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Kurella, Abusch und der Substantivismus



Der Leiter der Kommission für Fragen der Kultur beim Politbüro des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands in der Deutschen Demokratischen Republik, Professor Alfred Kurella, zeigte sich in einem Interview, das er der Ostberliner Wochenzeitung >Sonntag < gewährt hat, nicht eben zufrieden mit den Künstlern und Schriftstellern des Arbeiter- und Bauernstaates. Unter den jungen Autoren gebe es »einen gewissen Widerstand dagegen, die Politik der Partei zur Richtschnur des künstlerischen Schaffens zu machen«. Manche älteren Künstler hingegen fordern : »Jetzt habt ihr die Grenze zugemacht, jetzt ist alles klar und in Ordnung, und jetzt könnt ihr uns endlich schreiben lassen wie wir wollen.« Hier werde »eine alte Position verteidigt, nicht eine neue gesucht«. Auch ist vom »inneren Widerstand jener Künstler« in der DDR die Rede, »die sich künstlerisch - ohne sich vielleicht selbst darüber ganz klar zu sein - dem > Westen < zurechnen, die gefühlsmäßig und ästhetisch besonders stark auf Kunstleistungen der westlichen Welt reagieren«. Kurzum: man sei in der DDR »auf dem Gebiet der Kunst in einer politisch schon überwundenen Entwicklungsetappe steckengeblieben«.
      Darüber hinaus ist das Interview des Professor Alfred Kurella in stilistischer Hinsicht bemerkenswert. Die Bühne sei »als Mittel der wirklichen Einbeziehung« des Erbes der Ver-gangenheit zu betrachten. »Ãœber die Schaffung einer Reihe von lehrreichen Beispielen« sei man nicht hinausgekommen. Man hört von der »notwendigen Hebung des Bildungsniveaus« und von Maßnahmen »zur Bereicherung unserer Menschen«, »zur Weitung ihres Horizonts« und »zur Entfaltung ihres Gefühls für das Schöne und Große«. Interessant aus sprachlichen Gründen ist auch eine Rede des ehemaligen Kulturministers und jetzigen Stellvertreters des Vorsitzenden des Ministerrates, Alexander Abusch. Er meint, man müsse »die Geistesschaffenden ... zu einem schnellen Aufstieg bringen«. Er spricht von einer Zeit, in der »die Perspektive verwirklicht wird, die Produktion zu einer technologischen Anwendung der modernen Wissenschaft zu machen, den wissenschaftlich-technischen Fortschritt in einem stürmischen Tempo durchzusetzen und die menschliche Persönlichkeit . . . zur Meisterung aller Errungenschaften der Wissenschaft zu befähigen«. Es müsse »die Qualifizierung aller arbeitenden Menschen . . . entwickelt werden«. Der Kulturbund »soll daran mitwirken, daß der Werktätige . . . seine Talente zur Entwicklung bringen kann«.
      Genug der Beispiele. Manes Sperber läßt in seiner Trilogie > Wie eine Träne im Ozean < einen kommunistischen Funktionär der zwanziger Jahre sagen: »Wir können die Durchführung der Vorbereitung der Revolution nur durchführen, wenn wir die Aufzeigung des verräterischen Charakters der SPD-Führung durchführen.« Hierzu meint Sperbers Held: »Eine Führung, die die Tätigkeitswörter vergessen hat und die Handlungen nur in abstrakten Substantiven ausdrücken kann, die sie ewig mit durchführen < verbindet, wird weder die Revolution vorbereiten, noch irgendeinen verräterischen Charakter erfolgreich entlarven.« Tatsächlich haben die führenden Persönlichkeiten der Kommunistischen Partei Deutschlands in den Jahren der Weimarer Republik dem Substantivismus, der Vorliebe für künstliche Hauptwörter, mit denen Handlungen bezeichnet werden, mit Ausdauer gehuldigt. Die stilistischen Eigentümlichkeiten des Professor Alfred Kurella und des Alexander Abusch werden also durch eine ehrwürdige Tradition geadelt.
      Gänzlich neu hingegen scheint mir der Umstand zu sein, daß es in der DDR bereits Sprachwissenschaftler gibt, die sich bemühen, diese stilistischen Besonderheiten zu rechtfertigen. In der Ostberliner Monatsschrift >Neue Deutsche Literatur < wird ein im VEB Verlag Sprache und Literatur,

Halle, erschienenes Buch von Dieter Faulseit und Gudrun Kühn über Stilistische Mittel und Möglichkeiten der deutschen Sprache< besprochen. Die Rezensentin meint: »Beachtenswert ist, daß den ung-Bildungen und damit dem Nominalstil von Presse und Behörde eine gewisse Berechtigung zugesprochen wird. Im Sprachstil von Wissenschaft und Publizistik sind wir auf die gedankliche Verdichtung des Nominalstils angewiesen... Auch im literarischen Kunstwerk wird deshalb hin und wieder zu ausgesprochen nominalen Wendungen gegriffen. Daher ist auch einleuchtend, daß der Sprachstil des öffentlichen Verkehrs vorwiegend Nominalstil ist. Mit seiner Hilfe können komplizierte Verschachtelungen vermieden werden.«
Zögernd setzt die Rezensentin hinzu: »Allerdings führt er unter Umständen zum sogenannten Papierstil . . . Dann ist der Nominalstil tatsächlich eine Gefahr für unsere Sprache.« Doch meint die Rezensentin mit diesen warnenden Sätzen ganz gewiß nicht den Stil des Professor Alfred Kurella und des Alexander Abusch.
     

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Kurella,  Abusch  der  Substantivismus      

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