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Wer schreibt provoziert

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Die Warschauer Mauer und die Berliner Mauer



Die Handlung des Bühnenstücks >Die Mauer < des amerikanischen Autors Miliard Lampell spielt im Warschauer Getto. Die deutsche Erstaufführung fand im November 1961 in München statt. Im Programmheft ist eine »Fußnote« des Ãobersetzers Hans Sahl zu lesen, in der es heißt: ». . . Welche Mauer ist gemeint? Die von Warschau oder die von Berlin? . . . Ich habe die Mauer von Berlin gesehen ... Es war nicht die Mauer von Warschau, und doch war es dieselbe . . . Nur die Schauplätze ändern sich, die Uniformen, die Irrlehren, mit denen die einen die anderen auszurotten versuchen.«

Diese »Fußnote« hat Erich Kuby veranlaßt, an den Intendanten des Bayerischen Staatsschauspiels ein Protestschreiben zu richten, in dem er Sahl vorwirft, er sei infolge »einer gewissen Kalte-Krieger-Haltung ... in eine Argumentationslinie mit alten und neuen Nazis« gerückt. »In dieser schauderhaften, gedankenlosen und tief inhumanen Gleichsetzung« drücke sich »eine geistige Korruption aus«, die »beweist, daß der Verfasser vermutlich aus Opportunismus die Kontrolle verloren hat und nicht mehr weiß, was er sagt«. Das Theater - schreibt Kuby weiter - biete dem deutschen Publikum zusammen mit dem Stück auch gleich die Entschuldigung an: »Naja, das waren die Nazis, aber die anderen sind ja auch nicht besser.« - Es stellte sich heraus, daß die Bemerkungen von Hans Sahl im Programmheft auf besonderen Wunsch des S. Fischer Verlages, der über die Rechte für das Stück verfügt, gedruckt wurden. Kuby richtete daher einen Brief auch an den Verleger Dr. Ber-mann-Fischer, in dem er meint, die umstrittene Fußnote vergleiche »eine höchst bedauerliche und schreckliche Konsequenz der weltweit geführten Ost-West-Auseinandersetzung in Berlin mit einer Einrichtung, die die Vorstufe und Voraussetzung für den Massenmord an einer halben Million Juden gewesen ist. . .«
Zunächst einmal: Wird von Sahl tatsächlich - wie Kuby behauptet - »das absolut Unvergleichbare« verglichen? Es ist immer leicht, Vergleiche historischer Ereignisse und Erscheinungen, die ein zeitlicher Abstand von Jahrzehnten trennt, zu widerlegen. Selbstverständlich bestehen zwischen solchen Phänomenen immer wesentliche Unterschiede - sie brauchen jedoch in der Regel einen publizistischen Vergleich nicht in Frage zu stellen, wenn der Hinweis auf die Ã"hnlichkeit berechtigt ist. Es wäre meiner Ansicht nach Wahnsinn, das Warschauer Getto mit Ostberlin vergleichen zu wollen. Sahl hat dies nicht getan. Er meint lediglich, es sei »dieselbe« Mauer und schreibt: »Ãoberall, wo es Verfolger und Verfolgte gibt. .. geht ein Todesstreifen mitten durch die Menschheit.« Das scheint mir nicht falsch zu sein. Wer beide Mauern gesehen hat, die Warschauer unddie Berliner , der mußte eine bestürzende Ã"hnlichkeit dieser Bauwerke feststellen - mögen sich die historische Situation und die konkrete Funktion der Grenzmauern noch sosehr voneinander unterscheiden. Warum sollten sich diese Bauwerke eigentlich nicht ähneln? Sie sind hier wie da von Deutschen ausgedacht, angeordnet und errichtet worden. Hier wie da wurden oder werden sie von Deutschen bewacht. Vielleicht will es sogar der Zufall, daß es dieselben Männer sind , die heute wie vor zwanzig Jahren derartige Pflichten erfüllen.
