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Die Avantgarde ist tot - es lebe die Veränderung



Walter Höllerer, Poet, Philologe und Redakteur, denkender Lyriker, lyrischer Wissenschaftler und wissenschaftlicher An-thologist, Herausgeber der Zeitschriften > Akzente < und > Sprache im Technischen Zeitalter < sowie der Buchreihe »Literatur als Kunst«, Ordinarius, Rundfunk-Würdenträger und Fernsehstar, Chef des literarischen Lebens zwischen Brandenburger Tor und Wannsee, bewundernswerter Oberaktivist, genialischer Großimpresario und souveräner Diskutant, Virtuose der mündlichen Kritik und Erfinder des »Literarischen Kolloquiums«, Liebling des intellektuellen Westberlins und legendärer Grass-Entdecker, unermüdlicher Förderer junger Dichter mit Talent und junger Dichterinnen auch ohne Talent, Walter Höllerer, der neben Enzensberger derzeit wertvollste Beitrag des Bayernlandes zum geistigen Leben der Nation, er, der agile Prediger der Moderne, der langjährige Theoretiker und Beschützer der deutschen Avantgardisten und Esoteriker, dem unterstellt wird, sein Glaubensbekenntnis laute: »Der Klang ist alles, der Sinn - nichts«, und dem man nachsagt, er pflege, wenn es jemand gewagt hat, in seiner Gegenwart von engagierter Kunst zu sprechen, sofort das Zimmer zu lüften und in besonders schweren Fällen auch desinfizieren zu lassen - dieser Walter Höllerer ist eben kein Dogmatiker und versteht von Dichtung mehr als die meisten, die sich heutzutage über deutsche Literatur verbreiten. Daher will er jetzt (>Akzente< 64; 5/6 und >Der Monatneue Realismus Mut-maßungen< wahrlich nicht als Novum gelten. Daß dieser angeblich neue Realismus kein »Abschildern« sei, besagt ebenfalls nichts, da alle bedeutenden Schriftsteller, ob mit oder ohne positivistische Realitätsgläubigkeit, die Grenzen des »Abschil-derns« gesprengt haben und sprengen mußten. Und welcher Schriftsteller, den man ernst nehmen könnte, hätte sich je in unserer Epoche um eine Neuauflage des Naturalismus bemüht? Wenn schließlich Höllerer betont, jener »neue Realismus« bestätige nicht, sondern sei auf Entdeckungen aus, muß ich gestehen, daß ich keinen einzigen großen Realisten kenne, der ausschließlich »bestätigt« hat: Ob Stendhal oder Balzac, Dostojewski oder Tolstoj - sie waren immer auf Entdeckungen aus. Sonst hätten wir sie längst vergessen.

      Kurzum: Die Kategorien und Kriterien, mit denen hier ein »neuer Realismus« definiert werden sollte, sind im Grunde für einen großen Teil der modernen Literatur schlechthin charakteristisch und treffen mitunter sogar auf die Meister der Literatur aller Epochen zu. Dennoch kann man Höllerer insofern zustimmen, als sich in der Tat eine wichtige Veränderung innerhalb der neuesten Literatur - auch der deutschen - beobachten läßt. Die Abkehr von der Avantgarde, von dem Artifiziellen und dem Esoterischen braucht wohl keinem Zweifel mehr zu unterliegen. Dem entspricht die eindeutige Hinwendung zum Konkreten, zum Stoff, zum greifbaren Gedanken, zur Wirklichkeit, zur Gegenwart, zu unserer tatsächlichen Umwelt und somit zugleich zum Leser und zum Zuschauer. Haben wir es jedoch bei dieser gegenwärtigen Hinwendung auch mit einer Entscheidung zu Gunsten des Realismus in der modernen Literatur zu tun? Ja, gewiß, in vielen Fällen ist es so. Aber keineswegs immer.
      Zunächst einmal: Da alles fließt und man deshalb, wie seit Jahrtausenden bekannt, nicht zweimal in denselben Fluß steigen kann, kann auch der Realismus, dem wir heute begegnen, natürlich nicht mehr der alte sein. Ihn kennzeichnet vor allem, glaube ich, daß er sich der Grenzen seiner Möglichkeiten bewußt bleibt. In diesem Sinne ist es ein bescheidener, ein undogmatischer und nach allen Seiten hin offener Realismus. Er entzieht sich jeglicher programmatischer Festlegung und wird sich ihr, vermute ich, auch weiterhin entziehen - was ich übrigens keineswegs beklage. Indes meine ich, daß das wichtigste Kennzeichen der jetzigen Veränderung in der Literatur eben nicht eine wie auch immer erneuerte, also die Errungenschaften der Moderne verwertende und die heutigen Bedürfnisse berücksichtigende realistische Schreibweise und Darstellungsart ist, sondern, ganz allgemein gesagt, das Verhältnis der Autoren zur Gegenwart und Wirklichkeit. Nicht Realismus müßte somit das Stichwort sein, sondern eher Realität - und der kann man glücklicherweise mit unterschiedlichen, ja auch gegensätzlichen Mitteln und Stilen beikommen. Wir sollten sie nicht mit voreiligen Definitionsversuchen einengen.
      Diese Veränderung macht sich ebenso in der Lyrik bemerkbar - etwa in den neuesten Versen Heißenbüttels, in den > Warn-gedichten< und >Ãoberlegungen< Erich Frieds - wie auch, vielleicht noch deutlicher, im Drama.
      Leichtsinnig und vergeblich wäre es, denke ich, wollte man Hochhuths Stellvertreter^ Weiss' >Verfolgung und Ermordung Jean Paul MaratsOppenheimer< und >Joel Brand < und Walsers >Schwarzen Schwan < auf einen gemeinsamen stilistischen Nenner bringen - von den beträchtlichen Niveauunterschieden ganz zu schweigen. Aber es fällt doch sofort auf, daß im Mittelpunkt dieser Stücke moralische und moralpolitische, eindeutig der Gegenwart verpflichtete Konflikte stehen, daß es immer wieder um die Rolle, die Verantwortung und die Schuld des Individuums angesichts der Geschichte geht und diese Frage nicht an abstrakten Fällen exemplifiziert wird. Alle diese Stücke behandeln Stoffe und Motive, die in Raum und Zeit genau fixiert sind. Wie der Weg des Dramatikers Weiss von der >Nacht mit Gästen < zum >Marat< und der des Dramatikers Walser vom >Abstecher< zum >Schwarzen Schwan < geführt hat, so ist auch Grass, der als Bühnenautormit dem >Hochwasser< begann, nunmehr bei der deutschen Tragödie >Die Plebejer proben den Aufstand< angelangt: Statt der abstrakten Parabel von derNaturkatastrophe das Drama von der konkreten moralischen und politischen Katastrophe - ein Stück, das nicht mehr immer und überall spielt, sondern am 17. Juni 1953 in Ostberlin.
      Natürlich ist diese Veränderung auch in der Prosa spürbar -hier vor allem die Rückkehr zum Erzählen, zur Fabel, zur Darstellung realer Bereiche und konkreter gesellschaftlicher Milieus. Während die Dramatiker die Konflikte des Individuums auf dem Hintergrund der Weltgeschichte zu zeigen versuchen, wollen die Erzähler vor allem dem verfehlten Leben des kleinen Mannes auf dem Hintergrund seines Alltags gerecht werden. Dies gilt zumindest für die wichtigsten Debütanten des Jahres 1964: Peter Bichsel, Günter Herburger und Günter Seu-ren.
      In einer Untersuchung mit dem Titel >Wie entsteht ein Gedicht

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