Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Wer schreibt provoziert

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Ist das Leichte gleich verächtlich ?



Macht der Erfolg einen Schriftsteller verdächtig? Muß der Romancier, der sich der Gunst des Publikums erfreut, ein schlechtes Gewissen haben ? Ist es mit der Würde eines Künstlers unvereinbar, Bücher zu schreiben, die sich auch für die Eisenbahnlektüre eignen? Sollten wir von dem Autor, der dem Unterhaltungsbedürfnis der Leser entgegenkommt, erwarten, daß er sich schämt? In der angelsächsischen oder romanischen Welt mögen solche Fragen geradezu unsinnig scheinen. In Deutschland sind sie leider, befürchte ich, weder abwegig noch überflüssig. Das hat nichts mit der Qualität der deutschen Literatur zu tun, wohl aber mit der ihr seit alters her zugewiesenen Rolle.

      Nichts liegt mir ferner, als etwa über den ehrwürdigen Traum von der »heil'gen deutschen Kunst« herzuziehen. Da gibt es nichts zu spotten. Ihm verdanken wir unendlich viel. Die Sehnsucht nach dem erhabenen und erlösenden Wort hat jedoch hierzulande eine hochmütige Geringschätzung jener Literatur zur Folge gehabt, die sich damit begnügte, für den täglichen Bedarf des Publikums zu sorgen. Das vom Bildungsehrgeiz getriebene deutsche Bürgertum des vergangenen Jahrhunderts suchte Nachfolger für den verwaisten Thron von Weimar. Es schmachtete nach Dichterfürsten. Aber es weigerte sich, das schriftstellerische Handwerk zu respektieren. Es träumte vom edlen Sänger, der auf der Menschheit Höhen wohnen sollte. Aber vom Literaten wollte es nichts wissen. Und während die Engländer und Franzosen ihren großen Unterhaltungsautoren -denn was anderes waren Balzac oder Dickens? - im Poetenhimmel die ehrenvollsten Plätze zuwiesen, wurde in Deutschland der Begriff »Unterhaltungsliteratur« fast zum Schimpfwort. Der Unterdrückung des Eros durch die christlichen Kirchen entsprach nun die mit fataler Konsequenz angestrebte Verketzerung des Amüsements durch das Bildungsbürgertum.
      Auf die Dauer läßt sich jedoch das Amüsement nicht fortjagen. Gewaltsam vertrieben, kommt es durch die Hintertür wieder hinein. Kein Zweifel, wenn sich die Schriftsteller dem Geschmack der Leser unterwerfen, kann es um die Literatur nicht gut bestellt sein. Wo indes andererseits die künstlerischanspruchsvolle Literatur glaubt, das Publikum ignorieren zu dürfen, schlägt die große Stunde der Pseudokunst. Es triumphiert der bare Schund. Statt nach des Tages Arbeit das Land der Griechen mit der Seele zu suchen, wie es das akademische Bildungswesen vom deutschen Leser erwartete, warf er sich an den Busen der Eugenie Marlitt und später der Hedwig Courths-Mahler. Und floh zu Ganghofer oder zu Karl May. So wurde Deutschland die klassische Heimat des Kitsches.
      Der Bann, mit dem man die unterhaltende Funktion der Literatur im 19. Jahrhundert belegt hat, lastet auf einem beträchtlichen Teil der deutschen Kritik bis heute, von der Universitätsgermanistik ganz zu schweigen. Das Amüsante gilt als unseriös, dem Charme mißtraut man, das Leichte hat es schwer, das Spannende wird als dubios empfunden und das Witzige als undeutsch denunziert. Fontane erzählte amüsant, leicht und spannend, mit Charme und Witz. Weder schrieb er mit dem Rücken zum Publikum, noch hat er sich an der Kunst versündigt. Die Folge? Ein halbes Jahrhundert lang ist er von der offiziellen deutschen Literaturwissenschaft wenig beachtet oder geradezu abgewertet worden. Bis zum Zweiten Weltkrieg stammten die Fontane-Monographien fast ausnahmslos von Einzelgängern und Außenseitern. Und es scheint mir kein Zufall zu sein, daß die bedeutendsten Arbeiten über Fontane -von Lukäcs bis Demetz - außerhalb Deutschlands entstanden sind.
