Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Wer schreibt provoziert

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Ein bißchen Amtsarzt, ein bißchen Moses



Der deutschen Kritik liebstes Sorgenkind, ihr schwierigster, vielleicht aber auch hoffnungsvollster Schützling, jener Autor, dessen schriftstellerische Niederlagen niemals der Aufmerksamkeit der literarischen Ã-ffentlichkeit entgehen und dessen imponierend beharrlicher Kampf um das Drama zumindest aufrichtigen Respekt abnötigt, er, der fortwährend im honorigen Verdacht steht, weit mehr als bisher leisten zu können und der sich jedenfalls in seinen von milder Melancholie und verständlicher Bitterkeit nicht freien Aufsätzen und Vorträgen immer wieder als einer der geistreichsten Vertreter seiner Generation erweist, Martin Walser also, der wackere Provokateur, hat sich in der Süddeutschen Zeitung < vom 31. Dezember 1964 über die Kritik Gedanken gemacht, die mir ebenso beachtlich wie höchst bedenklich zu sein scheinen.

      Häufig lese er - bekennt Walser -, was Kritiker schreiben, »als Bulletins, in Fachausdrücken von Krankheiten handelnd, die sie mir aufreden wollen; das ist aber eine Sprache, in der ich mir Krankheiten nicht gern aufreden lasse«.
      Ich meine hingegen - um bei diesem Vergleich zu bleiben -, daß es für das Wohl des Patienten entscheidend ist, ob die Diagnose zutrifft, nicht aber, wie sie formuliert wurde. Doch Walser schließt die Möglichkeit aus, daß er jene Krankheiten, die die Kritik zu diagnostizieren glaubt, überhaupt haben könne: Sie werden ihm, sagt er, nur aufgeredet. Gewiß, eine solche Reaktion mag den Betroffenen beruhigen. Aber ist sie nicht auch leichtsinnig? Und warum beanstandet Walser die Sprache nur jener Bulletins, in denen von seinen Krankheiten die Rede ist? Nirgends geht aus seinem Artikel hervor, daß ihn die »Fachausdrücke« auch dann stören, wenn der Befund zu seinen Gunsten ausfällt. Der Kritiker, befürchte ich, erinnert an den Arzt, den die Patienten schätzen und rühmen, solange er ihnen Erfreuliches und Gutes zu sagen hat, und den sie verfluchen, wenn er Krisen, Krankheiten oder gar Altersschwäche feststellt, wenn er warnt und mahnt.
      »Schließlich möchte man« - fährt Walser fort - »in der Beschreibung der eigenen Mängel wenigstens das Niveau gewahrt sehen, auf dem man diese Mängel selber zur Schau stellte.« Damit meint er »eine Intimität der Sprache zur Erfahrung dessen, der da schreibt, als Kritiker, als Romanschreiber usw. Also eine Intimität zu sich selber.«

