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In der Sache Oppenheimer und Kipphardt



Da der italienische Physiker Galileo Galilei 1642 gestorben ist, hat er gegen das Schauspiel >Leben des Galilei < des deutschen Stückeschreibers Bertolt Brecht nicht protestiert. Da jedoch der amerikanischePhysiker J. RobertOppenheimer glücklicherweise lebt, hat er natürlich gegen das Schauspiel >In der Sache J.Robert Oppenheimer < des deutschenStückeschreibers Heinar Kipphardt Einspruch erhoben. Natürlich? Ja, ich finde den Schritt des großen Gelehrten verständlich und natürlich. Warum?


Oppenheimer wirft Kipphardt »Improvisationen« vor, »die der Geschichte und der Natur der betroffenen Leute widersprechen«. Dafür führt er drei Beispiele an. Er beanstandet eine nicht zutreffende Behauptung über den Physiker Niels Bohr. Kipphardt antwortet, diese Behauptung sei in seinem Stück überhaupt nicht vorhanden; bei der Erwähnung Bohrs handle es sich nur um »eine winzige Episode«, die er - da er den ganzen Zusammenhang, auf den sie anspielt, nicht darstellen könne -streichen wolle. Das erste Beispiel betrifft also eine Marginalie. Das zweite scheint mir wichtiger zu sein: Es stimme nicht, daß man Oppenheimer keine Gelegenheit zu einem Schlußwort gegeben habe. Dieser Vorwurf bezieht sich jedoch nicht auf Kipphardts Stück, sondern auf seinen im Programmheft gedruckten Artikel, in dem er das Verhältnis des Schauspiels zu den Dokumenten darlegt. Schließlich erklärt Oppenheimer, er habe niemals seine »Beteiligung am Bau der Atombombe . . . bedauert«. Kipphardt antwortet, es gebe in dem Stück »keine Stelle«, die derartiges behaupte.
      Keines dieser drei Beispiele überzeugt mich. Daher glaube ich, daß es Oppenheimer nicht gelungen ist, seinen Protest zu belegen. Warum hat er dennoch - und mit Recht - protestiert? In einem Kommentar vom 11. November 1964 meint die >Süddeutsche Zeitung Süddeutsche Zeitung< bietet noch eine zweite Vermutung an: »Womöglich sieht der voll Rehabilitierte seinen Fall heute anders, als er ihn noch vor einem Jahr sah, bevor ihm Präsident Johnson, in Erfüllung des Wunsches von John F. Kennedy, den Enrico Fermi-Preis verlieh.« Grob ausgedrückt: bare Eitelkeit oder Unaufrichtigkeit, die sich vielleicht sogar der Korruption nähert. So einfach darf man es sich nicht machen. Denn einem Mann wie Oppenheimer sollte man nicht billige oder subalterne Motive unterstellen - zumal andere auf der Hand liegen.
      Alle in Kipphardts Stück erscheinenden Tatsachen sind zwar der historischen Wirklichkeit entnommen, aber er hat diese Wirklichkeit verändert und umgewandelt. Was sich im Frühjahr 1954 vor der Atomenergie-Kommission der Vereinigten Staaten abgespielt hat, wurde von ihm konzentriert, oft anders angeordnet und oft anders formuliert. Er bemühte sich -laut eigener Aussage - »die Worttreue durch Sinntreue zu ersetzen«. Es schienen ihm auch »einige Ergänzungen und Vertiefungen erforderlich«. Aus den drei Verteidigern Oppenheimers machte er zwei, aus den vierzig Zeugen, die damals gehört wurden, machte er sechs. Er läßt seine handelnden Personen Monologe sprechen, die er versucht, »aus der Haltung zu entwickeln, die von den Personen im Hearing und bei anderer Gelegenheit eingenommen wurde«. Er läßt den Physiker Edward Teller Gedanken vorbringen, die dieser in Wirklichkeit nicht vor der Atomenergie-Kommission, sondern in Reden und Aufsätzen geäußert hat. Und er läßt Oppenheimer ein Schlußwort sprechen, das von ihm nie gesprochen wurde. Dies alles und manches andere hat Kipphardt getan, weil er - wie er ausdrücklich betont - dem Ratschlag Hegels folgen wollte, der in seiner >Ã"sthetik< dem Dramatiker empfahl, den »Kern und Sinn« einer historischen Begebenheit aus den »umherspielenden Zufälligkeiten und gleichgültigem Beiwerke des Geschehens« freizulegen, »die nur relativen Umstände und Charakterzüge abzustreifen und dafür solche an die Stelle zu setzen, durch welche die Substanz der Sache klar herausscheinen kann«.
      Aber ein J. Robert Oppenheimer oder ein Edward Teller, von denen der Bühnenautor die »nur relativen Umstände und Charakterzüge« abgestreift hat, sind nicht mehr identisch mit den realen Gestalten. Und können es auch nicht sein. Es ist daher nicht verwunderlich, daß Oppenheimer weder sich noch andere in dem Stück auftretende Persönlichkeiten wiedererkennen kann. Daß er die Ã"nderungen als »Improvisationen« empfindet. Daß er gegen eine Bühnengestalt Einspruch erhebt, die den Namen J. Robert Oppenheimer trägt und deren Ã"ußerungen und Reaktionen mit den seinigen sehr viel gemein haben, aber doch nie ganz übereinstimmen. Also: ein verständlicher, ein berechtigter Protest.