      Bringt also das Kurzweilige den deutschen Autor in Verruf? Nein, das wäre natürlich übertrieben. Aber das Langweilige, das sich würdig gibt, hat in Deutschland immerhin die größere Chance, ernst behandelt zu werden. Sogar die schwächsten expressionistischen Hymniker werden respektvoll analysiert. Die Beschäftigung mit den Versen Erich Kästners überläßt man hingegen lieber dem Ausland. Gewiß, sie werden heutzutage auch von deutschen Literarhistorikern nicht ignoriert und in der Regel wohlwollend erwähnt, doch meist in jenem herablassenden Ton, der dem Leser zu dem Schluß verhelfen soll, es handle sich um Erscheinungen am Rande dessen, was man als Literatur zu betrachten gewohnt sei. Im Hintergrund lauert ein nahezu tödlich gemeintes Wort: Kabarett.
      Ein anderes Beispiel: die Romane Friedrich Dürrenmatts. Sie finden unzählige Leser und wenige Kritiker. Nicht einmal der Weltruhm seiner Bühnenstücke vermochte diese Romane für die Literaturbetrachtung salonfähig zu machen. Schonim Jahre 1955 schrieb Dürrenmatt: »Die Literatur muß so leicht werden, daß sie auf der Waage der heutigen Literaturkritik nichts mehr wiegt: Nur so wird sie wieder gewichtig.« - Ist dieses Bekenntnis zur Leichtigkeit als Programm zu verstehen? Wohl eher als Protest gegen eine Kritik, die vergißt, für wen Bücher und Stücke bestimmt sind: für das Publikum. Bei Brecht wiederum findet sich der Satz: »Seit jeher ist es das Geschäft des Theaters, wie aller andern Künste auch, die Leute zu unterhalten.« Und da Brecht die Provokation liebte, fügte er gleich hinzu: »Dieses Geschäft verleiht ihm immer seine besondere Würde.«
Wer Brecht hier folgen will, muß zu dem Ergebnis kommen, daß eine der wichtigsten Aufgaben der Kritik darin besteht, zu prüfen, ob die Literatur unserer Zeit die Leute unterhalten kann; und ob das, was die Leute in unserer Zeit unterhält, Literatur ist. Wenn wir eine solche, freilich sehr schwierige Fragestellung - denn was unterhält eigentlich wen ? - ausklammern oder auch nur vernachlässigen, riskieren wir, daß die Kluft, die die zeitgenössische Literatur, die deutsche zumal, von ihren potentiellen Abnehmern trennt, immer größer werden wird. Der übliche Einwand, moderne Kunst könne meist nur für eine Minderheit verständlich sein, weshalb diese Kluft unvermeidbar sei, ist natürlich richtig. Daß sie sich aber verringern läßt, ohne daß die Kunst an sich selber Verrat begeht, und daß hierzu gerade die Kritik viel beitragen kann, scheint mir ebenso sicher.
      Wir riskieren ferner, daß die Literatur ihren traditionellen Wirkungsbereich verliert, weil es dem enttäuschten oder überforderten Leser heute leicht gemacht wird, auf das Buch zu verzichten: Er hat die Möglichkeit, ganz und gar zu anderen und nicht unbedingt verächtlichen oder minderwertigen Formen der Unterhaltung überzugehen. Dieser Prozeß ist längst im Gange. Noch werden allerdings in Deutschland Bücher nicht nur geschrieben und gedruckt, sondern mitunter auch gelesen. Indes: sind es dieselben Bücher, über die wir uns in den Literaturblättern und Zeitschriften verbreiten? Auf einige Titel jährlich trifft dies bestimmt zu. Aber eben nur auf einige. Sonst gehen die Wege von Kritik und Publikum auseinander. Was die Kenner beschäftigt, findet dank intensiver Werbung zwei- bis dreitausend Leser, nein, seien wir vorsichtiger, zwei-bis dreitausend Käufer. Und was Hunderttausende genießen, kümmert die Kenner nicht.
      »Du könntest in Gefahr kommen, nur für Gelehrte zu dich-ten!« - warnte Friedrich Schlegel seinen Bruder August Wilhelm. Und aus der Zeit des »Jungen Deutschland« stammt das böse Wort, es sei das Schicksal der deutschen Literatur, »geschrieben zu werden von Literaten für Literaten«. Ich habe nichts gegen eine Dichtung für Gelehrte. Ãoberflüssig ist sie nicht. Ich liebe vieles, was Literaten für Literaten schreiben. Und ich möchte es auf keinen Fall missen. Was schließlich jene produzieren, die Avantgardisten von Beruf sind, stört mich nicht. Soll jedoch eine solche bisweilen interessante, oft unlesbare und immer esoterische Literatur tatsächlich vorherrschen? Wir können, denke ich, nicht oft genug daran erinnern, daß es das Geschäft der Künste ist, »die Leute zu unterhalten«. Auch der modernen Künste.
     

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