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Immer noch im Exil
Hermann Kesten hat sich über Gottfried Benn mehrfach ungerecht und töricht geäußert. Aber darf man deshalb so ungerecht und töricht über Hermann Kesten schreiben, wie dies in letzter Zeit manche Kritiker in der Bundesrepublik und in der Schweiz tun? Sein Verhalten in der berüchtigten Mailänder Uwe Johnson-Affäre Ende 1961 hatte zur Folge, daß viele an der Integrität dieses integren Mannes zweifelten und tatsächlich zweifeln mußten. Aber darf man deshalb seine außerordentlichen Verdienste um die deutsche Literatur verschweigen ?
In jener Zeit, da in Deutschland Bücher und Menschen verbrannt wurden und manche, die hätten helfen können, es vorzogen, untätig zu bleiben, hat Kesten, selber ein Vertriebener, das Leben vieler deutscher Schriftsteller gerettet. Darf man das so rasch vergessen?
Viele publizistische Arbeiten Kestens scheinen mir bedenklich und sogar gefährlich zu sein. Ich fürchte seine Einseitigkeit. Daher hielt ich es für nötig, gegen diese Arbeiten bei verschiedenen Gelegenheiten nachdrücklich zu protestieren. Ich glaube jedoch, daß wir diejenigen, die Kesten mit unverhohlener Schadenfreude attackieren und deren Integrität keineswegs als sicher gelten kann, noch mehr fürchten müssen. Der Fall Hermann Kesten - denn wir haben es längst mit einem Fall zu tun -ist symptomatisch: Er erinnert uns an die Kluft, welche die Schriftsteller, die im Exil waren und es meist immer noch sind, häufig vom deutschen Publikum trennt.
Francois Mauriac sagte über Thomas Mann: »II a maintenu durant la traversee du tunnel hitlerien la gloire du genie alle-mand.« Daß dies nicht nur auf Deutschlands größten Romancier zutrifft, sondern auch auf den besten Teil der Exilliteratur, wird höchstens von Verblendeten und Ignoranten bestritten. Aber es scheint mir ebenso sicher zu sein, daß die Wiedereinbürgerung der Werke dieser Schriftsteller in der Bundesrepublik im Grunde nicht erfolgt ist. Mit vielen bemerkenswerten Zeugnissen der Exilliteratur sind die hiesigen Leser überhaupt nicht oder zu spät oder nur unzulänglich konfrontiert worden. Und auch da, wo ernsthaft versucht wurde, diese Literatur zuintegrieren, blieben die Ergebnisse meist spärlich. Warum eigentlich ?
Falsch wäre es, wollten wir die Schuld bei den westdeutschen Verlegern und Lektoren, den Redakteuren und Kritikern suchen. Viele von ihnen haben ihren guten Willen hinreichend bewiesen. Ist also das Publikum schuld, das für die Bücher der Exilautoren in der Regel nur wenig Verständnis zeigte?
Gewiß läßt sich einiges mit der Vergänglichkeit des literarischen Werks erklären. Manche hervorragenden Dichter, die in der Verbannung gestorben sind, gehören mit ihrem Hauptwerk dem wilhelminischen Zeitalter an - so Alfred Mombert und Karl Wolfskehl. Manche Expressionisten, die 1920 in aller Munde waren - Walter Hasenclever und Ernst Toller etwa -wurden schon um 1930 als etwas antiquiert empfunden und sind heute eigentlich nur noch für den Literaturhistoriker von Bedeutung. Andere Autoren haben in den Jahren der Weimarer Republik zwar Weltruhm geerntet, aber ihren Werken kann man schwerlich literarische Bedeutung zuerkennen - dies gilt, beispielsweise, für Emil Ludwig. Aber selbst das Werk eines wahrhaft säkularen Schriftstellers wie Heinrich Mann ist zum größten Teil längst verblaßt.
Nichts vermag also den Flugsand der Zeit aufzuhalten. Auch keine Wiedergutmachung. Und manches Buch, das vielleicht 1950, ja sogar noch 1955 seine deutschen Leser gefunden hätte, kann in den sechziger Jahren mit einem breiteren Publikum nicht mehr rechnen. Das alles mag beruhigend klingen. Nur daß es den Kern der Frage nicht trifft. Denn die entscheidende Ursache für das zwiespältig-fatale Verhältnis zu den Exilautoren und ihre Nichtanerkennung muß in anderen Kategorien gesucht werden - außerhalb der Literatur, außerhalb der Kunst.