Walser scheint zu übersehen, daß der Romancier und der Kritiker auf verschiedenen Ebenen und mit verschiedenen Mitteln arbeiten und auch nicht unbedingt dieselben Ziele vor Augen haben. Zwecklos und zugleich unmöglich ist es daher, das miteinander zu vergleichen, was Walser nicht sehr glücklich die »Intimität der Sprache zur Erfahrung« des Schreibers nennt. So wäre es zum Beispiel unsinnig, zu fragen, ob der Kritiker Joachim Kaiser in der Besprechung eines Stückes von Martin Walser jene sprachliche »Intimität« erreicht hat, die man vielleicht diesem Stück nachsagen kann. Darauf kommt es nicht an. Höchstens ließe sich, wenn man es schon auf solche Vergleiche abgesehen hat, die Frage stellen, wessen Sprache, die des Kritikers oder die des Dramatikers, dem jeweiligen Gegenstand eher gerecht wird. Da aber, glaube ich, müßte man doch zu dem Ergebnis kommen, daß zwar Kaisers Sprache genügt, um sich mit der Walserschen Dramatik auseinanderzusetzen, während die Sprache des Dramatikers Walser der deutschen Gegenwart vorerst noch nicht ganz gewachsen ist.
      Die Kritik wüßte nicht das Niveau zu wahren, auf dem die Werke stehen, mit denen sie sich befaßt? Darauf wäre zu erwidern, daß wir in den letzten Jahren mitunter Gelegenheit hatten, Zeugen eines höchst seltsamen, nahezu perversen Schauspiels zu sein: Bei manchen scharfsinnigen Analysen nichtiger Bücher ließ sich der Verdacht nicht ganz von der Hand weisen, einige deutsche Kritiker seien entschlossen und imstande, sich die Gegenstände ihrer Betrachtung selber zu schaffen, sie vor den Augen der verblüfften und oft auch verärgerten Leser förmlich zu erzeugen. Walser indes meint fragen zu müssen: »Warum nehmen viele Kritiker sich selber so wenig ernst als Schriftsteller? Warum verzichten sie auf sich selber, wenn sie über ein Buch oder über ein Theaterstück schreiben?« Die Kritiker, heißt es, »unterdrücken ihr Persönliches«. Obwohl sie doch Schriftsteller seien, schrieben viele von ihnen »nach fremdem Maß. Sie sehen von sich ab.«
Das ist ein Novum. Denn seit eh und je wird den Kritikern vorgeworfen, daß sie »ihr Persönliches« eben zu wenig unterdrücken, daß sie, statt zu zeigen, ob und wie der Autor, mit dem sie sich gerade befassen, schreiben kann, nur zeigen wollen, wie sie selber schreiben können. Daß sie, statt sachlich ihre Objekte zu untersuchen, diese lediglich als Sprungbretter mißbrauchen, um das Publikum mit Kapriolen zu beeindrucken, mit effektvollen Formulierungen, Witzen und Bonmots zu unterhalten.
     
