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Literarischer Schutzwall gegen die DDR



Der Schriftsteller Peter Jokostra protestierte gegen eine für den Herbst geplante westdeutsche Ausgabe der Werke von Anna Seghers. Es geht jedoch um weit mehr als um die Bücher der Seghers. Es geht um das literarische Leben in der Bundesrepublik. Mithin sollte dieser Fall - allen Emotionen, die ihn belasten, zum Trotz - mit maximaler Sachlichkeit erörtert werden.

      Mit vier Argumenten, die ich hier in derselben Reihenfolge wiedergebe, begründet Jokostra seinen Protest gegen die vom Luchterhand Verlag vorbereitete Anna Seghers-Ausgabe: 1. Anna Seghers sei als Vorsitzende des DDR-Schriftstellerverbandes »an der Knebelung des freien Wortes, an dem ganzen perfiden Mechanismus des Funktionär- und Parteiapparates aktiv beteiligt«. Sie sei es, die die Errichtung der Berliner Mauer »schweigend hinnahm und als Mitglied ihrer Partei, der SED, sogar billigte und forcierte«.
     
2. Die beabsichtigten Publikationen beleidigten die Gefühle der aus der DDR geflohenen Schriftsteller: »Sie sind von einer Organisation verfemt und zur Flucht gezwungen worden, die Anna Seghers zu ihrer Vorsitzenden wählte.«
3. Anna Seghers habe nichts für die in der DDR verhafteten Schriftsteller wie beispielsweise Wolfgang Harich und Erich Loest getan: »Sie schwieg und ließ sich dekorieren.« Es werden ihre Preise und Orden aufgezählt.
      4. Während sich viele bundesrepublikanische Autoren mit einem geringen Einkommen begnügen müßten, sei Anna Seghers »allein durch ihre Preise, Prämien, Funktionen und Dotationen eine der vermögendsten Persönlichkeiten der >DDRTell< zu erinnern: »Vom sichern Port läßt sich's gemächlich raten.«
Aber Jokostra hat unzweifelhaft recht, wenn er sagt, die Seghers sei »an der Knebelung des freien Wortes« und andern »perfiden Mechanismus« des Parteiapparates beteiligt. Und das ist sein schwerwiegendes Hauptargument. Er bezieht es keinesfalls nur auf die Seghers. Nicht ohne Stolz teilt Jokostra mit, es sei ihm im vergangenen Jahr gelungen, die westdeutsche Ausgabe des Romans >Der Wundertäter < von Erwin Strittmatter zu vereiteln. Im selben »Offenen Brief« protestiert er auch gegen eine etwaige Stephan Hermlin-Publikation des Luchter-hand Verlags. Wer wird von seinen Maßnahmen noch betroffen werden? Hans Mayers Essays sollen im Herbst bei Rowohlt erscheinen. Aber Mayer ist doch Literaturprofessor in Leipzig und Nationalpreisträger und hat nicht öffentlich gegen die Mauer protestiert. Die Deutsche Verlagsanstalt hat zwei Gedichtbände von Johannes Bobrowski publiziert. Ist das zulässig, da doch Bobrowski einen leitenden Posten in einem Ostberliner Verlag bekleidet und ebenfalls nicht öffentlich gegen die Mauer rebelliert hat? Wann ist ein DDR-Schriftsteller noch, wann nicht mehr publikationswürdig für die Bundesrepublik? Jedenfalls scheint es Jokostras Ehrgeiz zu sein, die nicht existierende amtliche Zensur in der Bundesrepublik durch eine private Aktion zu ersetzen. In Beantwortung des Ostberliner »Schutzwalls« will er - wie man sieht nicht ohne Erfolg - einen westdeutschen literarischen Schutzwall errichten.
      Wenn morgen in der DDR ein wichtiges medizinisches oder naturwissenschaftliches Werk erscheint, wird es niemand bezweifeln, daß es richtig ist, dieses Werk in der Bundesrepublikzugänglich zu machen. Der Westen kann es sich nun einmal nicht leisten, die Bemühungen des Ostens auf dem Gebiet etwa der Physik oder der Krebsforschung zu ignorieren. Wo praktische Notwendigkeiten sprechen, schweigen alle Bedenken. Warum sollte es auf dem Gebiet der Literatur eigentlich anders sein? Man stelle sich vor, morgen werde in der DDR ein bedeutender neuer Roman publiziert - das ist zwar sehr unwahrscheinlich, aber doch nicht ganz ausgeschlossen. Dieser Roman wird gewiß in England, Frankreich oder Italien herausgegeben werden. Würde er für die Bundesrepublik weniger wichtig als für die Franzosen oder die Italiener sein, weil er in deutscher Sprache geschrieben wäre ? Und sind für uns nur überragende Werke von Interesse?
