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Konkurrenzdruck und Qualität



Wenn ein Buch gut verkauft wurde, brachte es Geld ein. Wenn es schlecht verkauft wurde, brachte es kein Geld ein. So war es früher: Es gab nur diese zwei Möglichkeiten. Heute gibt es noch eine dritte Möglichkeit: Ein Buch wird schlecht verkauft und bringt viel Geld ein. Warum? Weil der geschäftliche Erfolg eines Romans etwa oder eines Novellenbandes nur zu einem geringen Teil vom Absatz der eigentlichen Ausgabe abhängt, zum großen Teil aber vom Verkauf der sogenannten Zweitrechte und vor allem der Nebenrechte - für Fernsehen, Film und Funk.

      Was geschieht mit den Produkten, die auf Grund dieser Zweit- und Nebenrechte entstehen? Die Taschenbuchverlage und die Buchgemeinschaften bringen zwar - wie bisher - das Originalwerk, doch können lediglich die Taschenbücher vom Abnehmer einzeln gekauft werden, da ja die Buchgemeinschaften die Leseware im Abonnement liefern. Fernsehen, Film und Funk bieten hingegen nicht das Originalwerk, sondern eine ihrem Medium entsprechende Bearbeitung. Und bekanntlich ist das Programm von Funk und Fernsehen nur en bloc zu haben - gegen eine monatliche Pauschalgebühr. Hieraus geht hervor, daß über den finanziellen Erfolg eines Buches in der Regel nicht die einzelnen Konsumenten entscheiden, die es in der ursprünglichen Ausgabe oder in der Taschenbuchausgabe kaufen. Es entscheiden einige Funktionäre: Fernseh-Manager, Filmproduzenten, Rundfunk-Würdenträger und Buchgemeinschafts-Di-rektoren.
      Es mag sein - wir wollen Optimisten sein -, daß sich die Machthaber in den Buchgemeinschaften auch ein wenig um die literarische Qualität des Buches kümmern, das sie in ihr Programm aufnehmen. Die Film-, Fernseh- und Rundfunk-Leute, die Stoffe suchen, haben jedoch keineswegs die Aufgabe, den literarischen Wert eines Buches zu prüfen, sondern die Möglichkeit seiner Bearbeitung für ihr Medium. Sie legen also - und das ist ihr gutes Recht - ganz andere Maßstäbe an als etwa die Literaturkritiker oder die Leser. Daß ein guter Roman oder eine gute Erzählung nicht die geringste Gewähr für einen einigermaßen anständigen Film bieten, hat sich unter den Leuten der Branche längst herumgesprochen. Es ist durchaus kein Zufall, daß als Vorlage zu dem besten deutschen Nachkriegsfilm der mehr als mäßige Roman >Die Brücke < von Manfred Gregor gedient hat, während aus den genialen Buddenbrooks... Im Fernsehen hat sich diese Erkenntnis noch nicht durchgesetzt. Aber es ist anzunehmen, daß die Fernseh-Leute innerhalb des nächsten Jahrzehnts lernen werden, aus schlechten Büchern mitunter gute Filme zu machen. Vorerst machen sie mit Vorliebe aus guten Büchern schlechte Filme. Gleichviel - der ungeheuere Bedarf des Films, des Fernsehens und des Rundfunks wird in absehbarer Zeit nicht durch Originalarbeiten gedeckt werden können. Diese Medien werden weiterhin auf die Verarbeitung literarischer Vorlagen -vor allem von Romanen, Erzählungen, Kurzgeschichten und Dramen - angewiesen sein.

     
Wie wirkt sich nun diese Konstellation auf die Literatur aus ? Es stört mich nicht im geringsten, daß Schriftsteller versuchen, für Film, Fernsehen und Funk zu schreiben - ich halte es sogar für dringend nötig. Aber es kann, befürchte ich, nicht viel Gutes daraus entstehen, wenn ein Schriftsteller während der Arbeit an einem Novellenband bereits die Verwertbarkeit seiner Produkte in anderen Medien anstrebt, wenn ein junger Autor, der seinen ersten Roman schreibt, von einer kleinen weißen Steckkarte träumt: »Das Buch zum Film« oder »Demnächst im Fernsehen«. Und reden wir uns nicht ein, dies seien nur dritt-klassige Autoren - dem Druck der Verhältnisse kann sich kaum jemand ganz entziehen, selbst wenn er über ein beachtliches Talent verfügt.
      Nicht weniger bedenklich scheint mir der mittelbare Einfluß zu sein, den die »Nebenrechte-Erwerber« auf die junge Literatur ausüben - nämlich über die Verleger. Wenn Verleger, die bekanntlich nicht Hohepriester der Kunst, sondern Geschäftsleute sind, etwas von ihrem Beruf verstehen, dann haben sie einen guten Spürsinn für die Konjunktur. Da sie mit Recht voraussehen, daß in nächster Zukunft - unter anderem im Zusammenhang mit neuen Fernsehprogrammen- der Bedarf an literarischen Vorlagen wachsen wird, reißen siesichletztens mehr denn je um die einigermaßen druckbaren Anfänger, Erzähler zumal.
      Ja, aber wenn Verleger sich um neue Schriftsteller so intensiv bemühen, dann sollte das doch eigentlich gut sein für die Literatur? Leider ist das nicht so. Dieter WellershofT, Lektor für deutsche Literatur im Kölner Verlag Kiepenheuer und Witsch, schreibt in der >Deutschen Zeitung < vom 14./15. April 1962: »Die These, daß Konkurrenzdruck die Qualität steigere, gilt kaum für die Buchproduktion. Gegenbeweis sind die vielen übereilten Bücher, die in der vagen Hoffnung, sich vor den anderen einen entwicklungsfähigen Autor zu sichern, trotz aller Bedenken gedruckt wurden und denen dann mittelmäßige zweite, dritte und weitere Bücher folgten, weil sich jemand, der sich gedruckt sieht, meistens auch berufen glaubt.« Und Max Schmid, literarischer Leiter des Züricher Fretz und Wasmuth Verlages, erklärt in derselben Nummer der >Deutschen Zeitung Die Grenzen der Literaturkritik < betont T. S. Eliot, daß es zu den Pflichten des Kritikers gehört, »zu zeigen, woran man keine Freude haben soll«, sowie »das Zweitrangige zu verdammen und das Schwindelhafte zu entlarven«. In den jetzt kommenden Jahren werden wir Kritiker gezwungen sein, diesen Pflichten besonders häufig nachzukommen. Ich hoffe, daß ich mich irre.
     

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