Daß sie also, statt der Literatur zu dienen, ihr eher schaden, weil sie, von Eitelkeit getrieben, sich unaufhörlich selber in Szene setzen.
      In der Tat war in der Geschichte der deutschen Literaturkritik zu solchen Klagen oft genug Anlaß. Aber mit dem Hinweis auf den Ehrgeiz und die Eitelkeit einzelner mehr oder weniger prominenter Kritiker ist es hier nicht getan. Eine gewisse Rolle hat wohl das fatale Erbe der deutschen Romantik gespielt, das bis in unser Jahrhundert hinein spürbar wurde. Denn das Unheil, meine ich, kann man kaum überschätzen, das gerade der geniale Kritiker Friedrich Schlegel anrichtete, als er die These aufstellte: »Poesie kann nur durch Poesie kritisiert werden« -eine These übrigens, die schon durch seine eigene kritische Tätigkeit glanzvoll widerlegt ist.
      Nichts anderes als ein später Nachfahre der Romantiker war Alfred Kerr, der meinte, Kritik sei »als eine Dichtungsart anzusehen«, und der sich nicht scheute, auf die Frage »Warum treibt man das Verfassen von Rezensionen?« zu antworten: »Um des Rezensenten willen. Nicht um des Publikums willen noch um des Rezensierten willen.« Kein Zweifel, Kerr war ein bedeutender Schriftsteller, ein Meister der Formulierung. Aber schon in den zwanziger Jahren hatte sich seine poetische, impressionistische Kritik vollkommen überlebt.
      Ein anderes Beispiel, das uns zeitlich viel näher steht: Friedrich Sieburg. Auch ihm ging es fast nie um den literarischen Gegenstand, mit dem er sich scheinbar auseinandersetzte. Er benutzte ihn vielmehr als Ausgangspunkt und Vorwand für feuilletonistische Exkurse und allgemeine Reflexionen. Nicht wenige seiner Buchbesprechungen können als exemplarisch gelten. Indes: exemplarisch wofür ? Ich glaube: für eine Kritik, die den Kritiker ungleich deutlicher erkennen läßt als den Kritisierten. Und ich glaube nicht, daß eine solche Kritik der heutigen Zeit angemessen ist. So gilt wohl für Sieburg, was er selber vor wenigen Jahren über Kerr geschrieben hat: »Tot oder lebendig, er wird nicht wiederkommen.«
Wenn also Walser feststellt, daß manche unserer Kritiker »sich selbst kaum mehr ins Spiel bringen«, so übertreibt er zwar maßlos, sagt aber, glaube ich, insofern etwas Richtiges, als jene Kritik, die das besprochene Buch nur zum Anlaß und Hintergrund für eigene Darbietungen des Rezensenten nimmt, heutzutage tatsächlich viel seltener geworden ist. Was Walser bedauert und beklagt, halte ich jedoch für notwendig und erfreulich. Denn andererseits vermisse ich in den meisten Arbeiten der bekannten Kritiker - und nur von ihnen scheint Walser zu sprechen - das Individuelle keineswegs. Meint er wirklich, daß Günter Blöcker, Peter Demetz, Curt Hohoff, Hans Egon Holt-husen, Walter Jens, Hans Mayer oder Werner Weber in ihren Kritiken von sich absehen, das Persönliche unterdrücken ? Offen gestanden, ich bin nicht einmal ganz sicher, ob bei manchen Urteilen das Persönliche nicht eher eine zu große Rolle spielt.
      Die Kritiker funktionieren - schreibt Walser - »als öffentliche Sachwalter, sie scheinen sich zu verstehen als Bewerter, als Schiedsrichter. Selbst wenn es manchen von ihnen selber davor graut: sie werden zu Instanzen.« Sehr richtig. Selbstverständlich funktioniert der Kritiker als öffentlicher Sachwalter. Er soll es. Er muß es. Er übt ein Amt aus. Aber es ist doch nicht so, daß der Kritiker eine Meinung äußern darf, weil er ein Amt verwaltet. Vielmehr darf er dieses Amt verwalten, weil er eine Meinung hat.
      Da der Kritiker eine Instanz sei, sagt Walser weiter, habe er Macht: »Wer von den kritisierenden Schriftstellern diese Macht annimmt und sich ihrer gar bedient, ist natürlich verloren.« Machen wir uns doch nichts vor: Jeder Kritiker, der Einfluß hat, übt natürlich aus, was Walser mit dem mächtigen Wort »Macht« bezeichnet. Der Kritiker hat keine Möglichkeit, diese Macht nicht anzunehmen. Er kann höchstens den Beruf wechseln.
      Was geht jedoch daraus hervor? Walser fordert: »Der Schriftsteller als Kritiker dürfte, glaube ich, seine Prosa schreiben als einer, der nur für sich schreibt, der nur bemüht ist, mit seiner ganzen bewußten und unbewußten Geschichte auf den literarischen Gegenstand zu antworten. Und je radikaler er das versuchte, desto mehr Verbindlichkeit bewirkte er.«
Ich bin gerade der entgegengesetzten Ansicht. Da der Kritiker Einfluß ausübt und Macht hat, da er - ob es ihm gefällt oder nicht - eine Instanz ist, darf er eben nicht »schreiben als einer, der nur für sich schreibt«. Hingegen hat er stets zu bedenken, welche Folgerungen sich aus seiner Arbeit ergeben können, welchen Schaden er möglicherweise verursacht. Ein Kritiker, der vergißt, daß er eine Instanz ist oder der so tut, als wüßte er es nicht, hört nicht auf, eine Instanz zu sein, er handelt aber verantwortungslos. Es mag bequem und dekorativ sein, so zu tun, als schriebe man nur für sich. Nur halte ich diese Attitüde für feige und verlogen zugleich. Wer mit einer Waffe umgeht, muß sich stets dessen bewußt sein, was er mit ihr anrichten kann.
     
Was ist also letztlich von dem Kritiker zu erwarten? Manche wollen, schreibt Walser ironisch, sein: »ein bißchen Amtsarzt, ein bißchen Moses, ein bißchen Verkehrspolizist, ein bißchen Weltgeist, ein bißchen Tante Lessing, ein bißchen Onkel Linne, ein bißchen Robert Koch . . .« Das ist so übel nicht. In der Tat, der Kritiker muß ein bißchen Amtsarzt sein , ein bißchen Moses , ein bißchen Verkehrspolizist, der sich um das literarische Leben kümmert und, wie jeder Schriftsteller, ein bißchen Weltgeist auch.
      Und da wundert sich Walser, daß es um unsere Kritik nicht gerade herrlich bestellt ist? »Die wahren Kenner der Dichtkunst sind zu allen Zeiten, in allen Ländern eben so rar, als die wahren Dichter selbst gewesen.« Dürfen wir diesen Satz, den Lessing am 25. Jänner 1759 in den >Briefen, die neueste Literatur betreffend< geschrieben hat, als überholt bezeichnen?

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