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In Sachen Literaturkritik



Hat man sich eigentlich in der deutschsprachigen Welt je so intensiv und gründlich für die Literaturkritik der Vergangenheit und der Gegenwart interessiert wie in der letzten Zeit? Nein, man hat es nicht. Diese Behauptung mag zunächst verwundern und frappieren. Denn sie steht im Widerspruch zu den landesüblichen Klagen. Aber nicht zu den Tatsachen, die sich leicht nachprüfen lassen.

      Im Artemis Verlag erscheint seit 1962 die von Emil Staiger herausgegebene Reihe »Klassiker der Kritik«. Hans Mayers vorher in der DDR veröffentlichte und fast tausend Seiten umfassende Anthologie >Meisterwerke deutscher Literaturkritik-Aufklärung, Klassik, Romantik < hat der Goverts-Verlag zu-gänglich gemacht. Dem Deutschen Taschenbuchverlag verdanken wir eine von Gerhard F. Hering bearbeitete Sammlung >Meister der deutschen Kritik Deutschen Buchkritik< von Anni Carlsson und erscheint demnächst Northrop Fryes >Ana-lyse der Literaturkritik Zeit< las man in den letzten Monaten vier grundsätzliche Artikel über diese Problematik: von Hans Mayer, Benno von Wiese, Peter Demetz und Walter Boehlich. Das in Norddeutschland viel und in Süddeutschland wenig gelesene Hamburger >Sonntagsblatt< hat in der Nummer vom 15. März 1964 mit einem Aufsatz von Karl August Horst eine Serie begonnen, in der sich bekannte Kritiker im Selbstporträt vorstellen sollen.
      Der Westdeutsche Rundfunk veranstaltet seit über einem Jahr eine höchst originelle Sendereihe unter dem Titel Selbstkritik der Kritiker Plädoyer für das Positive in der modernen Literatur < kann man, vom Autor vorgetragen, auf einer Langspielplatte genießen, die der Neske Verlag feilhält. Schließlich muß man die vielen Kolloquien und Symposien, Podiumsdiskussionen und Rundfunkgespräche erwähnen, vor allem das von der Westberliner Akademie der Künste im November 1963 veranstaltete Kolloquium, an dem rund fünfzig Kritiker teilgenommen haben und dessen Thema lautete: »Maßstäbe und Möglichkeiten der Kritik zur Beurteilung der zeitgenössischen Literatur«.
      Sofort könnte man einwenden, dies alles lasse ja noch nicht auf die Qualität der Kritik schließen. Das ist natürlich richtig. Niemand wird so leichtsinnig sein, zu behaupten, die heutige deutsche Literaturkritik sei gut. Aber so schlecht sie auch sein mag - wann war sie in diesem Jahrhundert besser? Bestimmt nicht in den letzten drei Dezennien. Und in der Weimarer Republik? Darf man übersehen, daß die Zahl der literarkritischen Bücher aus den zwanziger Jahren, deren Neudruck sich heute lohnen würde, nur sehr gering ist? Man beschränke sich nicht auf die Lektüre der in den Auswahlbänden gebotenen Rosinen, sondern lese auch das, was damals im >Berliner Tageblatt < und in der >Vossischen Zeitung Weltbühne < oder in der literarischen Welt< über Schriftsteller und Bücher geschrieben wurde - und man wird sich gezwungen sehen, die Leistungen der heutigen Kritik, mag sie auch in vielen Fällen fragwürdig sein, nachsichtiger zu beurteilen.
      Als unbestritten kann gelten, daß die Rolle der Kritik in den letzten Jahren erheblich größer geworden ist. Man braucht die Kritiker, man kümmert sich um sie. Und fast entsteht der Eindruck, Heimito von Doderer habe nur wenig übertrieben, als er sagte, der Kritiker sei »Mittelpunkt des literarischen Kosmos, der um ihn kreist«. Nun schön. Wenn aber alles so gut ist, warum ist es dann doch so schlecht?
Vielleicht kommen wir etwas weiter, wenn wir die schlichte Frage stellen, worauf es denn eigentlich zurückzuführen ist, daß die Ã-ffentlichkeit der Kritik mehr Aufmerksamkeit als früher widmet. Weil das Interesse für die deutsche Gegenwartsliteratur in letzter Zeit gewachsen ist ? Weil man endlich auch in Deutschland die fatalen Folgen erkannt hat, die sich sofort bemerkbar machen, wenn man die Kritik nicht duldet? Weil man sich alsoihrer Bedeutung für die Literatur und für das ganze geistige Leben bewußt geworden ist ? Weil die Arbeit der Kritiker jetzt -alles in allem - höheren Ansprüchen genügen kann als vor mehreren Jahren? Weil wir in einem alexandrinischen Zeitalter leben? Das alles mag in einem gewissen Maße zutreffen, nur gibt es noch eine andere, sehr prosaische und möglicherweise wichtigere Ursache.
      Die Buchverlage, Zeitungen und Zeitschriften, Rundfunksender und Akademien haben aus diesen oder jenen Gründen ein gewaltiges literarisches Leben angekurbelt, dessen Anforderungen die Literatur nicht mehr erfüllen kann. Ein Symptom dieses Zustandes ist die Flut der Anthologien. Da es nicht genug Schriftsteller gibt und es daher schwierig wird, in ausreichendem Maße druckbare Buchmanuskripte zu beschaffen, stellt man immer wieder kleinere Manuskripte verschiedener Autoren zusammen: Aus Erzählungen, Dramen, Gedichten, Kurzgeschichten, Hörspielen, Essays, Rezensionen, Reportagen, aus Zeitungsartikeln und Rundfunksendungen jeglicher Art lassen sich rasch Sammelbände machen. Schriftsteller werden aufgefordert, zu sagen, warum sie in der Bundesrepublik leben und warum sie nicht in der Bundesrepublik leben, welche Schwierigkeiten sie beim Schreiben der Wahrheit haben, ob sie an Gott glauben und was sie von der deutschen Provinz halten.
      Zu den Folgen dieses Zustandes, der Disproportion also zwischen dem literarischen Betrieb und der tatsächlichen literarischen Produktion, gehört auch die wachsende Teilnahme an der Kritik und die Sorge um die Kritiker. Treffend bemerkt Karl August Horst in dem oben erwähnten Artikel: »Wenn es der Literatur gut geht, spielt das Befinden des Kritikers eine ziemlich untergeordnete Rolle.« Ist es aber um die Literatur weniger gut bestellt, dann befasse man sich damit, »die Fermente, Salze und Konservierungsmittel, die der Kritiker verwendet, aufmerksam zu analysieren«. Mithin steht das starke Interesse für die Kritik nicht zuletzt im Zusammenhang mit der Not der Literatur in diesen Jahren. So desillusionierend eine derartige Feststellung auch sein mag, so wenig sollte sie uns Kritiker entmutigen und hindern, die Chance wahrzunehmen, die uns von der literarischen Ã-ffentlichkeit geboten wird. Und diese Chance werden wir, meine ich, nur dann wirklich wahrnehmen können, wenn wir eine Kritik anstreben, die im Dienste des Lebens steht. Also der Gegenwart. Also der Gesellschaft. Horst schreibt: »Der Kritiker, der sich von jeher in den Grenzbezirken aufgehalten hat, fühlt sich heute mehr denn je an den Rand gedrängt, an jenen Rand, wo die Entscheidung für oder gegen das Humane immer noch aussteht und in ihrer ganzen Schwere seinem Gewissen auferlegt ist.« Jawohl, darum vor allem geht es.
     

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