1959 erschien drüben Anna Seghers' Roman >Die Entscheidung Gesamtausgabe< der Seghers erscheinen. Das finde ich - da eine solche Edition immer im gewissen Sinne eine Ehrung ist - weder taktvoll noch angebracht. Ein Teil des Werks von Anna Seghers ist auch gänzlich überlebt und wird heute niemanden interessieren - so die aus den dreißiger Jahren stammenden Bücher >Die Gefährten Der Weg durch den Februar< und >Die RettungDas siebte Kreuz < nicht neu ediert werden? Etwa der grundsätzlichen Haltung wegen, die in diesem Buch deutlich wird? Auch ich schätze den von Jokostra zum Kronzeugen berufenen Jürgen Rühle. Erschrieb über das >Siebte Kreuz Das siebte Kreuz Welt< vom 4. August 1962 bespricht Zehm eine westdeutsche Anthologie der DDR-Lyrik mit Gedichten von Kuba, Strittmatter, Zimmering und anderen SED-Autoren. Und siehe da: weder hält der ehemalige DDR-Häftling und Flüchtling Zehm dieses Buch für schädlich noch fühlt er sich gar beleidigt. Er befürwortet diese Edition, die einen Querschnitt des »von der DDR geduldeten, geförderten und manipulierten lyrischen Bestands« bieten soll. Als zweiten Namen führt Jokostra wiederum Rühle an, dessen Buch über die Schriftsteller und den Kommunismus er offensichtlich schätzt. Einverstanden. Wer es aber für richtig hält, daß man sich hier mit Arnold Zweig, Becher und Anna Seghers, Renn und Hermlin beschäftigt, wie es Rühle eben getan hat, der kann sich nicht der Veröffentlichung der kritisierten Werke widersetzen, ohne in den Verdacht zu geraten, er wolle nur Kommentare, jedoch nicht die Quellen zugänglich machen. Das würde ja auf die klassische Propagandataktik der totalitären Staaten hinauslaufen. In der DDR dürfen zwar Bücher über, aber nicht von Kafka erscheinen.
      Schließlich sagt Jokostra dem Verleger der geplanten hiesigen Seghers-Ausgabe, der sich vielleicht damit verteidigen werde, er wolle »dem reinen Geist dienen«: »Im Machtbereich der SED . . . respektiert man Ihre Argumente keineswegs. Man denkt machtpolitisch.« Zweifellos richtig. Will Jokostra, daß man sich hier nur solcher Argumente bedient, die von der SED respektiert werden ? Will er, daß man auch hier »machtpolitisch«denken soll? Nein, das will er, der vor einigen Jahren aus der DDR geflohen ist, natürlich nicht. Aber Jokostra und viele andere Menschen in der Bundesrepublik, die ähnliche Ansichten vertreten, sollten begreifen, daß der literarische Schutzwall, an dem er eifrig bastelt, schädlicher ist, als die Bücher der kommunistischen Autoren es je sein können.
      Und da sich Peter Jokostra mit Vorliebe auf die Gefühle und Gedanken von DDR-Flüchtlingen beruft, sei dies auch mir zum Abschluß erlaubt. Als der Kindler Verlag mitteilte, er müsse »staatsbürgerlicher Bedenken« wegen erst einmal Ehren-burgs Ã"ußerungen prüfen und daher die Veröffentlichung seiner Autobiographie einstweilen unterlassen, schrieb Hans Dietrich Sander, der 1958 in die Bundesrepublik geflohen ist und der, wie sich die Leser der >Welt< seitdem überzeugen konnten, schwerlich als glühender Anhänger des Kommunismus und des Ulbricht-Staates gelten kann: »Der Münchner Verlag sollte lieber prüfen, ob staatsbürgerliche Bedenken< nicht zu jenen Redensarten zählen, mit denen totalitäre Staaten das Recht auf Information zu unterbinden pflegen. Ressentiments sollte man Verbänden neidlos gönnen. Bei der Verbreitung von Literatur haben sie nichts zu suchen.« Dem braucht nichts hinzugefügt zu werden.
     

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