Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


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Dichterlesungen



Sehr geehrter Herr Professor Höllerer!
Ãober Ihre Einladung habe ich mich sehr gefreut. Ich soll also im Rahmen der »Internationalen Lesereihe«, die Sie in der Berliner Kongreßhalle unter dem Motto »Literatur im technischen Zeitalter« veranstalten, einige meiner Gedichte lesen und eine Episode aus dem Roman, an dem ich jetzt arbeite. Ich gebe es zu: Es kostet mich einige Ãoberwindung, dieser Einladung nicht zu folgen. Denn Sie präsentieren ja nur hervorragende Kollegen wie Doderer und Frisch, Nathalie Sarraute, Adamov, Robbe-Grillet und Angus Wilson. Ihre Veranstaltungen sind, obwohl sie in einem Riesensaal stattfinden, überfüllt und werden außerdem noch vom Fernsehen übertragen. Das ist zumindest ausgezeichnete Reklame - und wir Schriftsteller wären weltfremd oder größenwahnsinnig, wollten wir auf Werbung verzichten. Nein, nicht darum geht es.

      Aber ich weiß, daß ich die Produkte meiner Feder nur mittelmäßig oder ziemlich schlecht lese. Ich glaube auch, daß dies auf die meisten meiner berühmten und weniger berühmten Kollegen zutrifft. Friedrich Dürrenmatt, der doch ein genialischer Kerl ist, las neulich im Rundfunk eines seiner Hörspiele. Sie haben es nicht gehört? Seien Sie glücklich. Es war eine schreckliche Darbietung. Wenn Ingeborg Bachmann, die Sie ja auch präsentiert haben, ihre schönen Verse öffentlich liest, bin ich nie ganz sicher, ob ich einer Folterung beiwohne oder dem Auftritt einer schlechten Provinzschauspielerin, die versucht, eine scheue Poetin zu mimen. Jedenfalls ist es peinlich. Man sollte, meine ich, die Literatur vor den Rezitationskünsten der Verfasser schützen. Was erwartet man eigentlich von den lesenden Schriftstellern? Die authentische Interpretation? Aber davon könnte ja nur dann die Rede sein, wenn ein Autor über die unentbehrlichen stimmlichen und technischen Voraussetzungen verfügte, also nicht Dilettant auf dem Gebiet der Vortragskunst wäre. Die Zahl der Schriftsteller hingegen, die gut lesen können, ist kaum größer als die der Schauspieler, die gut schreiben können. Wirsollten, denkeich, den Dilettantismus bekämpfen und in unserem Bereich, der Sprache also, jene Achtung vor dem gelernten oder gar talentvollen Interpreten haben, an der es den Musikern, den Komponisten zumal, nie mangelt.
      Nun glauben Sie aber nicht, sehr geehrter Herr Professor, ich sei etwa ein Sonderling, der das Licht der Ã-ffentlichkeit fürchtet. Ich stelle mich meinem Publikum, sooft es dies wünscht - ich halte Vorträge, nehme an Diskussionsabenden teil. Auf die Gefahr hin, daß Sie mir Inkonsequenz vorwerfen, muß ich zugeben, daß ich in den traditionellen Lesungen, zu denen zweihundert oder dreihundert Menschen erscheinen, einen gewissen Sinn sehe. Und nicht nur deswegen, weil in dem viel kleineren Rahmen - ohne Scheinwerfer, ohne Mikrophone und Fernsehkameras - der Dilettantismus des Vortrags weniger auffällt. Im Grunde geht es bei solchen Veranstaltungen kaum um die Lesung. Sie ist meist nur Vorwand. Die Leute wollen mit dem Autor, für den sie sich interessieren, ein paar Worte sprechen, ihm einige Fragen stellen. Und mitunter kommt es bei einer solchen Gelegenheit, entschuldigen Sie das mißbrauchte Wort, zu einer »Begegnung«.
     
Aber davon kann doch bei Ihren effektvollen Darbietungen überhaupt nicht die Rede sein. Der von mächtigen Scheinwerfern angestrahlte, von imponierenden Fernsehkameras gejagte und von vielen Mikrophonen und auch Technikern umstellte Dichter, dessen Lesung überdies von einem wahrscheinlich notwendigen Rauschen und Zischen der Apparate begleitet wird, ist ein unzugänglicher Star geworden. Er kann nicht angesprochen oder befragt, sondern nur noch angestarrt werden. Daß während meiner Lesung manche der Anwesenden mich mit einem Opernglas beobachten würden, schmeichelt nicht im geringsten meiner Eitelkeit. Ich leugne nicht ihre Existenz, aber sie bezieht sich auf meine Uterarischen Werke, nicht auf meine Mimik. Befürchten Sie nicht, Herr Professor, daß es in den meisten Fällen pure Sensationsgier ist, die die Besucher in den Kongreßsaal treibt ? Sie werden mir vielleicht antworten wollen, man müsse diese billige Sensationsgier in wirkliches Interesse oder sogar in Liebe zur Literatur ummünzen. Daß dies Ihre Absicht ist, unterliegt für mich keinem Zweifel. Daher wünsche ich Ihren Veranstaltungen große Erfolge. Aber ich habe den Eindruck, daß auch Sie, sehr verehrter Herr Professor, bei diesen literarischen Star-Revues im Riesenzirkus ein gewisses Unbehagen nicht ganz verdrängen können. Ich bitte Sie, für meine Absage Verständnis zu haben.
      Mit vorzüglichster Hochachtung Ihr sehr ergebener

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