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Die Vorliebe für Ich-Erzählungen



Die meisten im Jahr 1963 erschienenen Romane deutschsprachiger Autoren der jüngeren und mittleren Generation sind Ich-Erzählungen. Das trifft auf die neuen Bücher von Böll, Grass und Lenz ebenso zu wie auf die Erstlinge von Thomas Bernhard, Peter Faecke, Hermann Moers und Paul Nizon. Das gilt für die epischen Versuche von Schweizern und Ã-sterreichern ebenso wie für diejenigen der Schriftsteller aus der Bundesrepublik . Die Elbe scheidet die Geister in dieser Hinsicht nicht: Die wichtigeren 1963 in der DDR veröffentlichten Romane Schriftsteller zu tun. Ist das richtig ? Handelt es sich wirklich um eine begründete Vorliebe? Oder vielleicht um eine bedenkliche Mode?
Der Romancier des 19. Jahrhunderts habe sich, heißt es, göttliche Attribute zuerkannt. Ein Weltschöpfer wollte er in der Tat sein. Er glaubte, die ganze Szene überblicken zu müssen und überblicken zu können. Er bildete sich ein, frei über seine Figuren verfügen zu dürfen. Er maßte sich an, alle ihre Taten und Empfindungen zu kennen, alle ihre Gedanken zu durchschauen. Und ob er wie ein Gott waltete oder nicht - sicher ist, daß er das Dasein für erkennbar hielt. Und das Erkennbare für erzählbar. Diese Ãoberzeugung geht dem modernen Romancier ab. Balzac, Tolstoj und Fontane verwandelten das Leben in deutliche und übersichtliche epische Landschaften. Proust, Kafka und Joyce, Andre Gide, Virginia Woolf und Faulkner hielten es hingegen für ihre künstlerische Pflicht, epische Land Schäften zu entwerfen, die der Undeutlichkeit und der Unver-ständlichkeit des Lebens gerecht werden sollten. Die einen beweisen, daß sich alles darstellen und daher auch deuten läßt. Die anderen zeigen, daß sich vieles nicht darstellen und kaum ahnen läßt. Die einen lösen Gleichungen auf, die anderen demonstrieren, daß die Gleichungen nicht aufgehen. Balzac war ein göttlicher Optimist. Wer würde kühn genug sein, dies Joyce nachzusagen? Tolstoj richtete sein Wort an die ganze Menschheit. Kafka wollte seine Hauptwerke nicht einmal drucken lassen.
      Dem veränderten Verhältnis zum Leben entspricht die veränderte Perspektive. Dem modernen Erzähler, der sich der Grenzen seiner Möglichkeiten bewußt wird, muß die souveräne Manier des allgegenwärtigen und allwissenden, allumfassenden und allmächtigen Autors fragwürdig und verdächtig, wenn nicht gar lächerlich und verlogen erscheinen. In der Omnipräsenz und der Omnipotenz, die seine klassischen Vorgänger für ihre selbstverständlichen Privilegien erachteten, sieht er nicht mehr als eine veraltete, etwas rührende Konvention und eine heute nicht mehr erträgliche Fiktion. Er verzichtet freiwillig auf eine Macht, die, wie er meint, auf einem leichtsinnigen und naiven Trugschluß beruhte. Er schränkt also die Perspektive ein - oft auf die Erfahrungen und Erlebnisse einer einzigen Gestalt, die er nicht mit der Fähigkeit ausstattet, das menschliche Dasein zu begreifen, die Zusammenhänge zu durchschauen. Er bezieht alles auf dieses eine Individuum oder schildert nur das, was von ihm wahrgenommen werden könnte. Der Autor versteckt sich hinter demRücken seines Helden oder seines Ich-Erzählers. In vielen Fällen bedeutet das ein und dasselbe.