Es geht ganz einfach darum, daß die Beschäftigung mit dem Werk der einst vertriebenen Schriftsteller die Auseinandersetzung mit der jüngsten deutschen Vergangenheit und - vor allem - mit der deutschen Gegenwart impliziert. Zu dieser Auseinandersetzung war man in der Bundesrepublik nicht bereit - und ist es auch heute nur selten. Die Folgen sehen wir überall: in der Justiz, in der Presse, an den Universitäten, im Schulwesen. Genügt es nicht, auf die Tatsache zu verweisen, daß die Mörder von Auschwitz und Treblinka erst neunzehn Jahre nach der Kapitulation zur Verantwortung gezogen wurden?
Wie hätte man die Literatur der Emigration in die moralische Abrechnung einbeziehen sollen, wenn man die Notwendigkeit einer solchen Abrechnung zwar bei jeder Gelegenheit betonte, ihr aber doch immer wieder auswich? Dies, glaube ich, gilt es zu bedenken, wenn man sich die Frage stellt, warum in der Bundesrepublik trotz manch redlicher Bemühung die Bücher der Exilautoren, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nicht als lebendige Faktoren aufgenommen wurden.
Die unmittelbare pädagogische Funktion, zu der diese Literatur nach 1945 berufen war und die man ihr verweigert hat, wird sie jetzt - selbst wenn alle Möglichkeiten hierzu gegeben wären - nicht mehr nachholen können. Sie ist zum großen Teil schon Historie geworden. Neue Generationen brauchen eine andere, eine neue Literatur. Aber sie haben einen Anspruch darauf, diese Historie kennenzulernen und zu begreifen. Hierzu kann in hohem Maße die Veröffentlichung von Dokumenten beitragen, die dem heutigen deutschen Leser vergegenwärtigen, wie sich das literarische Leben in der Emigration abgespielt hat. Solche Dokumente enthält der von Hermann Kesten herausgegebene Band >Deutsche Literatur im Exil - Briefe europäischer Autoren 193 3-1949 Deutsche Literatur im Exil< aufgenommen wurden, versteht sich von selbst. Denn der Autor des >Fabian< ist Deutschlands Exilschriftsteller honoris causa: Nicht er war emigriert, wohl aber seine Bücher, die damals in der Schweiz erschienen.
Doch so berühmt die meisten Briefschreiber auch sind, so vergeblich wird man in dem Band Prunkstücke deutscher Prosa suchen. Von den Meistern der Feder bekommt man hier mitnichten Meisterwerke der Epistolographie zu lesen. Aber die Epistolographie ist nicht die Kunst des Briefschreibens, sondern die Kunst, Abhandlungen, Essays, Berichte, Pamphlete oder Bekenntnisse in Briefform zu verfassen. Daher haben wir esbei den zur Weltliteratur gehörenden Briefen im Grunde nicht mit Briefen zu tun. Dies gilt für die >Epistula ad Pisones < ebenso wie für jenes letztens wieder so aktuelle Schreiben >An den Herrn Dekan der Philosophischen Fakultät der Universität BonnHauptmann von Köpenick Abschied und Wiederkehr Badischen Zeitung< veröffentlicht wurde, schrieb der Rückkehrer Alfred Döblin einen Satz, der nicht für ihn allein gilt: »Und als ich wiederkam, da - kam ich nicht wieder.« - Die Skizze endet mit den Worten: »Ich fahre zusammen: man spricht neben mir deutsch. Daß man auf der Straße deutsch spricht! Ich sehe nicht die Straßen und Menschen, wie ich sie früher, vorher sah; auf allen liegt, wie eine Wolke, was geschehen ist und was ich mit mir trage: die düstere Pein der zwölf Jahre, Flucht nach Flucht. Manchmal schaudert's mich, manchmal muß ich wegblicken und bin bitter. Dann sehe ich ihr Elend und sehe, sie haben noch nicht erfahren, was sie erfahren haben. Es ist schwer. Ich möchte helfen.«
Seitdem sind viele Jahre vergangen, und vieles hat sich verändert. Nur befürchte ich, daß Döblins Feststellung heute kaum weniger aktuell ist: »Sie haben noch nicht erfahren, was sie erfahren haben.« Davon zeugt auch die Rolle, die die Exilliteratur im geistigen Leben dieses Landes spielt. Oder, richtiger gesagt: nicht spielt.
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