      Warum protestiert Kuby so heftig gegen den Vergleich? Weil die Warschauer Mauer Vorstufe für den Massenmord an einer halben Million Menschen war. Gewiß, derartiges kann von der Berliner Mauer nicht gesagt werden. Nicht fünfhunderttausend, sondern fünfzehn oder fünfzig Menschen sind bisher an der Sektorengrenze umgekommen. Glauben Sie, Erich Kuby, daß es richtig ist, sich auf eine solche Arithmetik mit Menschen einzulassen, auf die Substraktion oder Addition von Opfern? Ãobrigens sind nur wenige Monate seit der Errichtung der Berliner Mauer verstrichen. Die Folgen der Warschauer Mauer kennen wir. Niemand wird wohl so leichtsinnig sein, die Folgen der Berliner Mauer vorauszusagen. Muß ich Sie, Erich Kuby, darauf hinweisen: Es ist noch nicht aller Tage Abend?
Aber noch ein ganz anderer Umstand scheint mir in diesem Zusammenhang wichtig zu sein. Viele in der Bundesrepublik tätigen Journalisten, denen vor zwanzig Jahren die Warschauer Mauer bestenfalls gleichgültig war und die bisweilen das Getto als neugierige Touristen aufsuchten, vergießen jetzt aus Anlaß der Berliner Mauer die staatlich konzessionierten Tränen des Vaterlandes und stimmen eifrig die von manchen Konzernen und Instanzen angeordneten Klagelieder an. Die Erinnerung an das Warschauer Getto legt ihnen gleichzeitig nahe , daß diese Mauern nicht nur einander etwas ähneln, sondern daß sie auch in einem gewissen ursächlichen Zusammenhang stehen. Glauben Sie nicht, Erich Kuby, daß die Berliner Mauer die historische und moralische Quittung für die Warschauer Mauer ist? Ich brauche Ihnen doch nicht zu sagen, daß die heutige Situation und somit natürlich auch die Berliner Mauer Folgeerscheinungen der nationalsozialistischen Verbrechen sind. Noch deutlicher: Es müssen heute viele Berliner leiden, weil sie - oder ihre Väter -einst ein unmenschliches System unterstützt oder geduldet haben.
      Gewiß kann man Hans Sahl vorwerfen, seine Bemerkungen seien nicht frei von groben Simplifizierungen. Ist es jedoch möglich, eine so komplizierte Problematik in einer »Fußnote« von insgesamt sechzehn Druckzeilen anzuschneiden und dabei Vereinfachungen zu vermeiden? Es wäre vielleicht besser gewesen, wenn sich Sahl in dieser Angelegenheit ausführlicher oder überhaupt nicht geäußert hätte. So kann man ihn von den Mißverständnissen, die die knappe Fassung seiner »Fußnote« hervorgerufen hat, nicht freisprechen.
      Und damit kommen wir zu einer weiteren Frage: Ich glaube, daß es grundsätzlich falsch ist, Stücke, deren Handlung in der Vergangenheit spielt, im Programmheft mit aktuellen politischen Kommentaren zu versehen. Entweder ergibt sich die Analogie aus dem Stück selbst - oder gar nicht. In beiden Fällen ist der politische Nachhilfeunterricht überflüssig. Ich glaube auch, daß die Verlage die Zusammenstellung der Programme ganz und gar den Theatern überlassen sollten.
      Bleibt noch Kubys harte Feststellung, daß der Hinweis auf das Furchtbare von heute Wasser auf die Mühle alter und neuer Nazis sei. Kuby hat recht. Auch Chruschtschows berühmte Rede von 19 5 6 - um nur ein Beispiel anzuführen -, in der er die Verbrechen des Stalinismus enthüllte oder bestätigte, hat gewiß viele unverbesserliche Nazis getröstet. Ja, es stimmt leider, daß nicht nur das »Dritte Reich« Schreckliches getan hat. Was tun, Erich Kuby? Die Tatsachen verheimlichen, weil viele gemein und dumm genug sind, um in manchen Geschehnissen von heute eine Rechtfertigung der Verbrechen von gestern zu sehen? Nein, das glaube ich nicht, daß Sie, Erich Kuby, die Wahrheit verheimlichen möchten - auch wenn diese Wahrheit für unsere Sache nicht immer günstig ist.
     

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