      Auf diese Weise war ein großer Teil der Prosa unseres Jahrhunderts zu jener fundamentalen Sicht der Epik zurückgekehrt, die seit der >Odyssee< immer wieder als besonders modern entdeckt wird. Von einer Ãoberwindung der Fiktion kann allerdings nicht die Rede sein: Wie die Perspektive des auf seine Allmacht bestehenden Romanciers eine Konvention war, entspricht in nicht geringerem Maße auch die Haltung des Ich-Erzählers einer altehrwürdigen literarischen Konvention, die indes - und nur das ist entscheidend - unserem Weltgefühl eher angemessen zu sein scheint. Anders ausgedrückt: Die Objektivität des traditionellen Romanciers, der das dargestellte Geschehen genau begreift und uns alles zu erklären vermag, beruhte natürlich auf einer Fiktion. Die einseitige Perspektive des modernen Ro-manciers, der uns über die Vorgänge in seinem Buch im Ungewissen läßt, der vorgibt, die von ihm erfundenen Gestalten nicht genau zu kennen und lediglich Vermutungen über die Geschehnisse und Personen äußert, muß sich im Endergebnis ebenfalls als eine Fiktion erweisen. Aber diese bescheiden und resigniert anmutende Fiktion scheint heute, zumal nach den Erlebnissen, die unserer Generation in den letzten beiden Jahrzehnten zuteil wurden, eher annehmbar zu sein.
      Der auffälligen Vorliebe der meisten deutschen Schriftsteller unserer Zeit für die Ich-Erzählung können also triftige Gründe nicht abgesprochen werden. Was jedoch bei Böll, Frisch und Nossack, Grass, Walser und Weiss ein legitimes, sinnvoll und oft auch vortrefflich angewandtes Ausdrucksmittel der Epik ist, wird bei vielen ihrer Nachahmer zur billigen Mode, zum primitiven Kompositionstrick und zur Masche, die sich jeder leisten kann. Denn von allen Eigentümlichkeiten des zeitgenössischen Romans läßt sich keine leichter imitieren als sein Hang zum Monologischen; von allen Kunstgriffen der modernen Epik läßt sich keiner einfacher nachmachen als die Perspektive des Ich-Erzählers. Und keiner wird, meine ich, häufiger mißbraucht. Autoren, die sich offenbar der Möglichkeiten dieser Erzählhaltung kaum bewußt sind, scheinen anzunehmen, sie sei besonders geeignet, ihre schriftstellerischen Schwächen zu bemänteln oder gar zu rechtfertigen. Intellektuelle Dürftigkeit, Banales und Fades, Pathos und Sentimentalität, Oberflächlichkeit und Langeweile, unbeholfener, parfümierter oder lederner Stil, chaotische Komposition und viele andere Mängel werden von fahrlässigen und törichten Romanciers ihren vorgeschobenen Ich-Erzählern zur Last gelegt: Ihr geistiges Format und ihre psychische Konstruktion, ihre Unbildung und ihr schlechter Geschmack sollen für alles, was der Leser ertragen muß, verantwortlich sein.
      Einer bekannten Definition von Goethe zufolge ist der Roman »eine subjektive Epopöe, in welcher der Verfasser sich die Erlaubnis ausbittet, die Welt nach seiner Weise zu behandeln. Es fragt sich also nur, ob er eine Weise habe . . .« Das gilt auch für den Roman unserer Zeit - mögen es Er- oder Ich-Erzählungen sein. Die Existenz des Ich-Erzählers darf uns nicht den Umstand verdecken, daß viele Autoren keine Weise haben, die Welt zu behandeln. Der Germanist Wolfgang Kayser schrieb einmal: »Wir wollen nicht zurück zu der behaglichen Allwissenheit des Erzählers aus dem 19. Jahrhundert und seiner Vertraulichkeit mit dem lieben Leser . . . Aber mit dem ersten Wort, das der Romanschreiber setzt, schafft er eine Welt und schafft sie sich durch ihn.«
Ob der heutige Romancier die epische Allmacht beansprucht oder sich ihrer entledigt, ob er einen Ich-Erzähler einführt oder nicht - von der Pflicht, gute Prosa zu schreiben und eine Welt zu schaffen, können wir ihn nicht entbinden. Und warum sollten wir es ?

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