     
Hat somit der Autor Kipphardt falsch gehandelt? Er war nicht um eine Montage von historischen Zeugnissen bemüht, sondern - so seine Gattungsbezeichnung - um ein »Schauspiel, frei nach Dokumenten«. Er beabsichtigte, »ein abgekürztes Bild des Verfahrens zu liefern, das szenisch darstellbar ist, und das die Wahrheit nicht beschädigt«. Wollten wir dem Bühnenautor - schreibt Kipphardt in der >Welt< vom 11. November 1964 - das Recht bestreiten, das dokumentarische Material zu verwandeln, »dann würden wir der Bühne das Recht auf die Behandlung der Zeitgeschichte bestreiten«. Vor allem aber erklärt er: »Wenn die Wahrheit von einer Wirkung bedroht schien, opferte ich eher die Wirkung.« Niemand konnte bisher beweisen - auch Oppenheimer nicht -, Kipphardt sei von diesem seinem Grundsatz in irgendeinem wesentlichen Punkt abgewichen. Er hat überdies sowohl im Programmheft als auch in der gedruckten Fassung des Stückes eindeutig auf die Ã"nderungen hingewiesen, die er für statthaft und nötig hielt.
      Ist also Kipphardt in bester Ordnung ? Ja, fast - aber doch nicht ganz. Im Augenblick, da er seinen den realen Persönlichkeiten zwar treu nachgebildeten, jedoch nicht kopierten, sondern - glücklicherweise - retuschierten und konzentrierten und natürlich auch simplifizierten Bühnenfiguren die wirklichen Namen ihrer lebenden Vorbilder gab, ermöglichte er das Mißverständnis, er habe die vollkommene Ãobereinstimmung des szenischen Geschehens mit der historischen Realität angestrebt, während es ihm ja, wie es sich für einen Dramatiker gehört, um »Kern und Sinn« der Angelegenheit ging. Indem er für seine Figuren die wirklichen Namen verwendete, hat er, befürchte ich, in einem tieferen Sinne die Wahrheit eben der Wirkung geopfert, was in diesem Fall verzeihlich sein mag, aber nicht notwendig war.
      Man sage nicht, Namen seien Schall und Rauch. In Werken der Literatur sind Namen immer wichtig - oder sollten es jedenfalls sein. Gerade in diesem Stück hätte der Verzicht auf die realen Namen zu erkennen gegeben, daß es sich nicht um den Mann Oppenheimer, sondern um den Fall Oppenheimer handelt. Günter Grass wußte, was er tat, als er den Helden seines jetzt entstehenden Stückes >Die Plebejer proben den Aufstand< nicht »Bertolt Brecht«, sondern »der Chef« nannte.
      Kipphardt schreibt: »Es muß doch auch nach Auschwitz einem deutschen Schriftsteller erlaubt sein, Kernfragen seiner Zeit zu behandeln.« Es ist nicht nur erlaubt, es ist im höchsten Maße erwünscht und erforderlich. Und es scheint mir allzu bequem und in der Regel nicht sehr wirkungsvoll, sich gerade dieser Fragen in szenischen Allerweltsparabeln anzunehmen -in Stücken also, die überall und immer spielen. Und daher nirgends und nie. Das Zeitstück muß, meine ich, so konkret wie möglich sein. Man braucht es Heinar Kipphardt nicht zu sagen -denn dies ist gerade der Weg, den er als Dramatiker geht. Nur ist er in dem Schauspiel >In der Sache J. Robert Oppenheimer< auf diesem Weg vielleicht einen kleinen Schritt zu weit gegangen. Was freilich nichts an der Tatsache ändert, daß wir ihm für ein vorzügliches Theaterstück zu danken haben.
     

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