse von der deutschen Kritik der fünfziger Jahre, als die meisten seiner Bücher erschienen, nicht ganz gerecht behandelt wurde. Daher versucht er jetzt, das Kind mit dem Bade auszuschütten: Seine Verlagsverträge sind Demonstrationen gegen die Existenz der Kritik schlechthin. Er möchte sie als Institution der literarischen Ã-ffentlichkeit nicht gelten lassen und vermerkt ausdrücklich, für ihn habe der Gedanke, auf Literaturkritik ganz und gar zu verzichten, »etwas Bestechendes«: »Die Kritiker« - fügt Risse hinzu - »könnten sich der Aufgabe zuwenden, bessere Bücher zu schreiben als die Autoren.«
Da haben wir ein deutsches Erzübel, von dem schon oft die Rede war. Und von dem nicht oft genug die Rede sein kann. Es fällt hierzulande vielen schwer, den Geist der Kritik zu akzeptieren oder sich gar mit ihm zu befreunden. Sie wollen und können nicht begreifen, daß literarisches Leben ohne Kritik ebenso undenkbar ist wie parlamentarisches Leben ohne Opposition, daß Kritik ein immanenter Faktor jeder geistigen Betätigung ist und nicht etwa Nörgelei oder Besserwisserei;und ganz gewiß nicht ein Tummelplatz für jene Romanciers oder Lyriker, die gescheitert sind und sich daher an ihren glücklicheren Kollegen rächen möchten. »Ich finde meine Suppe versalzen: darf ich sie nicht eher versalzen nennen, als bis ich selbst kochen kann?« Der Titel der kleinen Arbeit von Lessing, in der dieser Satz steht, lautet: >Der Rezensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt

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